Mobile World Congress Wie die Handys von morgen aussehen


Die weltgrößte Mobilfunkmesse zeigt die neuen Handytrends. Die Zukunft bringt viele, viele bunte Smartphones, Apps für jeden Geschmack - und das Ende der zehn Zifferntasten.
Von Gerd Blank, Barcelona

Samsung macht die Welle: In riesigen Lettern zeigt der Elektronikriese seinen Mitbewerbern den Stinkefinger. In ganz Barcelona, aber vor allem rund um das Messegelände des Mobile World Congress, kann man seinen Blick nicht schweifen lassen, ohne Werbeplakate von Samsung zu sehen. Der Konzern will die Aufmerksamkeit auf das neue Flaggschiff "Wave" lenken. Dafür wurde sogar die Fassade der alten Stierkampfarena, inzwischen ein Einkaufszentrum, eingekleidet.

Aber ist Wave diese Aufmerksamkeit wirklich wert? Auf den ersten Blick ist das Gerät des drittgrößten Handyherstellers nur ein weiteres Smartphone mit großem Display. Unter der Haube protzt das Samsung-Teil allerdings mit starken Werten: Der Touchscreen mit der neuen Super-Amoled genannten Technik sorgt für eine gestochen scharfe und ruckelfreie Darstellung auf dem 3,3-Zoll-Display. Als Motor dient ein für Handys überraschend starker Ein-Gigahertz-Chip.

Doch im Prinzip unterscheidet sich das Gerät kaum von der Konkurrenz. Ob das Display einen Millimeter größer ist und der Prozessor einen Takt schneller schlägt, scheint bei all den Smartphones, die in Barcelona präsentiert werden, zur Nebensache zu werden. Auch die Betriebssysteme verschwinden hinter angepassten Oberflächen. So sieht man bei den neuen HTC-Telefonen zu allererst die eigene "Sense"-Oberfläche, egal ob Android, Windows Mobile oder andere Systeme als Antrieb dienen. "Nutzer wollen gar nicht wissen, was für ein Betriebssystem installiert ist", sagt HTC-Manager Eric Matthes. "Wichtig ist, dass die Geräte einfach zu nutzen sind." Doch obwohl alle Geräte im Einheitslook daherkommen, merkt der Nutzer schnell, wo die Grenzen dieses Konzepts liegen. Denn wer sich neue Programme - App genannt - installieren will, muss schon wissen, bei welchen der inzwischen unzähligen Downloadshops er sich anmelden muss. Dass der Nutzer solche Apps will, daran herrscht kein Zweifel auf dem Branchentreff.

Apps sind überall

Ob Google mit dem Android-Market, Windows Mobile mit seinem Marktplatz oder Samsung, Palm, LG und wie sie alle heißen mit ihren eigenen Lösungen - alle wollen ebenfalls vom App-Boom profitieren, den Apples iPhone ausgelöst hat. Das ganze Messegelände ist mit Hinweisen auf die besten mobilen Anwendungen tapeziert. Ob soziale Vernetzung, Multimedia oder Büroanwendungen - es gibt immer mehr als eine App dafür. Wie einst für stationäre Computer haben Programmierer die mobilen Geräte für sich entdeckt und zeigen die Lust an der Softwareentwicklung an jeder Messeecke.

Obwohl Apple Messen ignoriert, ist das iPhone omnipräsent. Überall werden Apps für das Telefon mit dem Apfel optimiert. Allerdings darf nicht jeder Hersteller mit seinen Produkten aufs Apple-Handy. So bleibt Adobe aufgrund seines andauernden Streits mit Apple nichts anderes übrig, als seine Software "Adobe Air" nur für Android-Smartphones zu präsentieren. Per Adobe Air können Anwendungen plattformunabhängig entwickelt werden, eine Programmversion läuft dann auf verschiedenen Betriebssystemen. Nach Mac OSX, Windows und Linux wird das künftig auch auf Google-Handys funktionieren. Doch diese Einschränkungen könnten bald der Vergangenheit angehören. 24 Mobilfunkbetreiber aus aller Welt, darunter T-Mobile und AT&T, haben sich zur Wholesale Applications Community zusammengeschlossen. Die Initiative will eine einheitliche Applikations-Plattform entwickeln, Anwendungen sollen auf jedem Smartphone funktionieren. Unterstützt wird diese Allianz auch von den Handybauern LG und Sony Ericsson, beides Unternehmen ohne erfolgreiche App-Stores.

Endlich: Windows Mobile 7

Und Microsoft? Innerhalb eines Jahres hat die größte Softwareschmiede der Welt rund ein Viertel seines Marktanteils bei Handy-Betriebssystemen verloren. Ein Update von Windows Mobile war längst überfällig. Vor genau einem Jahr stellte Steve Ballmer Version 6.5 vor, nicht mehr als eine Detailverbesserung eines unbeliebten Systems. Die wesentliche Neuerung war die Einführung eines eigenen Softwareshops. Erst 2010 scheint die Zeit reif für einen Neuanfang. Mit Version 7 hält eine neue Nutzeroberfläche Einzug auf den Windows-Smartphones. Microsoft hat das durchaus hübsche Bedienungkonzept des bislang nur in den USA verkauften MP3-Player Zune übernommen. Ob das Unternehmen damit die verlorene Kundschaft zurückgewinnen kann, ist zweifelhaft. Denn eine coole Oberfläche macht aus Microsoft noch lange kein cooles Unternehmen.

Bye-bye, Tastatur!

Klar ist: Die Zeit der kleinen Telefone mit den zehn Zifferntasten ist wohl vorbei. Künftig werden selbst Handys für Einsteiger zu Touchscreen-Smartphones. Der Verlust der Tasten ist für die Inhalte-Anbieter allerdings ein Gewinn, denn durch das größere Display lassen sich auch Werbeanzeigen besser platzieren. Google und Apple, die beiden wichtigsten Mitspieler im Smartphone-Markt, bringen nicht nur Inhalte aufs Display, sie besitzen auch die wichtigsten mobilen Anzeigenvermarkter. Auch Nokia, immerhin größter Handyhersteller der Welt, setzt auf Werbeeinblendungen in ortsbezogenen Diensten und macht zu diesem Zweck aus allen neuen Smartphones vollwertige Navigationsgeräte. Mehr noch: Zusammen mit Intel präsentierte das finnische Unternehmen eine Linux-basierte Softwareplattform Meego, mit denen Anwendungen unabhängig von der Geräteklasse - sei es Smartphone oder Tablet PC - entwickelt werden können.

Der Mobile World Congress in Barcelona zeigt, dass die Zeit der privaten Desktoprechner abläuft. Die mobilen Alleskönner sind inzwischen leistungsstärker, als es vollwertige Computer vor wenigen Jahren waren. Geld wird mit Apps und Werbung verdient, und das jederzeit und an jedem Ort. Die ganze Welt steckt in der Hosentasche, gleich neben dem Portemonnaie.


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