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Videoportal Youtube: Von der Lachfabrik zum Fernsehsender

Youtube ist die größte Bühne der Welt. Vom Amateurvideo bis zum Profi-Musikclip ist dort alles zu finden. Google will daraus das nächste Fernsehen machen. Der erste Schritt: ein neues Gewand.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Am liebsten greift Youtubes Designchefin in den Küchenschrank, wenn sie erklären will, warum der Welt liebste Internet-Videothek neuerdings etwas anders ausschaut. "Teller dienen dazu, etwas zu präsentieren", sagt Margaret Gould Stewart, während sie in der Firmenzentrale bei San Francisco vor ihrem Laptop sitzt, und ruft ein Foto auf; es zeigt fünf ganz verschiedene Arten von Geschirr, vom Wegwerfteller bis zum teuren Sammlerstück aus Porzellan. "Niemand isst den Teller selbst, aber die Frage ist bei jedem Gericht, ob das Essen zum Teller passt - niemand würde etwa einen Weihnachtsbraten vom Pappteller essen."

Von Lady Gaga bis Mathematik

Ähnlich war Youtube auf der Suche nach einem neuen Weg, die ungeheure Fülle an Material zu präsentieren, das immerfort auf die Großrechner der Google-Tochter geladen wird. Das ursprüngliche Design der 2005 gestarteten Webseite, fanden die Macher, hatte über die Jahre Staub angesetzt und wurde der großen Vielfalt des Angebots nicht mehr gerecht: In jeder Minute kommen 60 Stunden neue Videos hinzu - vom wackeligen Handyfilmchen, das beim Lady-Gaga-Konzert entstanden ist, bis zu aufwändig produzierten Einführungen in die höhere Mathematik oder Sketche hoffnungsfroher Nachwuchskomiker.

All das sollte eine neue Bühne bekommen, die jedem Video gleichermaßen gerecht wird. Die Lösung fand Gould Stewart, eine studierte Medieninformatikerin, Hausfrau und Mutter, in den schlichten, aber universell ansprechenden Keramik-Kreationen der Design-Ikone Eva Zeisel. "Egal, was man auf diese Teller tut, es sieht immer gut aus", sagt die 41-Jährige Kalifornierin und zeigt auf einen beigen Teller, der schlicht ist, aber zeitlos elegant, ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. "Das war unser Vorbild", sagt Gould Stewart. "Das wollten wir auch erreichen."

So präsentiert Youtube sich nun in Grau und Weiß und Anthrazit, mit klaren Linien und Rubriken, gleichermaßen unaufdringlich wie unaufgeregt - aber irgendwie auch, nun ja, ein bisschen langweilig, geschäftsmäßig und nicht mehr wirklich wie Youtube. Finden zumindest Tausende von Nutzern, die in Kommentaren auf Googles eigener Youtube-Seite ihrem Ärger Luft machen. Die Verantwortliche nimmt das ganz gelassen: "Menschen mögen keine Veränderungen", sagt Gould Stewart, ganz Kalifornierin mit sonnigem Gemüt, und lacht. Man kennt das ja: Wenn man sich durchringt, endlich mal aufzuräumen, dauert es anschließend einer Weile, bis man sich zurechtfindet. "Also selbst wenn etwas eindeutig besser ist, gibt es immer eine frustierende Phase, in der man lernen und sich neu orientieren muss."

"Wir wollen alle Videos der Welt zeigen"

Der Wandel allerdings war unvermeidlich, denn Google hat Großes mit Youtube vor, und die amateurhafte Anmutung aus den Anfangstagen, das Kuddelmuddel aus Links und Videos, die irgendwie zusammengehören, passte nicht länger zur Strategie. Neben den Hobbyfilmen von tanzenden Haustieren und herumkaspernden Kleinkindern sollen sich mehr und mehr die Profis bei Youtube zu Hause fühlen. So will es die Konzernmutter Google, die aus Youtube eine Art Internet-Kabel-TV mit Tausenden von Spartenkanälen machen möchte. Inhalte auf ähnlichem Niveau wie im Fernsehen, so die Hoffnung, spielen mehr Werbegeld ein, als es mit Nutzervideos allein möglich ist.

"Wir wollen alle Videos der Welt zeigen", sagt Gould Stewart, deshalb müssten Profis wie Madonna und der Schöpfer der TV-Serie CSI sich ebenso bei Youtube wohlfühlen wie der Papa, der spontan die Handykamera zückt. "Es ist ein Drahtseilakt", sagt die Designerin. "Wir haben versucht, professioneller auszusehen, ohne glatt und seelenlos zu werden."

Fernsehen für alle

Das neue Design präsentiert Videos nach Themengebieten wie Nachrichten, Comedy, Musik und Sport und soll dem Publikum auch helfen, sich besser zurechtzufinden. "Wenn in jeder Minute 60 Stunden neue Videos hinzukommen, wird das Entdecken zu einer enormen Herausforderung", sagt Gould Stewart. Deshalb will Youtube künftig auch weiter gehen, als Kanäle und Rubriken automatisch nach Stichworten zu füllen. Begeisterte Fans sollen mehr und mehr ermuntert werden, Videos, die sie interessant finden, zu sammeln und daraus eigene Kanäle zu basteln.

"Ein Fernsehsender, bei dem sich alles nur um Schokolade dreht, wäre nicht finanzierbar", sagt Gould Stewart. Bei Youtube dagegen? Kein Problem: Schoko-Liebhaber könnten ohne Kosten und mit wenig Aufwand aus der Fülle an Material ein packendes Programm zusammenstellen. "Zuschauer gibt es garantiert genug, die sich brennend für dieses Thema interessieren", sagt Gould Stewart. "Und es gibt viele Firmen, die sehr gern in solch einem Umfeld werben würden."

Menschliche Helfer braucht Google, weil Technik allein nicht reicht: Oft stellen Nutzer Videos ins System, ohne sie mit Schlagwörtern zu versehen, und Computer sind nicht so weit, dass sie von allein verstehen könnten, worum es in den Bilderfluten geht. Derzeit füllt Youtube sein neues Designer-Gewand mehr oder weniger auf gut Glück mit Inhalten, die mal passen und mal eher daneben liegen - etwa wenn Videos über Promi-Boxen und "Ufo-Akten aus dem Auswärtigen Amt" als Top-Nachrichten eingeordnet werden. "Software ist für viele Einsatzgebiete eine große Hilfe - aber nicht immer", räumt die Youtube-Managerin ein. "Computer haben zum Beispiel keinen guten Sinn für Humor."

Ein Marktplatz der Ideen

Auf welche Art die freiwilligen Programmchefs aus der Nutzergemeinde für ihre Arbeit belohnt werden könnten, steht noch nicht fest. Möglich aber, dass die sogenannten Kuratoren, die Youtube beim Sichten und Sortieren helfen, bald ähnlich an Werbeeinnahmen mitverdienen könnten wie Tausende von Partnern, die Videos beisteuern. "Es ist noch zu früh, darüber zu reden", windet sich Gould Stewart. "Aber ganz klar, es gibt enormes Potenzial für eine solche Lösung. Produzieren ist nicht alles, es geht auch ums Einordnen."

Eingeschworenen Youtube-Fans, denen bei aller Kommerzialisierung ihres Lieblings Angst und Bange werden mag, versuchen die Macher in der Zentrale zu beruhigen: Bei allem Wandel werde Youtube immer auch ein Ort für Amateurvideos und für die kleinen Freuden, Patzer und Lacher des Alltags sein, versichert Gould Stewart. "Im Herzen bleibt Youtube ein Marktplatz der Ideen mit dem Versprechen, dass jeder mitmachen kann", sagt die Designchefin - selbst wenn der alte Bekannte gelegentlich ein Facelifting bekommt, um mit der Zeit zu gehen. "Wenn niemand sich aufregt", folgert Gould Stewart, "heißt das für mich, wir waren zu konservativ und sind nicht weit genug gegangen."

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