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Editorial: Kloster und Zuchthaus

Liebe stern-Leser!

Es ist der bekannteste Amtssitz der Welt. Im Weißen Haus wohnt und arbeitet der US-Präsident, immer noch der mächtigste Mann auf diesem Planeten. Hier wurden Kriege angezettelt, Intrigen gesponnen, Kinder geboren, Tote aufgebahrt. Hier schrieb Abraham Lincoln eine Rede gegen die Sklaverei, die die Welt veränderte, hier verzückte Jackie Kennedy Millionen Menschen rund um den Erdball. Hier winkte Bill Clinton die Praktikantin Monica Lewinsky zu sich, und hier plante George W. Bush den Irak-Krieg. Jetzt ist Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen, ein Präsident der Krise vom ersten Tag an: Wirtschaftsdesaster, Kriege in Nahost. "Große Krisen machen große Präsidenten", heißt es. Man darf gespannt sein, ob Obama die übergroßen Erwartungen erfüllen kann.

Der stern zeigt Ihnen in dieser Ausgabe das Weiße Haus von innen, wie Sie es bestimmt noch nie gesehen haben (ab Seite 28). Einige exklusive Bilder stammen von Christopher Morris, der als Fotograf 18 Jahre Kriege auf der ganzen Welt fotografierte. Nach der Geburt seiner beiden Töchter 2001 nahm er lieber das Weiße Haus in den Fokus und arbeitete verbissen daran, auch hinter verschlossenen Türen fotografieren zu dürfen. Über George W. Bush sagt Christopher Morris: "Ich bin weder Fan von ihm noch von seiner Politik. Er war verblendet bei dem Versuch, seine Vorstellung von Freiheit anderen Kulturen zu bringen. Aber ich respektiere ihn als Mann von Überzeugung und Prinzipien."

Als stern-Korrespondentin in Washington war Katja Gloger, die die Titelgeschichte geschrieben hat, ebenfalls häufiger zu Besuch im Weißen Haus, das Bewohner bisher als Mischung aus "Nonnenkloster und Zuchthaus" erlebten. Sie tourte mit Touristen durch historische Gemächer, spazierte am Tag der offenen Tür durch den weitläufigen Park, wo die Gärtner jedes Jahr 100.000 Tulpenzwiebeln pflanzen und jeder Baum mit elektronischen Sensoren versehen ist. Sie erlebte Pressekonferenzen im duftenden Rosengarten, stand stundenlang im Nieselregen Spalier, als sich kürzlich die Staats- und Regierungschefs zum Wirtschaftskrisengipfel einfanden. Sie konnte auch den West Wing erkunden, die eigentliche Zentrale der Supermacht. Dort liegt das Oval Office. Hier haben nur die engsten Mitarbeiter des Präsidenten Zugang. "Der Westflügel ist die erste Adresse der Macht", sagt Katja Gloger, "dort werden historische Entscheidungen getroffen. Doch alles ist erstaunlich klein und eng, die Büros sind winzig. Kein Wunder, dass sich Mitarbeiter hier vorkamen wie in einem Druckkochtopf."

Jetzt wünschen sich die meisten Amerikaner ihr altes Weißes Haus zurück. Die Obamas sollen endlich wieder richtiges Leben ins Lieblingshaus der Nation bringen, mehr Glamour, Eleganz - und auch Würde.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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