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Editorial: Der Drang nach Freiheit

Liebe stern-Leser!

Sexuelle Befreiung in der islamischen Welt? Für viele im Westen ist das eine absurde Vorstellung - angesichts nicht enden wollender Meldungen über Ehrenmorde, Steinigung von Ehebrecherinnen oder Zwangsverheiratungen minderjähriger Mädchen. Die meisten Muslime müssen sich in ihrem Liebesleben immer noch rigiden Regeln unterwerfen, deren Missachtung vor allem für Frauen vielerorts drakonische Strafen nach sich ziehen kann.

Von einem Aufbruch, wie er bei uns in den 60er und 70er Jahren in Gang kam, ist die islamische Welt weit entfernt. Umso größer ist der Drang nach mehr Freiheit - besonders unter jungen Muslimen. Denn die Verlockungen der globalisierten Welt lassen auch sie nicht ungerührt.

"Ihre sexuellen Bedürfnisse mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen - das ist für viele die größte Herausforderung", sagt stern-Redakteur Steffen Gassel. Gemeinsam mit stern-Redakteurin Cornelia Fuchs und der Fotografin Jordis Schlösser recherchierte er den siebten Teil unserer Serie über Sexualität in Zeiten der Globalisierung.

In der libanesischen Hauptstadt Beirut erfuhr Gassel, wie immer mehr muslimische Pärchen das Verbot umgehen, vor der Heirat Sex zu haben - mit dem Segen islamischer Geistlicher, aber oft ohne Wissen ihrer Familien.

Cornelia Fuchs traf in Kairo eine muslimische Sexualtherapeutin, die Paaren zeigt, wie Frauen auch nach ihrer Beschneidung Spaß am Sex haben können. Und sprach mit einer jungen Frau, die sich nicht damit abfinden will, dass der Vater ihrer unehelichen Tochter jegliche Verantwortung für das Kind ablehnt. Die Mutter zog vor Gericht und hat damit einen Skandal ausgelöst, der Ägypten in Atem hält. Die Titelgeschichte beginnt auf Seite 57.

Vor zwei Jahren traf stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann zum ersten Mal auf den Rekruteur der U.S. Army Michael J. Murphy, kurz bevor der in den Irak versetzt wurde. Wiechmann recherchierte damals, wie stark der Krieg die Stadt Buffalo im Staat New York getroffen hatte. Acht tote GIs kamen von dort, darunter der jüngste Gefallene der USA, der 18-jährige David Evans.

Sergeant Murphy hatte Evans für das Militär geworben und litt stark unter dem Tod des Jungen. Er erzählte offen von den zum Teil dubiosen Methoden und Lügen, mit denen die Armee junge Leute köderte. Inzwischen hat die U.S. Army eine Vielzahl von Untersuchungen einleiten müssen, denn ihre Rekruteure ließen Untaugliche gesundschreiben oder vertuschten deren Drogenvergangenheit, um die Reihen aufzufüllen und die von ihren Vorgesetzten vorgegebenen Zahlen zu erreichen. Erstmals seit 1999 wird die Armee in diesem Jahr ihr Ziel - 80 000 neue Rekruten - verpassen. Ein Zeugnis dafür, wie kriegsmüde Amerika geworden ist.

Nach einem einjährigen Einsatz im Sunnitischen Dreieck des Irak wurde Sergeant Murphy nach Schweinfurt in Bayern versetzt. Dort traf ihn stern-Reporter Wiechmann wieder. Er begegnete einem selbstkritischen, vom Krieg gezeichneten Mann. Seine Reportage beginnt auf Seite 46.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

Thomas Osterkorn / print

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