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Kohls Memoiren: Politiker sterben zweimal

Auf 1000 Seiten beschreibt Helmut Kohl im zweiten Band seiner Memoiren die Jahre 1982 bis 1990. Doch wem nutzt das Memorieren? stern.de sprach darüber mit dem Lüdenscheider Biographieforscher Alexander von Plato.

Herr von Plato, gibt es eigentlich Spitzenpolitiker, die dem Drang, ihre eigene Geschichte zu Papier zu bringen, widerstanden haben?

Sie haben fast alle Memoiren geschrieben. Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass sie am Ende ihres Lebens Bilanz ziehen wollen. Das Motiv, damit Geld zu verdienen, ist eher zweitrangig. Die meisten sind ohnehin versorgt.

Sie haben die Memoiren der an der Wiedervereinigung beteiligten Politiker untersucht. Was ist Ihnen aufgefallen?

Alle wollen als diejenigen erscheinen, die die Interessen ihres Landes oder ihrer Partei gut vertreten haben. Und so geben sie rückblickend Ereignisse als gewollt aus, die sie damals nicht gewollt haben. Gorbatschow zum Beispiel verglich Ende November 1989 Kohls Politik mit Hitlers Expansionspolitik von 1938 - das geht aus Sitzungsprotokollen hervor. Und er wollte ganz sicher nicht, dass die Nato ihr Einflussgebiet bis an die Grenze Russlands ausweitet. Heute sagt er, das hätte die friedliche Entwicklung Europas befördert. Es fällt auch auf, dass Kohl und Gorbatschow ihre Leistungen für die Wiedervereinigung derart betonen, dass der eigentlich Initiator Bush dahinter zu verblassen scheint.

Helmut Kohl behauptet in seinem zweiten Band, der heute vorgestellt wird, zum Beispiel, auch Mitterand habe die Wiedervereinigung verhindern wollen. Ist diese These haltbar?

Nein, nicht in dieser Weise. Ich glaube, dass Mitterand die Wiedervereinigung befürwortet hat - aber besorgt war, dass sie einen Widerspruch zur europäischen Einigung erzeugen würde. Deswegen beharrte er zum Beispiel auf der Einführung des Euro. Er wollte auch eine unabhängige europäische Sicherheitsarchitektur. Mag sein, dass Kohl diese europäischen Interessen Mitterands zeitweilig als Gegnerschaft missverstanden hat.

In der "Bild" beschrieb Kohl kürzlich das „System Kohl“ als ein "System von Zuwendungen" – und er meinte damit allein persönliche Aufmerksamkeit und Freundschaftsbeweise. Fehlt da vielleicht ein Aspekt?

Ich glaube, dass jemand wie Helmut Kohl nicht unmittelbar Gelder verteilen muss. Er vergab Posten und verlieh loyalen Mitarbeitern Macht und Entscheidungskompetenz. Und in dieser Hinsicht - einer Personalpolitik, die sich an Loyalität orientiert - hatte Kohl ein unglaublich waches Gedächtnis.

Als ausgebildeter Historiker müsste Helmut Kohl eigentlich auch Quellen und Dokumente nennen, die seine Thesen stützen. Warum scheuen die meisten Memoirenschreiber die Fußnote wie der Teufel das Weihwasser?

Ich weiß, dass Kohl für seine Memoiren sehr viel gelesen und sich auch früher vieles aus der Parlamentsbibliothek besorgt hat. Und ein Politiker wie Genscher hat zum Beispiel sehr exakt in seinen Memoiren Daten und Quellen genannt. Ich glaube, die Scheu vor Fußnoten hat eher etwas mit der Verkäuflichkeit des Buches zu tun. Meist sind es ja auch nicht die Fakten, die falsch sind, sondern die Interpretationen, die Anlass zu Widerspruch geben.

Der Altkanzler fühlt sich als Opfer von Demagogie und Geschichtsfälschung. Welche Auswirkung hat diese Selbstdefinition auf seine Memoiren?

Ich glaube, er wird versuchen, seinen ehemaligen Kritikern die Realgeschichte entgegenzuhalten. Es stimmt ja auch: 1990 waren viele, zum Beispiel Oskar Lafontaine, gegen die – zu schnelle oder zu teure – Wiedervereinigung. Doch sie kam, und zwar schneller, als gedacht. Heute profitieren auch die damaligen Kritiker davon. Und daran wird Kohl sie erinnern.

Wobei man die Geschichte immer so oder anders lesen kann. Welchen historischen Nährwert haben Memoiren überhaupt?

Memoiren sind immer subjektiv konstruierte Geschichten. Der Autor will sich legitimieren, das ist keine Frage.

Wer war der wüsteste Geschichtsverdreher, der Ihnen bislang untergekommen ist?

Alle haben ein wenig zurechtgerückt, geschliffen, will heißen: ein wenig gelogen. Der härteste Fall war aus meiner Kenntnis heraus jedoch Erich von Mansteins Erinnerungen "Verlorene Siege" - eine hanebüchene Geschichtsverdrehung, vor allem, was die Rolle der Generalität, ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen aber auch die Kriegsereignisse selbst angeht.

Memoiren sind gewöhnlich erfolgreicher als Biographien über die jeweilige Person. Woran liegt es?

Das ist nicht immer so, aber es gibt generell Zeiten, die für Biographien und Autobiobiographien förderlich sind. Meistens sind es Zeiten des Umbruchs und des damit verbundenen Verlustes an früheren Orientierungen. Die Leser suchen, auch bei hohen Politikern, nach Erfahrungen, die den ihren ähneln und damit nach Bestätigung.

Und was treibt die Schreiber an?

Memoirenschreiber haben eine tragische Seite, weil sie Zeugen einer untergehenden Epoche sind und gegen eine neue Zeit anschreiben. Sie wissen, dass sie die letzten Pinguine auf der Eisscholle sind, die immer stärker schmilzt. Sie haben nur noch eine letzte Chance, sich im das kulturellen Gedächtnis der nachfolgenden Generation zu verankern. Und sie wissen, dass sie einen doppelten Tod sterben: Zuerst stirbt die Gültigkeit ihrer Perspektive - die in ihrer aktiven Zeit noch da gewesen sein mag - dann sterben sie physisch. Und die Memoiren sind auch so etwas wie ein ungeduldiges Vorantreiben dieses letzten Geschäfts.

Was können Sie den Lesern von Memoiren mit auf den Weg geben?

Nehmt sie als Literatur, als Quelle, und versucht sie mit wissenschaftlicher Literatur zu konfrontieren. Aber ich würde mir den Spaß an der Lektüre nicht nehmen lassen.

Interview: Lutz Kinkel