HOME

Büro-Flirt: Und plötzlich macht die Arbeit Lust

Warum erst lange in Bars flirten, auf dem Tennisplatz balzen oder Kontaktanzeigen aufgeben? Es gibt doch die Firma.

Arbeiten ist klasse. Weil es Geld bringt und einen mindestens neun Stunden am Tag vom dreckigen Geschirr fernhält. Und weil Geschäftigkeit die beste Kulisse für amouröse Verwicklungen abgibt: Jede zehnte Lebensgemeinschaft keimt heute zwischen Aktenschränken oder Verkaufstheken. Und die meisten Job-Ehen sind haltbarer als die Treueschwüre von Paaren, die sich am Strand oder am Tresen kennenlernen. Ganz zu schweigen von den ungezählten Quickies und Affären, die mit einem Lächeln in der Kantine ihren Anfang nehmen und idealerweise genauso enden. Die Liebe am Arbeitsplatz ist eine Klasse für sich: praktisch, intensiv und risikoarm.

Denn wenn Michael Alkoholiker wäre oder hoch verschuldet - man wüßte es. Ob er ledig ist oder nur so tut - irgend jemand hat bestimmt seine Lohnsteuerkarte gesehen. Ob er sich um das Fünfzigcentstück für den Kaffee-Automaten drückt, ob er ein Morgenmuffel, ein liebedienerischer Radfahrer, ein Klatschmaul, ein Pedant oder ein fürchterlicher Schlamper ist - all das hat man gewöhnlich schon vor der Bettkante geklärt.

Da viele Betriebs-Lover Serientäter sind

, lässt sich oft sogar der emotionale Schweinefaktor bestimmen, ehe man sich mit Herz und Hand engagiert. Hat Thomas die Affäre mit Rosie elegant beendet, oder leidet die jetzt unter Magersucht? Spricht Katrin verächtlich über Andreas, wechselt sie auf die andere Seite des Konferenztischs, wenn er kommt, oder ist eine wunderbare Freundschaft daraus geworden? Die Recherchen erfordern ein bisschen Geduld und Zeit, aber die hat man. Anders als auf Partys oder in der Kneipe wird das Objekt der Begierde nicht plötzlich verschwinden, ohne eine Telefonnummer zu hinterlassen. Es gibt kein Jetzt oder Nie, kein verzweifeltes Suchen nach dem einen brillanten Satz, der alles rausreißt.

Wer in der Firma baggert, tut das langsam und umsichtig - für Psychologen einer der Gründe, weshalb viele Job-Partnerschaften so haltbar sind. Ein weiterer Grund: Stress verbindet. Nach einer gelungenen Projektpräsentation oder einer heil überstandenen großen Konferenz schaut man seine Mitstreiter mit besonders glänzenden Augen an. Wer möchte da schon gleich allein nach Hause, selbst wenn ein warmes Süppchen wartet? Triumphe will man schließlich mit denen begießen, die sie miterlebt haben. Und den Zoff mit dem Chef will man denen erzählen, die den Mistkerl ebenfalls kennen. Am besten bei einem Gläschen Bier oder Wein, was hin und wieder eine lange Nacht nach sich zieht.

Viele Arbeitspsychologen und viele Unternehmer sehen das inzwischen gelassen. Sie haben erkannt, dass das balztypische Gespreize positive Nebenwirkungen hat. Verliebte Arbeitnehmer verbringen besonders viel Zeit im Betrieb und bemühen sich, ihren Auserwählten zu zeigen, dass sie tüchtig sind. Vielleicht eine Erklärung, weshalb gemischte Teams laut Forschungsstudien besser arbeiten als rein männliche oder weibliche. Selbst im Geldgewerbe, wo Liebschaften vor 20 Jahren noch mindestens mit Filialwechsel geahndet wurden, gibt man sich heute liberal - mit Ausnahmen. Wenn in einer Bank zwei Unterschriften für Kreditanträge nötig sind und auch nur gemunkelt wird, dass die Unterzeichner für das Geldinstitut ein Paar sind, dann schaltet ein Vorgesetzter schon mal diskret die Revisionsabteilung ein.

So richtig geätzt und gelästert

wird in der Firma erst dann, wenn zwei Liebende nicht in dieselbe Gehalts- und Hierarchiegruppe fallen - ein Phänomen, das Soziologen als "vertikale" Beziehung bezeichnen. In Deutschland boomten solche Verbindungen erstmals halbwegs öffentlich in den 60er und 70er Jahren, als eine ganze Reihe von Prominenten zugab, ihren Sekretärinnen zugetan zu sein. Der Witz gewordene männliche Brunftschluchzer "Meine Frau versteht mich nicht" hatte damals (und hat noch heute) ein Körnchen Wahrheit in sich. Seine Frau verstand ihn nicht, weil sie ihn wenig zu Gesicht bekam. Seine Sekretärin verbrachte entschieden mehr wache Stunden mit ihm als die Gattin.

Der Sekretärin blieben weder seine Ängste noch sein Schwarzgeld verborgen, sie stenographierte seine Machtkämpfe, Triumphe und Niederlagen mit, schützte ihn vor Feinden und verleugnete ihn vor der eigenen Familie, wenn er nicht gestört sein wollte. Wenn sie nur klug und tüchtig war, reduzierte sich ihre Rolle auf die des gefürchteten Vorzimmerdrachens. Wenn sie außerdem attraktiv war, wurde aus der beruflichen Intimität leicht eine physische. Manche dieser Frauen begnügten sich lebenslänglich mit der Rolle der Konkubine.

Andere wurden geheiratet. Gerhard Stoltenberg nahm die Zugsekretärin Margot zur Frau, Milliardär Herbert Quandt seine Vorzimmerdame Johanna Bruhn. Bayreuth-Chef Wolfgang Wagner ehelichte das Effizienzbündel Gudrun, Mövenpick-Eigner Ueli Prager die Fremdsprachenkorrespondentin Jutta. Botschafter Rüdiger von Wechmar ließ sich für die hübsche Susie scheiden, und auch der damalige "Welt"-Chef Peter Boenisch verliebte sich mit ehelichen Konsequenzen in eine Susanne. Über so was wurde empört getuschelt und lamentiert, aber eine Gefahr für den Firmenfrieden waren die Verhältnisse zwischen Chefs und Sekretärinnen damals nicht.

Wenn bekannt wurde, dass Jutta es mit dem Boss hatte, überlegte man sich einfach sehr genau, was man ihr erzählte und was nicht. Sie saß im Vorzimmer, da würde sie bleiben, falls es ihr nicht gelänge, dem Chef einen Trauring abzuschwatzen. Damit wäre man sie los, denn sie würde zu Hause bleiben und seine Schallplattensammlung abstauben. An eine Trainee-Laufbahn für Jutta war nicht zu denken.

Sprengstoff ist die vertikale Büroliebe

erst, seit es gutausgebildeten, ehrgeizigen Frauen gelingt, durch erotisches Mäzenatentum eigene Karrierepläne zu verfolgen - und seit die Leiden betrogener und ausrangierter Erst-Ehefrauen nicht mehr mit einem Achselzukken abgetan werden. Bei den prüden Amerikanern steht heute oft schon im Einstellungsvertrag: "No hanky-pank with the payroll" - Fummeln Sie nicht mit Angestellten.

Den Bossen graut es vor Imageverlust und Prozessen wegen sexueller Belästigungobwohl es durchaus passieren kann, dass sie "freigesprochen" werden und die Geliebte den ganzen Ärger am Hals hat. So verurteilte kürzlich ein Gericht in North Carolina eine Sekretärin zu 1,8 Millionen Mark Schadensersatz. Zahlbar an Dorothy Hutelmyer, die Gattin des Chefs, mit dem sie ein Verhältnis hatte.

In Deutschland machen Liaisons über die Hierarchiegrenzen hinweg etwa ein Drittel aller Büroliebschaften aus und werden bei weitem gesellschaftlich nicht so hart geahndet wie in den Vereinigten Staaten. Zoff gibt's trotzdem oft. Wenn der Staatssekretär sein Gspusi auf eine A13-Stelle katapultiert oder der Theaterintendant seiner Geliebten die Hauptrolle zuschanzt, dann wird gemeutert - und sei es nur hintenrum. Schließlich sind die Blätter voll mit mehr oder weniger seriösen Meldungen, in denen etwa behauptet wird, dass sich 43 Prozent der Frauen zwischen 16 und 55 Jahren dank erotischen Engagements beruflich bevorzugt sehen. Oder dass angeblich 17 Prozent wegen einer klug gewählten Affäre weniger Arbeit aufgebürdet bekommen. Wer da ganz ohne Hintergedanken mit dem Vorgesetzten anbandelt, weil der einfach klug, charmant und sexy ist, muß sich ein dickes Fell zulegen: Die anderen denken garantiert erst mal das Schlechteste.

Ohnehin glaubt nach einer stern-Umfrage jeder zweite deutsche Arbeitnehmer, dass Liebe in der Firma - egal ob vertikal oder horizontal unter gleichgestellten Kollegen - schlecht fürs Betriebsklima sei. 41 Prozent meinen, dass sie vor allem auf Besäufnisse zurückzuführen sei. Kein Wunder also, dass sich jahrzehntelang die meisten Paare bemühten, ihre Zuneigung vor anderen geheimzuhalten. Erst in jüngster Zeit trifft man vermehrt auf Bekenner, die sich über Gerüchteküche und Hierarchiegrenzen hinwegsetzen.

Die Frauen in den Büros

haben sich geändert und mit ihnen der Charakter der Büroliebschaften. Nie zuvor standen so viele Frauen auf den Gehaltslisten. Immer weniger wollten sich in den letzten Jahrzehnten in den traditionellen Frauen-Vorruhestand zwecks Heirat und Kinderkriegen schicken lassen, parallel dazu wurde immer weniger geheiratet und gezeugt. Selber Karriere machen war angesagt, die berühmte "Selbstverwirklichung" und dazu gehörte nicht immer, aber immer öfter, auch guter Sex.

Woher nehmen, wenn nicht aus der Firma? Gerade Frauen, die sich höhere Posten erobert haben, finden kaum noch Zeit für die private Pirsch in Restaurants oder Tennisclubs und sind es ohnehin gewohnt, die Initiative zu ergreifen. Wenn sie eine Liaison eingehen, dann aus Lust oder Liebe. Manchmal heiraten sie, aber sie werden nicht mehr geheiratet.

Paula Almqvist
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity