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Editorial: Russland ist zurück auf der Weltbühne

Liebe stern-Leser!

Wer nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 dachte, damit sei auch Russland auf lange Zeit politisch, militärisch und ökonomisch erledigt, der hat sich getäuscht. Nach den Chaos-Jahren von Boris Jelzin hat Wladimir Putin seit 2000 das Riesenreich mit harter Hand und dank der gewaltigen Gas- und Ölvorkommen zurück auf die Weltbühne geführt, auch wenn Demokratie und Rechtsstaatlichkeit oft auf der Strecke blieben. Mit dem brutalen Einmarsch in Georgien hat Russland nun sehr deutlich gemacht, dass es auch abtrünnige einstige Sowjetrepubliken wieder als seinen Einflussbereich betrachtet - und wer dort glaubt, sich mit den Amerikanern oder der Nato verbünden zu können, muss mit einer Demonstration militärischer Macht und Stärke rechnen. Der Moskauer stern-Korrespondent Andreas Albes beschreibt in diesem Heft, wie Russland auf vielen Gebieten mit grenzenlosem Selbstbewusstsein und oft dumpfem Patriotismus zurück an die Weltspitze drängt (Seite 26). Sein Fazit: "Das Imperium kehrt zurück."

Seit Andrea Ypsilanti, 51, vergangene Woche in Hessen den Kurs in Richtung rot-grüner Minderheitsregierung eingeschlagen hat, um Roland Koch aus dem Amt zu drängen, hagelt es Kritik von vielen Seiten. Die Genossen in Berlin sind ratlos, wie man sie bremsen kann, Parteichef Kurt Beck inklusive. Fast alle SPD-Granden halten ihre Strategie, sich von den Linken mitwählen zu lassen, für "mörderisch" - zumindest aber für "rücksichtslos". Denn kommt Ypsilanti mit ihrem Plan durch, so die Befürchtung im Willy-Brandt-Haus, dann hätte Außenminister Frank-Walter Steinmeier kaum Chancen, falls er 2009 als SPD-Kanzlerkandidat gegen Angela Merkel antritt. Scheitert sie, dann erst recht nicht. Der Druck sei enorm, gestand Andrea Ypsilanti jetzt im stern-Gespräch (Seite 48). Zum Interview in unserem Berliner Büro brachte sie eine Mappe verheerender Zeitungsartikel mit. "Armes Deutschland" hieß es da oder: "Würden Sie bei diesem Minister eine Firma gründen?" Das Bild daneben zeigt den jungen Joschka Fischer. Die Pressemappe stammt aus dem Jahr 1985. Wenig später stand die erste rot-grüne Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik. "Vielleicht", sagt Andrea Ypsilanti, "sind ja die Hessen schon immer etwas mutiger gewesen."

In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden, Leidtragende sind meistens die Kinder, und wenn der betreuende Elternteil eine neue Partnerschaft eingeht, entsteht ein Familienverbund, den man "Patchwork" nennt - wörtlich übersetzt Flickwerk. Wie anstrengend das Zusammenleben dann sein kann, weiß stern-Mitarbeiterin Nina Poelchau nicht erst, seit sie für unsere Titelgeschichte (Seite 92) solche knallbunt zusammengewürfelten Lebensgemeinschaften besuchte. Ihre eigenen Kinder Sophie, 21, und Benedikt, 19, hatten nicht nur jahrelang einen Mann im Haus, den sie zwar mochten, der aber nicht ihr Vater ist. Sie müssen außerdem mit einer Stiefmutter, zwei Stiefgeschwistern, einer kleinen Halbschwester und einer Schar an Stiefverwandten klarkommen. Wenn man Poelchaus Kinder fragt, was sie von dieser Familienform halten, sagen sie tapfer: "Auf alle Fälle besser, als wenn Eltern zusammenbleiben und sich nicht mehr verstehen."

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn

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