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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Hilfe! Mein Mann rastet ständig völlig aus

Er ist Vater, Ehemann, Kollege - und er flippt wegen jeder Kleinigkeit völlig aus. Constanze ist verzweifelt. Wie sollen sie und die beiden kleinen Kinder damit umgehen?

Wutausbrüche bei jeder Gelegenheit: Wie soll man damit umgehen?

Wutausbrüche bei jeder Gelegenheit: Wie soll man damit umgehen?

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Liebe Frau Dr. Peirano,

Ich weiß nicht mehr weiter und mache mir Sorgen um unsere Familie. Mein Mann regt sich über jede Kleinigkeit heftig auf und brüllt dann herum. Sei es der Chef, die Kollegen, ein Autofahrer, der ihm einen Parkplatz weggenommen hat, der Kellner, der eine Kleinigkeit vergessen hat oder eine Cola zu viel auf die Rechnung geschrieben hat, ein "böser" Blick von irgendwelchen Türken auf der Straße, eine unserer Töchter, die zu laut spielt, wenn er schlafen will.

Mein Mann rastet dann aus, brüllt, legt sich mit Passanten an (ein paarmal kam es fast zu einer Prügelei). Ein paar Mal hat er die Mädchen auch angebrüllt und ihnen angedroht, dass er sie aus dem Haus schickt, wenn sie ihn weiter so ärgern. Da bin ich richtig wütend geworden.

Ich habe selbst keine Angst vor ihm, weil er mir nie etwas getan hat und auch nie etwas tun würde. Aber um unsere Töchter (7 und 4) mache ich mir große Sorgen. Sie legen die Ohren an und werden ganz steif, wenn er sich wieder aufregt. Die Kleine war eigentlich schon trocken, aber nässt ein nach besonders heftigen Situationen.

Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Ich habe das Gefühl, ich muss ihn beschützen und davor bewahren, dass er jemanden verletzt, aber ich muss auch die Mädchen trösten, und gleichzeitig muss ich ihn beruhigen. Hinterher tut es ihm wirklich leid und er ist ganz kleinlaut. Aber dann passiert es doch wieder.

Was raten Sie mir?

Viele Grüße,

Constanze B.


Liebe Constanze B.,

Ich muss sagen, dass ich es sehr bewundere, dass Sie so ruhig und besonnen bleiben können, wenn Ihr Mann ausrastet.

Sie versuchen in den Wut-Situationen etwas, das ein Mensch alleine niemals schaffen kann: Sie wollen zwei kleine Mädchen beruhigen, ihren Mann vor gefährlichen Handlungen beschützen und gleichzeitig dafür sorgen, dass er sich abreagiert. Das können Sie niemals alleine schaffen. Es wäre gut, wenn Sie sich auf das Wichtigste konzentrieren, um sich nicht zu überfordern.

Aus meiner Sicht gehen die Mädchen eindeutig vor. Sie sind mit 4 und 7 Jahren noch zu klein, um unbeaufsichtigt zu sein. Deshalb müssen Sie in ihrer Nähe bleiben, gerade wenn etwas Beunruhigendes oder Gefährliches passiert. Die Mädchen spüren ganz genau, dass ihr Vater sehr wütend ist und die Kontrolle verloren hat. Das ist sehr bedrohlich für kleine Kinder, denn gerade von den Eltern sollte Sicherheit und Schutz ausgehen. Die Mädchen haben vielleicht Angst, dass ihr Vater sich etwas antut, stirbt oder ins Gefängnis muss, wenn er jemandem anders etwas antut. Wer weiß schon genau, was für Phantasien sich in den Köpfen von Kindern zusammen brauen? Es liegt nahe, dass sie selbst auch Angst davor haben, dass er ihnen etwas antut, immerhin hat er angedroht, sie wegzuschicken. Es ist sehr wichtig, dass Sie mit den Mädchen in eine sichere Situation gehen (weit weg vom Vater), sie beruhigen und ihnen erklären, was mit ihrem Vater los ist.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nehmen die Mädchen langfristigen seelischen Schaden, wenn sie noch weiteren dieser Situationen ausgesetzt sind. Sie lernen nämlich, sich unsichtbar zu machen, um keinen Ärger auf sich zu ziehen. Sie schämen sich, sie haben Angst, sie werden von unangenehmen Gefühlen überrannt. Diese Schockstarre nennt man übrigens "erlernte Hilflosigkeit." Wenn die Mädchen häufiger Zeuginnen der Wutausbrüche ihres Vaters würden, liegt nahe, dass sie sich später auch gewalttätige Partner suchen, psychosomatische Probleme bekommen oder sich in Suchterkrankungen stürzen.

Deshalb wäre es wichtig, dass Sie mit Ihrem Mann in einem ruhigen Moment besprechen, dass Sie bei seinem nächsten Wutanfall mit den Mädchen weggehen werden, um sie in Sicherheit zu bringen. Zeigen Sie ihm auf, was für einen Schaden er bei den Mädchen anrichtet, wenn er vor ihnen die Kontrolle verliert, und sagen Sie ihm, dass Sie das nicht mehr mitmachen werden. Die neue Regel heißt also: Er muss sich alleine abreagieren (rennen, schwimmen, Punching Ball…) und kann erst wieder in die Familie kommen, wenn er sich beruhigt hat.

Sicher wäre es für ihn unterstützend, wenn er eine Selbsthilfegruppe besucht zum Thema "Männer gegen Männergewalt". Dort würde er lernen, seine Impulse besser unter Kontrolle zu bekommen und aus der Situation zu gehen, wenn ihn etwas ärgert.

Ich hoffe sehr, dass Ihr Mann lernen kann, mit seiner Wut umzugehen.


Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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