HOME

Nach dem Skandal um Julien Blanc: So läuft es in der deutschen Pick-Up-Szene

Sophia Lierenfeld ist seit fünf Jahren in der deutschen Pick-Up-Szene unterwegs. Im stern spricht sie über Nutzen und Schaden, der entstehen kann. Und das, was einer Freundin passiert ist.

Sophia Lierenfeld berät als Flirtcoach Männer und Frauen in Sachen Kontaktaufnahme und Umgang

Sophia Lierenfeld berät als Flirtcoach Männer und Frauen in Sachen Kontaktaufnahme und Umgang

Die Berliner Persönlichkeitstrainerin Sophia Lierenfeld ist seit fünf Jahren in der deutschen Pick-Up-Artists-Szene unterwegs. Sie kennt den Begründer der Pick-Up-Artists-Community, Ross Jeffries und den Rockstar unter den PUAs, Eric Horvat-Marcovic alias "Mystery", persönlich. Im stern-Interview spricht Sophia Lierenfeld über Julien Blanc und die Herausforderungen, denen sich die deutsche Szene stellen muss.

Sie kennen den Begründer der Pick-Up-Community persönlich. Wie sieht er die Entwicklung, die PUA-Szene genommen hat?


Er fragt sich schon manchmal, was er da eigentlich geschaffen hat. Er arbeitet inzwischen auch ganz anders, hat zu seinen Schulungen eine Frau hinzugezogen. Mit Pick-Up hat das, was er heute macht, nicht mehr viel zu tun.

Haben Sie Julien Blanc je getroffen?


Nein. Die Leute, mit denen ich befreundet bin, haben mit RSD und ihren Coaches nichts zu tun.

Was halten Sie von Julien Blancs berüchtigten Videos?


Die sind in meinen Augen nichts als der dämliche und gefährliche Versuch eines Marketing-Gags.

Und die Pick-Up-Artist-Szene allgemein? Alles brave Lämmer neben dem großen bösen Wolf Blanc?


Natürlich nicht. Auf der einen Seite gibt es in der Szene sehr viele Männer, die unsicher sind oder verletzt und enttäuscht wurden. Ihnen kann Pick-Up helfen, überhaupt mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Auf der anderen Seite sind Glaubenssätze, die in dieser Welt kursieren, dass Frauen Männer durch Dramen manipulieren wollen oder dass sie selbst nicht wüssten, was sie von einem Mann wollen, weit verbreitet. Ebenfalls als Problem sehe ich die küchenpsychologischen Kategorisierungen, die vorgenommen und als Wissenschaft verkauft werden, obwohl sie jeder wissenschaftlichen Grundlage spotten.

Was zum Beispiel?


Vor ein paar Jahren erschien ein vom Mainstream wenig, von der PUA-Szene jedoch umso mehr beachtetes Buch, in dem der Autor, der seine Autorität übrigens nicht weiter belegte, Frauen in "mit hohem Selbstwert" und "mit geringem Selbstwert" einteilte, die Anzeichen dafür willkürlich festlegte und den richtigen Umgangston für die jeweilige Kategorie lehrte. Damit geschieht natürlich viel zwischenmenschlicher Blödsinn, es kann aber auch echter Schaden angerichtet werden.

Auch in der deutschen PUA-Community?


Ich kenne einen Fall, in dem es zu einer massiven Grenzüberschreitung kam. Eine Freundin fühlte sich von einem Pick-Up-Artist missbraucht. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, aber sie war danach vollkommen fertig und meinte, sie habe das nicht gewollt, er hätte aber einfach weitergemacht. Der PUA selbst meinte, er wüsste auch nicht, was ihr Problem sei, der Sex sei einvernehmlich gewesen, aber natürlich habe er sich gewundert, warum sie nachher heulte.

Offenbar hat er doch nicht so viel Erfahrung mit Frauen.


Natürlich nicht, zumindest keine, die auf einer tatsächlichen Verbindung beruhen. Ein Mann, der mit Frauen immer nur einmal Sex hat, lernt ja wenig dazu. Die bleiben im Sex technisch und verhalten, weil sie sich nicht gehen lassen wollen. Darunter liegt oft eine schwere eigene Verletzung, die kann aber nicht geheilt werden, wenn man oberflächliche Kontakte, Sex und Aufmerksamkeit als Schmerzmittel einsetzt, anstatt das wahre Problem anzugehen. Das schadet beiden: Der Frau und dem Mann. Seine eigene Verletzung vertieft sich, während er kaum Warnsignale mitbekommt, da er hauptsächlich um sich selbst und seine Betterfolge kreist. Ich fragte diesen PUA, ob er ausschließen könne, dass so etwas wie mit meiner Freundin schon einmal mit einer Frau passiert sei. Er konnte es nicht.

Gibt es einen Pick-Up-Artist, den Sie jungen Männern empfehlen könnten?


Mateo Diem. Er arbeitet mit jungen Männern daran, ehrlich auf Frauen zuzugehen, authentisch zu flirten und zu sich selbst zu stehen. Zur Zeit hört man außerdem von einem Pick-Up-Artist, der momentan unter dem Pseudonym Dave Cartner auftritt. Der gehört zu den kritischsten der Szene und macht sich damit auch nicht immer beliebt. Aber er sieht das Thema ganzheitlicher. Ihm geht es mehr um Persönlichkeitsentwicklung. Wenn Leute wie diese beiden Coachings abhalten, finde ich das gut, auch wenn ich grundsätzlich eher zu Coaches mit einer psychologischen Ausbildung raten würde.

Wer sind eigentlich die wichtigsten Pick-Up-Artists in Deutschland?


Das ist schwierig festzustellen. Die Leute kommen und gehen, werden unter einem bestimmten Namen bekannt, tauchen unter und manchmal unter einem anderen Namen wieder auf.

Gibt es auch Männer, die aus der Szene wieder aussteigen?


Ja, ständig. Es gibt viele Männer, die nur kurz bleiben und durch die Szene lediglich den Impuls bekommen, ihre Enttäuschungen zu überwinden und überhaupt wieder Kontakt zu Frauen zu knüpfen. Sie sind schnell wieder weg, meist nach ein paar Monaten und nicht selten, weil sie eine Beziehung begonnen haben. Kurzfristig kann Pick-Up durchaus motivieren und hilfreich sein. Andere kommen nach ein, zwei Jahren drauf, dass Pick-Up nach der reinen Lehre – also Aufreißen, Sex haben, weiterziehen – sie auf Dauer nicht glücklich macht. Ich treffe immer wieder Männer, die diese eingelernten Glaubenssätze wieder abtrainieren wollen. Sie wollen wieder unbefangen auf Frauen zugehen lernen.

Hat die Diskussion um die PUAs denn auch gute Seiten?


Ich finde gut, dass diskutiert wird. Es braucht ein Korrektiv innerhalb der Szene. Ich hoffe, dass der Fall Julien Blanc dazu führt, dass die Community sich auf gewisse Grenzen einigt.

Wie mag es wohl mit Julien Blanc und seiner Firma RSD weitergehen?


Schwer zu sagen. Im Moment will keiner mehr an ihnen anstreifen und das ist vielleicht nicht das Schlechteste. Fragt sich allerdings, wie ihre Verkaufszahlen aussehen. Aber will man Männer, die sich durch eine derartige Werbeaktion angesprochen fühlen, überhaupt im Seminar sitzen haben?

Mehr über die teure Kaffeekapsel-Verführung lesen Sie im aktuellen stern. Jetzt am Kiosk.

Mehr über die teure Kaffeekapsel-Verführung lesen Sie im aktuellen stern. Jetzt am Kiosk.

Mehr zum Thema Pick-Up-Artists wie Julien Blanc lesen Sie im aktuellen stern.

print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity