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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Wie sage ich meiner Freundin, dass ich auf gar keinen Fall Kinder will?"

Von Kinderwunsch kann bei Roberto keine Rede sein. Er mag sein Leben und will keinen Nachwuchs. Seine Freundin aber wünscht sich eine Familie. Wie kann er mit ihr darüber sprechen?

Kinderwunsch in der Beziehung

Kinderwunsch in der Beziehung

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich bin seit vier Jahren mit meiner Freundin zusammen. Es läuft alles sehr gut. Aber die Zukunftsplanung macht mir doch immer wieder große Sorgen. Sie ist 31 und will auf jeden Fall ein Kind/ .

Ich bin 37 und mag mein Leben, so wie es gerade ist. Ich bin Schauspieler und habe natürlich abends Vorstellungen, das geht dann auch bis in die Nacht. In einigen Phasen sind täglich Proben. Wir haben Tourneen, und bisher kommt meine Freundin auch mit, wenn es sich irgendwie einrichten lässt.

Sie hat ein Modelabel und arbeitet recht viel.

Ich weiß nicht, wie das mit einem Kind laufen soll. Bei meinen Freunden sehe ich eigentlich ausnahmslos, dass Kinder das ganze Leben durcheinander bringen. Die Paare haben kaum noch Zeit füreinander, streiten sich um banale Themen und haben keinen guten Sex mehr.

Die Frauen verändern sich. Egal, wie cool und unabhängig sie vorher waren. Mit dem Kind werden sie uninteressante Glucken, auch wenn sie teilweise noch versuchen, ihr eigenes Leben zu leben. Wenn die Paare sich dann trennen, ist es erst richtig schwierig, auch finanziell.

Ich scheue mich, meiner Freundin offen und ehrlich zu sagen, dass ich nicht wirklich Kinder will. Sie kommt aus einer großen Familie. Ihre Freundinnen fangen langsam mit dem Kinderkriegen an. Im Moment ist es noch kein dringendes Thema, weil sie noch ein paar Jahre viel arbeiten will.

Wann sage ich es ihr, und wie?

Viele Grüße,

Roberto G.


Lieber Roberto G.,

es kommt mir so vor, als wenn Sie und Ihre Freundin in einem Zug sitzen, der in wenigen Stationen getrennt wird. Ein Abschnitt reist weiter nach Osten, der andere nach Westen.

Allerdings ist es nur Ihnen bewusst, dass Sie, so wie es jetzt aussieht, ein unterschiedliches Ziel haben. Ihre Freundin geht davon aus, dass Sie beide in Richtung Familie unterwegs sind. Warum eigentlich? Was haben Sie ihr zum Thema „Kinder“ gesagt oder suggeriert, als Sie sich kennen gelernt haben?

Im Moment ist Ihr gemeinsames Leben gut ausbalanciert. Beide arbeiten viel, genießen die Freiheit, reisen zusammen. Sie würden das gerne so weiterführen. Ihre Freundin aber wünscht sich Kinder. Sie hat in Ihrer Familie die Erfahrung gemacht, dass Kinder zu einem erfüllten Leben dazu gehören.

Sie hingegen haben große Ängste und Bedenken, wenn Sie daran denken, Vater zu werden. Und die Realität gibt Ihnen Recht: Kinder bringen das Leben ihrer Eltern durcheinander. Sie erschweren es, gemeinsam auszugehen, zu reisen, ein ungestörtes Gespräch zu führen, einfach mal das zu tun, was man möchte, und natürlich auch entspannten Sex zu haben. Studien zeigen, dass die Beziehungsqualität nach der Geburt des ersten Kindes im Durchschnitt schlechter wird, und nach der Geburt des zweiten Kindes noch einmal deutlich nachlässt.

Sie befürchten, all das, was für sie im Moment so kostbar ist, zu verlieren: die Unbeschwertheit mit Ihrer Freundin, die Energie für Ihren Beruf einsetzen zu können. Kinder können das alles aus der Balance werfen. Die Menschen, die gerne Eltern sind, lassen sich gerne aus der Balance werfen oder nehmen es zumindest in Kauf. Für die anderen ist es sehr schmerzhaft.

Deshalb kann ich Ihnen nur raten, erst einmal mit Ihrer Freundin zusammen ein Gedankenexperiment zu machen. Besprechen Sie doch einmal so offen wie möglich, wie Sie beide sich jeweils das Leben mit Kindern vorstellen. Und zwar so konkret und realistisch wie möglich.

Welche Paare in Ihrem Bekanntenkreis kriegen es gut hin, und welche ähneln Ihrer Horrorvorstellung? Wenn ja, warum?

Wie würde der Alltag mit Kindern aussehen?

Wer kümmert sich tagsüber, wer steht nachts auf? Wer bleibt im ersten Lebensjahr zu Hause?

Wie viel Hilfe würden Sie sich organisieren – zum Beispiel Großeltern, Tagesmütter, Ganztags-Kita, Babysitter etc. Wie sehen Sie überhaupt das Thema Ganztages- Betreuung?

Was für Phantasien und Ängste haben Sie, was Ihre Partnerschaft betrifft? Welche Paare sind hier ein Vorbild, welche nicht? Und warum? Benennen Sie am besten Ihre Ängste ganz offen: zum Beispiel: Angst, sich auseinander zu leben, weil Sie nicht mehr zusammen reisen können. Angst, dass einer von der Verantwortung für das Kind erdrückt wird und der Partner sich nicht genug kümmert. Angst davor, dass einer sich in eine bestimmte Richtung entwickelt (welche?). Machen Sie doch ruhig ein paar Notizen, wenn Sie über dieses Thema sprechen.

Was könnten Sie machen, damit diese Ängste nicht Wirklichkeit werden?

Ein paar Beispiele: Ich kenne Eltern, die mit kleinen Kindern eine Auszeit genommen haben und

die Welt bereist haben. Mit einem oder mehreren kleinen Kindern.

Andere Paare haben bewusst ein Au-Pair-Mädchen oder eine Haushaltshilfe, damit beide Partner arbeiten können. Gibt es vielleicht auch Großeltern in der Nähe, die sich zuverlässig um ein Kind kümmern würden?

Wenn Sie bei diesem Gedankenspiel merken, dass Sie schon in der Theorie unvereinbare Standpunkte und Erwartungen aneinander haben, wird es in der Praxis erst recht nicht klappen.

Achten Sie unbedingt auch auf Ihr Bauchgefühl beim Besprechen dieser Details.

Es wäre wichtig, dass Sie demnächst dann auch eine Entscheidung treffen, ob Sie sich auf ein Kind einlassen wollen. Wenn nicht, wäre es Ihrer Freundin gegenüber fair, mit offenen Karten zu spielen und Ihr zu sagen, dass Sie sich gegen ein Kind entschieden haben. Ihre Freundin ist jetzt 31. Sie gerät später in Bedrängnis, wenn Sie nicht jetzt die Weichen für Ihre Zukunft stellen kann. Und eine Option könnte ja auch sein, dass sie sich für Sie und gegen ein Kind entscheidet.

Ich hoffe, Sie finden Klarheit!


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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