HOME

Editorial: Eine Stadt, drei Religionen

Liebe stern-Leser!

Rom ist den Katholiken sakrosankt, Mekka den Muslimen und Varanasi den Hindus. Jerusalem dagegen ist gleich drei Weltreligionen heilig. Auf engstem Raum huldigen hier Christen, Juden und Muslime ihrem Gott. Was dazu geführt hat, dass Yerushalayim, die "Stadt des Friedens", zur wohl unfriedlichsten Stadt der letzten 2000 Jahre geworden ist. Der Kampf um den Ort in den Bergen hat immer wieder Kriege und Aufstände ausgelöst. Und wer meint, heute stritten sich nur Israelis und Palästinenser um ihn, sollte einmal die Grabeskirche besuchen: Seit Jahrhunderten zanken sich hier christliche Konfessionen um jede Nische des Gebäudes.

Zugleich gibt es Orte in dieser Stadt, an denen Besucher sich weit entrückt fühlen von allem Hader, auf dem Ölberg etwa, in kleinen Gassen der Altstadt. Diesen Zwiespalt spürte auch unsere Korrespondentin Stefanie Rosenkranz, die jetzt mit dem israelischen Fotografen Moshe Shai in die Stadt reiste und Mönche, orthodoxe Juden und fromme Muslime befragte. Die Lage war zwar ruhig, "trotzdem befindet sich Jerusalem permanent am Rand eines Nervenzusammenbruchs", sagt Rosenkranz. Selbst nach mehr als 20 Besuchen kann sie sich nicht der eigentümlichen Faszination dieser Stadt entziehen, deren tiefe und oft auch fanatische Frömmigkeit zugleich anzieht und abstößt.

Horst Köhler ist der erste Bundespräsident, der vor seiner Wahl kein politisches Mandat hatte. Man könnte auch sagen: der nicht im Parteienklüngel verwurzelt (und gefangen) ist. Das gibt ihm eine Unabhängigkeit, die die Wähler zunehmend freut und die Regierungsparteien immer häufiger ärgert, wenn er diese zu Reformen antreibt oder verpfuschte Gesetze nicht unterzeichnet. Die Schwäche der Großen Koalition ist Köhlers Stärke.

Der stern porträtiert den ersten Mann im Staate mit teils sehr privaten Bildern. Der Hamburger Fotograf Christian Irrgang, 49, hatte Köhler erstmals im April 2004 für den stern in Washington besucht, als der noch Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds war und gerade von Angela Merkel als Überraschungskandidat nominiert worden war. Fortan begleitete er ihn bei vielen Reisen und offiziellen Anlässen. Schließlich luden Horst und Eva Köhler den Fotografen zu einem privaten Abendessen ein und öffneten ihm danach auch Türen, die für Journalisten normalerweise verschlossen sind.

Fotograf Christian Irrgang war im Schloss Bellevue freilich kein Unbekannter: Er hatte schon Johannes Rau mit eindrucksvollen Schwarzweißbildern porträtiert, die der stern nach dessen Tod im Januar auf 20 Extraseiten druckte.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein besinnliches Weihnachtsfest. Am kommenden Donnerstag erscheint der stern traditionell mit seinem Jahresrückblick, faszinierenden Bildern und bewegenden Reportagen und Porträts.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

print