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Zwischen Eilmeldungen und Tanztrends Tiktok, Instagram und Twitter: Über welche Kanäle junge Menschen die Nachrichten verfolgen

Junge Leute am Handy
Junge Leute informieren sich über Apps auf dem Handy
© Getty Images
Immer mehr junge Menschen erhalten ihre politischen News über andere Wege als noch vor zehn Jahren. Doch welche sind sie und wer oder was steckt dahinter – eine Übersicht.
Von Alma Bartels

Es ist ein sonniger Vormittag in Los Angeles, als Hasan Piker seinen Computer hochfährt und seine Bildschirme und Kamera anstellt. Auf einem der Screens erscheinen sekündlich tausende von Kommentaren, Emoticons und Links; auf einem anderen sind bereits etliche Tabs im Browser geöffnet mit Nachrichtenseiten, Artikeln, Tweets, Videos oder Grafiken.

Es scheint ein unübersichtliches Chaos zu sein, doch für Hasan ist dies Alltag. Er ist Streamer auf der Plattform Twitch, bekannt unter dem Usernamen HasanAbi und erreicht mit seinem acht bis neun Stunden pausenlosen Stream – 7 Tage die Woche – 40.000 bis 50.000 Menschen nicht nur in den USA, sondern auch auf der ganzen Welt.

Täglich berichtet er über aktuelle politische Themen, trägt Informationen zusammen und bietet kontextualisierte Einbettung zu Kommentaren oder Nachrichten aus den USA, aber auch zu globaleren Konflikten. Bei größeren Ereignissen wie US-Wahlen oder den Anfängen des Angriffskrieges auf die Ukraine schauten teilweise mehr als 150.000 Menschen seinen Stream.

Rechten Stimmen die Stirn bieten

Allerdings berichtet er nicht nur über tagesaktuelle Themen, sondern reagiert auch auf Videos und Posts anderer amerikanischen politischen Kommentatoren aus der konservativen Sparte wie Ben Shapiro oder Steven Crowder. Beide unterhalten ihre eigenen Youtube-Kanäle und Shows, in denen sie ähnlich wie Piker ihre Einschätzungen und Meinungen zu politischen Diskursen abgeben – allerdings auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

Hasan Piker begann allerdings nicht auf Twitch, sondern bei Facebook und Youtube. Bevor er regelmäßig sich tausenden Zuschauer auf Twitch unterhielt, arbeitete er bei den „Young Turks“, einer links-liberalen Medienseite mit eigenen Shows und Segmenten auf Facebook und Youtube, in denen ihre Hosts über aktuelle politische Themen diskutierten. Piker beschreibt in Interviews mit dem Magazin „Complex“, dass er zu dieser Zeit zu wenige ausdrücklich linke politische Kommentatoren sah, welche den lauter und mächtiger werdenden Konservativen und rechten Stimmen die Stirn boten. Er sah dies jedoch als Gelegenheit und lud seine eigenen Ausschnitte auf den Facebook-Kanal der „Young Turks“ hoch.

Besonders seine eigene Show „Agit Prop“ (das Wort beschreibt Propaganda kommunistisch-leninistischer Ausprägung) war durchaus beliebt; Clips mit seinen bissigen, humorvollen Kontraargumenten und Meinungen gingen im Internet regelmäßig viral. Er und seine „Widersacher“ wie Ben Shapiro landen alle paar Wochen durch einige ihrer Aussagen in den „trending topics“ und Hashtags auf Twitter.

In den letzten Jahren entwickelten sich auf der Plattform Netzwerke von NGOs, Journalist*innen und Nachrichtenportalen, welche regelmäßig ihre eigenen Einschätzungen zu tagesaktuellen Themen tweeten und teilen. Besonders viele junge Menschen erhalten ihre Nachrichten über die „trending topics“-Seite auf Twitter oder in ihren Blasen (das persönliche Netzwerk jeden Nutzers bestehend aus ihren gefolgten Personen).

Auch politische Kommentatoren wie Hasan Piker nutzen diese Plattform regelmäßig für minütige Updates im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, mit O-Tönen von Pressekonferenzen von Joe Biden oder nicht zuletzt am 6. Januar 2021, als tausende Demonstranten das Kapitol in Washington D.C. stürmten (an diesem Tag verfolgten 200.000 Menschen Hasans Stream).

Instagram als Medium für politische Nachrichten

Doch nicht nur Twitter ist ein beliebter Ort zum Teilen von Nachrichten, Austausch oder Meinungskundgebungen. Auch soziale Netzwerke wie Instagram werden zunehmend für Nachrichten oder politischen Aktivismus und Content genutzt.

Diese Plattform ist allerdings hauptsächlich auf Fotos und Videos angewiesen, weswegen sich Grafiken und kurze Schlagzeilen eher durchsetzen, um Aufmerksamkeit auf Themen, Artikel oder Nachrichten zu lenken. Die visuelle Form machen sich Nachrichtenkanäle von Radiostationen, Print und Fernsehen zu nutzen – mit Erfolg.

Wenn man allerdings über soziale Netzwerke, Instrumentalisierung oder Nachrichtenverbreitung spricht, darf eine Plattform nicht unterschätzt werden: Tiktok. Besonders für jüngere User der Millenial und Gen Z-Generation ist diese App ansprechend. Zu Zeiten der weltweiten Proteste um die Black-Lives-Matter-Bewegung, Umweltschutz oder #StopAsianHate-Bewegung nutzten User*innen und Aktivist*innen die Plattform für Organisierung, Interessensvertretung und Bildung.

Anderseits prangerten junge User*innen die Plattform an für ihre Zensur von politischen Themen und Schwarzen Content Creators. Oft sperrte oder versteckte der Algorithmus der Plattform bestimmte Hashtags, machte Inhalte nicht sichtbar oder verringerte die Reichweite vieler Aktivist*innen, die politische Bildungsarbeit leisteten.

Trotz allem gewinnt Tiktok täglich Nutzer*innen dazu, eventuelle Zensur wird umgangen, und der politische Diskurs findet weiterhin statt, wenn auch in engeren Subkulturen und Blasen als beispielsweise auf Twitter oder Instagram. Dies ist dem Algorithmus zu verschulden, welcher Videos je nach Nutzerverhalten, Likes und Kommentaren auf die eigene, personalisierte Startseite spült.

Das Einflusspotential von Tiktok auf jüngere Menschen haben nicht nur politische Figuren sowie Kommentatoren entdeckt; auch politische Streamer wie Hasan Piker reagieren in ihren Streams auf Tiktok-Videos und diskutieren ihre Inhalte mit ihrem Chat. Einen Unterschied zu Plattformen wie Instagram oder Youtube hat die Plattform Twitch jedoch: Alle Kommentare gehen in Echtzeit ein, was den Diskurs erleichtert.

Auch Hasan hat einen eigenen Bildschirm nur für die Kommentarspalte. Am Ende seines Arbeitstages verabschiedet er sich von seinen Zuschauer*innen, welche sich durch die Kommentare äußern, Herz-Emojis schicken oder eine gute Nacht wünschen (je nach Zeitzone).

Morgen wird er wieder zur gleichen Zeit seinen Stream eröffnen und auf Nachrichten und politische Ereignisse berichten, die sich inzwischen ereignet haben.


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