Editorial Was Münteferings Kehrtwende ins Private lehrt


Liebe stern-Leser!

"Rücktritt aus Liebe", dichteten die Boulevardzeitungen nach Franz Münteferings Ankündigung, sich künftig seiner erkrankten Frau zu widmen. Das ist sicher nicht falsch. Aber es geht auch um Verantwortung, Charakterstärke, die Fähigkeit, verzichten zu können, seine Rastlosigkeit zu unterbrechen und innezuhalten. Dass ein machtbewusster Politiker, ein ausgefuchster Taktiker wie Franz Müntefering auf diese Weise unerwartet zu einer ganz anderen Art Vorbild avancierte, hat das staunende Publikum berührt. Es liegt nicht nur an der herausgehobenen Position des Vizekanzlers, dass die Menschen Müntes Paukenschlag aufmerksam verfolgten. Seine Kehrtwende ins Private warf bei vielen zwei Fragen auf: Wie würde ich mich selbst in einer ähnlichen Situation verhalten? Und was zählt eigentlich wirklich im Leben? stern-Autor Peter Sandmeyer und sein Kollege Uli Hauser suchen in der Titelgeschichte dieser Ausgabe nach Antworten. Auch anhand weiterer beispielhafter Fälle von Menschen, die manchmal über Nacht ihr Leben neu ausgerichtet haben (Seite 30).

Doch Franz Müntefering wäre nicht er selbst, wenn er seinen Rücktritt nicht auch politisch genutzt hätte – ein bisschen zumindest. Ausgestattet mit der neu hinzugewonnenen Glaubwürdigkeit, rüffelte er Angela Merkel noch einmal kräftig und verwies darauf, dass sich die Kanzlerin beim Thema Mindestlohn nicht an ihre Zusage gehalten habe. In der Öffentlichkeit hat die Union nun den Schwarzen Peter und die SPD ein zugkräftiges Wahlkampfthema. Die Lufthoheit über die Schlagzeilen nutzte Müntefering auch in anderer Sache: Es ging vollkommen unter, dass SPD-Chef Kurt Beck den Vizekanzler niedergerungen und sich mit der Verlängerung des Arbeitslosengeldes I endgültig durchgesetzt hatte. Niemand fand sich mehr, der Beck noch einen Lorbeerkranz flechten mochte (lesen Sie dazu auch den Zwischenruf von Hans-Ulrich Jörges, Seite 52). In der Demokratischen Republik Kongo herrscht seit 2002 offiziell Frieden - im Osten des riesigen Landes jedoch spürt man davon wenig. Milizen aus Ruanda, die kongolesische Armee und abtrünnige Generäle kämpfen in den Wäldern um Macht, Geld und Bodenschätze, mancherorts ist der Krieg auch einfach zum Selbstzweck geworden. Opfer sind vor allem Frauen. Sie werden systematisch vergewaltigt und in die Wälder verschleppt. Dahinter steckt eine perfide Strategie: Die Vergewaltigten gelten fortan als Aussätzige. Familien werden zerrissen und ganze Landstriche so gefügig gemacht.

Letzte Hoffnung für viele Vergewaltigte ist das Panzi-Krankenhaus in der Stadt Bukavu nahe der Grenze zu Ruanda. Dessen Ärzte haben sich darauf spezialisiert, malträtierte Geschlechtsorgane und traumatisierte Seelen zu behandeln. Zehn Tage lang haben stern-Redakteur Marc Goergen und der schwedische Fotograf Per-Anders Pettersson den Alltag des Krankenhauses begleitet. Sie haben mit den Frauen in den Krankensälen gesprochen, mit ihren Psychologen, sind mit Ärzten über Pisten in die Dörfer gefahren. Fast immer an ihrer Seite: ein Begleiter des Geheimdienstes. Offiziell zu ihrem Schutz, inoffiziell, um ihre Arbeit zu überwachen. "Man will die grausamen Geschichten der Frauen am Anfang kaum glauben", sagt Goergen, "aber spätestens wenn die Ärzte die inneren Verletzungen erläutern, versteht man: Die Frauen erzählen einfach nur ihr Schicksal." Die Reportage aus dem Ostkongo beginnt auf Seite 58.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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