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Editorial: Eva Herman und die Frage: Wie ahnungslos darf man sein?

Liebe stern-Leser! Man muss Eva Herman nicht ernst nehmen. Um ihr gerecht zu werden, reicht es, sich ein hübsches Zitat aus einem Buch von Harry Rowohlt Auszuleihen...

Man muss Eva Herman nicht ernst nehmen. Um ihr gerecht zu werden, reicht es, sich ein hübsches Zitat aus einem Buch von Harry Rowohlt auszuleihen: „Ich find, jeder darf sagen, was er denkt. Falls man vorher was gedacht hat!“ Aber die Debatte, die seit ihrem Rauswurf aus der Kerner-Show aufbrandet, verdient durchaus Beachtung. Im ersten Reflex applaudierten viele dem „mutigen“ Talkmaster. Doch dann dämmerte einigen vorschnellen Kommentatoren, dass Eva Herman vielleicht Unsinn redet, aber ein im Grundgesetz verbrieftes Recht ausübt, diese Meinung zu haben und auch zu äußern. Und dass Kerners Überreaktion nicht gerade von Liberalität zeugt, zumal sich Herman von den Nazi-Ideen deutlich distanzierte. Der Quote tat die Showeinlage natürlich gut. Und einer wie Kerner, überwiegend im seichten Fach zu Hause, kann sich mit einer korrekten Haltung zum Thema Nationalsozialismus prima profilieren. Scheinheilig wollte der ZDF-Gutmensch der verwirrten Eva helfen, ihr Missverständnis zu erkennen und aufzuklären, scheiterte jedoch kläglich. Mit dem Zweiten sieht man besser? In diesem Fall nicht.

Wenn es denn der Aufklärungsarbeit

dienen sollte, ging Kerners inquisitorische Bekehrungsmission voll daneben. Nicht nur die ZDF-Website wurde bestürmt mit galligen Kommentaren über die Inkompetenz des Talkmasters. Auch in Foren und auf Internet-Nachrichtenseiten wie stern.de ging es hoch her. Tausende debattierten über die Frage, wie wir mit einer Eva Herman und unserer Vergangenheit umgehen sollen. Viele verwiesen darauf, dass die NPD und ihre Neonazi-Freunde die wahren Gegner der Demokratie seien, die braunes Gedankengut verbreiten, um Hitlers Ideologie neues Leben einzuhauchen. Aber nicht eine entlassene TVAufsagerin, die sich allzu gerne durch die Medien-Mangel drehen lässt, um ihr Buch in den Bestsellerlisten voranzutreiben. Und die nicht weiß, wie man aus der Nazi-Ecke wieder rauskommt. Denn das braune Debatten-Gelände ist vermint und setzt solides Wissen voraus. Mit dieser Unsicherheit ist sie übrigens nicht allein: In einer aktuellen Forsa-Umfrage für den stern gab jeder vierte Deutsche an, der Na- tionalsozialismus habe auch gute Seiten aufzuweisen. Es gibt offenbar Millionen, die so denken, wie es Eva Herman nachgesagt wird. Die- se Zeitgenossen übersehen, dass sich das „Dritte Reich“ nur vom Ende her gesehen bewerten lässt: Ob die gekaperten Begriffe aus der deutschen Sprache („entartet“) oder die teils noch heute gültigen „Errungenschaften“ der Familien- und Sozialpolitik (gesetzliche Krankenversicherung für Rentner) – alles war auf ein einziges Ziel ausgerichtet: Aufzucht von Menschenmaterial, Vorbereitung eines Vernichtungskrieges, neuer Lebensraum für die arische Rasse. Wer diese simple Erkenntnis, die in jedem Geschichtsbuch steht, verinnerlicht, kann auch öffentliche Debatten zum Thema Hitlers Diktatur überstehen.

Es geht also weniger um Eva Herman,

sondern um die Frage: Wie ahnungslos darf man eigentlich sein, wenn man sich auf eine Diskussion über Nazi-Deutschland einlässt? Oder anders formuliert: Was sollte man wissen? Das hat stern-Reporter Stefan Schmitz aufgeschrieben (Seite 28). Der 42-Jährige beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie wir mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umgehen sollen. Studiert hat er am Seminar für Politische Wissenschaft an der Uni Bonn, einem der Zentren der Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik. Für den stern betreut er auch zeitgeschichtliche Serien wie unter anderem die zum 60. Jahrestag des Kriegsendes (stern Nr. 9/2005).

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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