Editorial SPD: Eines ist sicher - es gibt Zoff


Liebe stern-Leser!

Im Gleichschritt, so fest untergehakt wie schon lange nicht mehr, marschieren die Sozialdemokraten im Kampf gegen die Union. Das Getöse um Kirchhof hat den Kanzler aus der Verlegenheit befreit, die Frage zu beantworten, was er selbst mit vier weiteren Jahren an der Macht anzufangen gedenkt. Offenbar gibt es dazu wenig zu sagen, sieht man mal von der Idee einer Bürgerversicherung ab. Doch von Montag an dürfte sich das Bild einer geschlossenen SPD auflösen. Denn die meisten wahrscheinlichen Wahlresultate werden dazu führen, den Streit zwischen linken und rechten Genossen neu zu entfachen. Warum?

Unterstellen wir, dass wie vorausgesagt die CDU/CSU knapp besser abschneidet als die SPD, aber gemeinsam mit der FDP nicht stark genug ist für einen kompletten Wechsel, dann dürfte der Wahlabend in eine große Koalition münden. Mit einer Kanzlerin Merkel an der Spitze. Ihr Vorgänger Schröder wird mit einigen Verdienstorden an der Brust aus der Politik abdanken. Unterm Strich bedeutet dies: Wer Schröder wählt, wählt in Wahrheit Steinbrück. Was überhaupt keine Katastrophe ist, man muss sich nur darüber im Klaren sein. Der Verlierer der NRW-Wahl ist ein praktisch veranlagter, hoch kompetenter Mann und gilt als einigermaßen kompatibel für eine Ehe auf Zeit mit Merkel.

Für nicht wenige SPD-Mitglieder wären Peer und Angela allerdings das Albtraumpaar. Sie würden sich fragen, was von der Sozialdemokratie übrig bleibt, wenn sich "Reichensteuer-Steinbrück" und "25-Prozent-Merkel" auf einen verknäulten Kompromiss geeinigt haben. Sie würden sich fragen, wofür die SPD in Zukunft steht, und heftig mit der Linkspartei flirten. Sie würden sich fragen: Wiegt die Verantwortung, für ein politisch handlungsfähiges Deutschland zu sorgen, schwerer als die Pflicht, den sozialen Markenkern der Sozialdemokratie zu bewahren? Mit anderen Worten: Sollen wir nicht lieber die Union vom Hof jagen als unsere Stammwähler?

Die Lunte brennt auch bei drei weiteren denkbaren Wahlresultaten: Eine Ampelkoalition würde den linken Parteiflügel aus Ekel vor Westerwelle zu Lafontaine treiben. Die Variante Rot-Rot-Grün dürfte die Glaubwürdigkeit und Reformfähigkeit der SPD auf Jahre hinaus zerstören. Drittens: Sollten sich die Genossen als geschlagene Opposition einer schwarz-gelben Regierung gegenüber sehen, dann würden sie mit dem Finger auf Schröder und seine Agenda 2010 zeigen und schreien "Haltet den Dieb!"

Arme SPD. Armer Müntefering, da kommt was auf ihn zu: nicht weniger als eine grundsätzliche Neuausrichtung seiner Sozialdemokratie (falls er nach dem Parteitag im November noch mitmachen darf). Denn in welcher Konstellation auch immer, stets wird eine Kursdebatte lostoben, was angesichts des akuten Ideenvakuums bestimmt gesund wäre, aber eben nur bedingt regierungsfähig.

Aus dieser verzwickten Lage könnte sich die SPD nur durch ein Last-Minute-Wunder befreien. Mit einem erdrutschartigen Stimmenzuwachs, der den Roten doch noch einen Vorsprung vor den Schwarzen sichert. Allerdings - es sieht so aus, als ob der Refrain "Wunder gibt es immer wieder" wirklich nur in Schlagern vorkommt.

Wussten Sie, dass Deutschland

vor langer Zeit am Südpol lag? Dass die Zugspitze einmal zu Afrika gehörte? Dass vor 220 Millionen Jahren Dinosaurier bei Stuttgart durch die Wälder stapften, man vor 8000 Jahren trockenen Fußes nach England laufen konnte und Neandertaler ganz umgängliche und pfiffige Burschen waren? Die stern-Reporter Horst Güntheroth und Peter Pursche haben drei Monate lang bei Geologen, Paläontologen, Archäologen und Historikern recherchiert, wie wir wurden, was wir sind. In der sechsteiligen Serie "Saurier, Neandertaler und Germanen", die auf Seite 78 beginnt, zeigt der stern, wie spannend die Ur- und Vorgeschichte unserer Heimat ist.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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