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TV-Kritik

Anne Will: Autobahn ja, Trump nein

54 Prozent der Amerikaner befürworten laut einer Umfrage Trumps Politik. Bei Anne Will aber wartet schon das nächste Trump-Bashing. Nur ein Talkgast hält seine Fahne für den neuen US-Präsidenten hoch.

Von Sylvie-Sophie Schindler

In der Runde um Anne Will gab es nur einen Trump-Befürworter

In der Runde um Anne Will gab es nur einen Trump-Befürworter

Achtung, es fällt das böse Wort "Autobahn". Alexander Graf Lambsdorff bringt es am Sonntagabend bei "Anne Will" ins Spiel und lässt an dieser Stelle durchblicken, was er von Donald Trumps Plänen hält, Tunnel, Brücken und Autobahnen bauen lassen zu wollen: "Ich wünsche mir das auch für Deutschland", sagt der FDP-Europaabgeordnete. Denn hierzulande frage man sich mitunter: "Ist das noch eine deutsche Autobahn oder schon eine rumänische Landstraße?"

Moment mal, darf man rumänische Landstraßen eben mal so diskreditieren? Wird nicht geklärt. Und rausgeschmissen wird er natürlich auch nicht, der Herr Lambsdorff. Heutzutage darf man in Talkshows wieder frank und frei über Autobahnen reden. Wir erinnern uns an Johannes B. Kerner, der im Oktober 2007 Eva Herman aus seiner Sendung katapultierte. Sie sagte: "Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf." Und er, der Moderator: "Es gibt halt so Sachen, die sind problematisch, und Autobahn geht eben auch nicht."

Will sagt es so nicht, aber der Verlauf des Abends macht deutlich: Autobahn geht wieder. Vor allem aber: Trump geht gar nicht. Apokalyptische Beschwörungsformeln gibt es in diesem Kontext gratis mit dazu. Mehr noch: Sie sind obligatorisch. Mit Heinrich Heine könnte man die Talkshow-Atmosphäre abgewandelt so beschreiben: "Denk ich an Amerika in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht." Im Sprech der Anne Will lautet das wie folgt: "Die Trumpokratie - Eine Gefahr für die freie Welt?" Dazu die Anmerkung der Moderatorin, der Begriff "Trumpokratie" sei gar nicht so leicht auszusprechen. Aber: Muss man ihn denn aussprechen? Oder bläht man nicht gerade mit solchen Neologismen den amerikanischen Präsidenten noch mehr auf? Mag sein Selbstverständnis auch stark in Richtung "L'état c'est moi – Der Staat, das bin ich" gehen, es ist an uns, Haltung zu zeigen, anstatt in Hysterie zu verfallen. Vielleicht meint Justizminister Heiko Maas, auch zu Gast, etwas in dieser Richtung, indem er sagt, Europa brauche "mehr Selbstverständnis".

"Ich hätte Trump gewählt"

Der Philosoph Peter Sloterdijk riet einst grundsätzlich, "sich von Meinungsepidemien distanzieren zu können; den Erregungsdienst verweigern." Allein: In Talkshows gibt es keine Anleitung dazu. Auch bei Will nicht. Auch Dialektik, also die Methode der Rede und Gegenrede, wird kaum praktiziert. Trump abzulehnen ist Konsens. Die Bashing-Mentalität verleitet sogar die Moderatorin zu Äußerungen, über die sie selbst überrascht ist. Laut überlegt sie, ob Sanktionen gegen die USA angemessen wären und unterbricht sich dann: "Ich dachte nicht, dass ich das mal fragen werde." Laut einer Umfrage, deren Ergebnis eingeblendet wird, finden 54 Prozent der Amerikaner gut, was ihr Präsidenten macht. Insofern tut es Not, mal hinzuhören, warum eigentlich. Einzig der deutsch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Max Otte tritt in der Sendung als Trump-Befürworter auf. "Ich hätte Trump gewählt", verkündet er. Hinreichend argumentiert er dafür allerdings nicht. Nur damit, dass Hillary "schlechter" sei. Der Grund: Sie hänge vom Geld der reichen Elite ab. Die Politik von Trump durchleuchtet Otte nur an einer Stelle: "Die demokratische Kontrolle in Geheimdiensten, das kann Trump."

Zu Trumps Chefstrategen Steve Bannon, ein Rechter, der wegen seiner teils rassistischen und nationalistischen Ansichten in der Kritik steht, meint Otte, er halte ihn für "interessant". Warum, darauf kommt nicht die Rede. Und Will verpasst auch hier ihren Job, nachzufragen. Der Historiker Heinrich August Winkler bringt beim Stichwort Bannon den Begriff Faschismus ins Gespräch, aber nur, um zu sagen, ihn hier nicht verwenden zu wollen. Er nennt Bannon einen Hetzer gegen das liberale Amerika "am alleräußersten Rand der radikalen Rechten". Irritation bringt das Wort "Neuordnung", von Will eingeworfen, um Trumps Politik womöglich auch als Chance zu begreifen, das von Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift "Internationale Politik" sofort kritisch untersucht wird: "Populistische Parteien operieren mit diesem Begriff."

Später versucht es Will erneut versöhnlich-optimistisch: "Trump sorgt auch für gute Erkenntnisse." Keine Resonanz in der Runde. Schließlich erneut Tempel, diesmal unterstützend: "Wir müssen eine Sprache der Leidenschaft für die Demokratie finden." Dass die nicht von Trump kommen wird, scheint allen klar. Allen voran Tempel. Ihr Urteil: Auf eine "Lernkurve" dürfe man beim aktuellen US-Präsidenten nicht hoffen.