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Arbeitszeit: Faule Lehrer?

Lehrer arbeiten mehr als angenommen. Neben den Unterrichtsstunden müssen sie zusätzlich Zeit für die Unterrichtsvorbereitung aufbringen.

Lehrer sind faul, überbezahlt und arbeiten nur halbtags - so lautet ein gängiges Klischee. Deputate von durchschnittlich 27 Stunden pro Woche stärken viele in ihrer Meinung, dass Lehrer zu wenig arbeiten. Doch sagt diese Zahl wenig über die tatsächliche Arbeitszeit, die oft weit über 40 Stunden pro Woche liegt. In mehreren Bundesländern laufen zurzeit Projekte, die die Lehrerarbeitszeit neu bestimmen und transparenter machen sollen.

Dass Lehrer weit mehr Arbeitsstunden haben als nur ihr Deputat, zeigt das Beispiel einer jungen Realschullehrerin. Mit einem Deputat von 23 Stunden unterrichtet sie in sechs Klassen Hauptfächer, was 36 Klassenarbeiten im Schuljahr bedeutet. Da sie Berufsanfängerin ist, muss sie mehr Zeit für die Unterrichtsvorbereitung aufwenden als ihre erfahreneren Kollegen. Dazu kommen Tätigkeiten neben dem Unterricht wie Projektarbeiten oder Klassenfahrten. "Pro Woche arbeite ich rund 55 Stunden für die Schule", bilanziert die Pädagogin.

Formal wie Beamte, normal aber mehr

Formal gilt für Lehrer die Arbeitszeit für Beamte: Bis zu 42 Stunden pro Woche. Da ihre Arbeit aber nicht nur aus reinem Unterrichten besteht, legen die Bundesländer Deputate fest. Diese reichen von durchschnittlich 24 bis 26 Stunden an Gymnasien bis zu 28 bis 30 Stunden an Grundschulen und wurden in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht, wie Heiko Gosch vom Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärt. "Diese Deputate dienen auch als Messgröße für die Personalzuweisungen an die Schulen." Dazu kommen weitere Arbeiten wie Vorbereiten des Unterrichts, Aufsichtführen, Konferenzen, Schulveranstaltungen oder Fortbildungen. Deren Größenordnung ist nicht festgeschrieben. "Das folgt quasi einer nach oben offenen Skala", kritisiert Gosch.

In Ostdeutschland sieht die Lage wegen dramatisch gesunkener Schülerzahlen anders aus als im Westen. So arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern die meisten Lehrer Teilzeit. Dabei müssen etwa in den höheren Klassen die Sprachlehrer, von denen es tendenziell zu wenig gibt, mehr arbeiten als ihre Kollegen. Je nach Fach liegt die Beschäftigung zwischen 50 und 100 Prozent der Normalarbeitszeit. Auch die 22.450 Lehrer in Sachsen-Anhalt arbeiten seit diesem Schuljahr verkürzt: An Grundschulen unterrichten sie nur 78 Prozent ihres Deputats, an Sekundarschulen 88 und an Gymnasien 92 Prozent.

In Hessen dagegen müssen alle Lehrer bis zum 50. Lebensjahr ab Januar eine Schulstunde mehr unterrichten, damit mehr als 1.000 Lehrerstellen abgebaut werden können. Auch Bayern und Nordrhein-Westfalen wollen die Lehrerarbeitszeit erhöhen. Baden-Württemberg will bis zum Frühjahr 2005 ein neues Konzept zur Lehrerarbeitszeit vorlegen. Die Bewertung ausschließlich über das Deputat sei überholt, weil sie die anderen Tätigkeiten nicht berücksichtige, heißt es beim Ministerium. Diskutiert werden sollen etwa flexible Deputate, Überprüfbarkeit der Jahresarbeitszeit oder Urlaubsansprüche.

Neue Struktur oder Erhöhung der Gesamtbelastung?

"Wenn solche Überlegungen dazu führen, dass eine andere Arbeitszeitstruktur eingeführt wird, sehen wir das positiv", sagt Gosch. Kritisch werde es aber, wenn eine Neuregelung nur dazu diene, "geschickt kaschiert eine Erhöhung der Gesamtbelastung zu erreichen". Das sieht die GEW etwa in Hamburg, wo der inzwischen zurückgetretene Bildungssenator Rudolf Lange zum laufenden Schuljahr ein "Faktorisierungsmodell" einführte.

Dieses geht von einer Jahresarbeitszeit von 1.770 Zeitstunden aus und verteilt diese auf 38 Wochen, was pro Woche 46,578 Zeitstunden ergibt. Die Unterrichtsaufgaben werden mit 75 Prozent veranschlagt, weitere Aufgaben mit insgesamt 25 Prozent. Die Einzelaufgaben bekommen Zeitfaktoren - etwa 1,3 für Grundschulklassen gegenüber 1,8 für Deutsch in der Oberstufe. Daraus ergibt sich dann die Arbeitsleistung für die einzelnen Lehrer.

Langes Modell löste massive Proteste aus. "Dieses Konzept stand allein unter der Vorgabe, mehrere 100 Stellen einsparen zu müssen", sagt Gosch. Die Grünen kritisierten etwa, dass Förderunterricht zu niedrig faktorisiert werde, was zu einem radikalen Abbau führe. Eltern und Schüler sind unzufrieden mit den praktischen Auswirkungen.

Über eine gerechte Bestimmung der Lehrerarbeitszeit gibt es aber auch in der GEW keine einheitliche Meinung. Die einen wollen an einer - allerdings stark modifizierten - Pflichtstundenregelung festhalten, die anderen wollen eine Gesamtarbeitszeit als Basis der Berechnung. "Beiden Konzepten gemeinsam ist aber, dass man nicht von einer Verbrauchszeit, sondern von einer Planzeit ausgehen muss - wir können nicht mit der Stoppuhr die Arbeitszeit festlegen", betont Gosch.

Mirjam Mohr
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