Es war in der Technikwelt eine der interessantesten Meldungen der Woche: Als erster Android-Smartphone-Hersteller wird es das junge Start-up Nothing über (gefährliche) Umwege ermöglichen, Apples iMessage auch für die Fremdplattform nutzbar zu machen (hier erfahren Sie mehr). Gründer Carl Pei dürfte sich kürzlich sehr geärgert haben, dass seine Bemühungen – bis auf erstaunlich gute PR – wohl umsonst waren. Wie mehrere Medien, darunter das IT-Fachmagazin "Heise" und der Apple-Blog "9to5Mac", berichten, wird Apple seine Messaging-App schon im kommenden Jahr öffnen.
Apple macht das iPhone fit für RCS
Möglich wird die Kommunikation zwischen Apple-Geräten und Android-Smartphones durch die Unterstützung des Kommunikationsstandards RCS ("Rich Communication Standard"). RCS ist keine eigenständige App, sondern vielmehr ein Ersatz für SMS und MMS. Je nach Umsetzung ermöglicht RCS die gleichen Funktionen, die auch Whatsapp-, Signal oder eben iMessage bieten – unabhängig von der genutzten Plattform. Die Kosten für RCS sind anbieterabhängig, bei den meisten ist der Standard bereits inklusive. Da RCS ohne zusätzliche App auskommt, besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass man beispielsweise sein Adressbuch nicht mit Drittanbietern teilen muss.
Laut "9to5Mac" erklärt Apple den Schritt wie folgt: "Im Laufe des nächsten Jahres werden wir die Unterstützung für RCS Universal Profile, den derzeit von der GSM Association veröffentlichten Standard, hinzufügen. Wir glauben, dass RCS Universal Profile im Vergleich zu SMS oder MMS eine bessere Interoperabilität bietet. Dies wird neben iMessage funktionieren, das weiterhin das beste und sicherste Messaging-Erlebnis für Apple-Nutzer sein wird."
Details zur Unterstützung von RCS stehen derweil noch aus. Auch fehlen offenbar noch wichtige Funktionen, etwa eine starke Verschlüsselung. Daran wolle Apple mit anderen Mitgliedern des internationalen Branchenverbands der GSM-Provider (GSMA) aber noch feilen, heißt es.
Freiwillig oder nicht – Gewinner sind die Nutzer
Ob Apple diesen Schritt gänzlich freiwillig gegangen ist, oder ob die Einführung von RCS ähnlich präventiv war wie der Umstieg auf die USB-C-Schnittstelle, wird man wohl nicht erfahren. Fakt ist, dass insbesondere Google seit Jahren großen Druck gemacht hat, dass Apple sich mit dem bisher hermetisch abgeriegelten iMessage auch für Android öffnet. Der Grund dürfte auch in den USA zu finden sein, wo Apple den Markt dominiert. Unter jungen Anwendern kommen iPhones auf 87 Prozent Marktanteil – auch deshalb, weil iMessage dort am meisten genutzt und Whatsapp eher als Randerscheinung wahrgenommen wird.
Noch vor etwa einem Jahr hatte Apple RCS definitiv nicht auf der Wunschliste. Damals wurde CEO Tim Cook während eines Bühnentalks von einem der Anwesenden gefragt, was er machen solle, wenn seine Mutter Android nutze, ihn aber über iMessage erreichen wolle. Cooks ungewöhnlich lockere Antwort: "Kauf deiner Mutter ein iPhone." Ferner gab Cook zu verstehen, dass er sich nicht vorstellen könne, dass Apple-Nutzern die Unterstützung von RCS wichtig sei.
Wie auch bei USB-C, könnte letztlich die EU damit zu tun haben, dass Apple nun einlenkt. Denn Google und mehrere Netzbetreiber wandten sich an EU-Regulierer, um iMessage als sogenannten "zentralen Plattformdienst" einstufen zu lassen. Sollte man dem Antrag stattgeben, fiele Apple damit unter die neuen Regeln des Gesetzes über digitale Märkte (Digital Markets Act – DMA). Diese sehen unter anderem vor, dass Anbieter der größten Messenger Wege finden müssen, ihre Apps interoperabel zu machen, sie also miteinander reden lassen. RCS bietet sich als Lösung für dieses Problem an.
Optisch wird sich jedenfalls nichts ändern: Während ausschließlich iMessages blau bleiben, werden auch RCS-Nachrichten im Chat in grünen "Bubbles" angezeigt. Wen die Farbe seiner Nachrichten stört, braucht nun wirklich ein iPhone.