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Wenn Nähe zum Luxus wird Boah, würde ich jetzt gerne jemanden umarmen!

Zwei Frauen umarmen sich auf der Straße
Warum halten die denn den Abstand nicht ein?
© YacobchukOlena / Getty Images
Abstand ist das Gebot der Stunde, überall. Wegen des Coronavirus müssen die meisten von uns auf viele Berührungen verzichten, manche sogar auf alle. Das ist nur schwer auszuhalten.

Wenn man in diesen Tagen Filme oder Serien schaut, fällt einem plötzlich etwas auf, worauf man vorher nie geachtet hat. Ständig sind da Berührungen, Handschläge, Umarmungen, von Küssen und mehr gar nicht erst zu reden. Im Fernsehen wird bei Szenen dieser Art mittlerweile manchmal ein Hinweis eingeblendet: "Gedreht vor März 2020".

Denn seit diesem März 2020 ist alles anders. Bis dahin erschien uns all das so selbstverständlich – klar gibt man sich die Hand zur Begrüßung, natürlich umarmt man Freunde. Jetzt ist da dieses Wort, das man früher vor allem nutzte, um mit schwierigen Beziehungen fertig zu werden: Abstand. "Warum halten die den Abstand nicht ein?", schießt mir jetzt durch den Kopf, wenn ich so etwas auf dem Bildschirm oder im echten Leben sehe. Und im Innersten beneide ich diese Personen, die da gerade auf Tuchfühlung gehen dürfen, um etwas, worüber sich die meisten von uns bisher wahrscheinlich kaum Gedanken gemacht haben.

Was fehlt: der Handschlag, die Umarmungen, das Schulterklopfen

Ich war noch nie ein besonders körperlicher Mensch, ich wurde anders erzogen. Dann kam das Coronavirus. Alle Maßnahmen der physischen Distanz sind sinnvoll, wir haben verstanden, worum es geht. Aber je länger der Kuschelentzug dauert, desto öfter denke ich: Man, würde ich jetzt gerne jemanden umarmen! Und es geht nicht.

Wir müssen hier nicht einmal übers Kuscheln, über Küsse oder gar Sex reden. An solche Dinge wagt man mittlerweile ja kaum noch zu denken, sie wirken fern wie aus einer anderen Zeit. Es sind die kleinen, alltäglichen Dinge, die fehlen: der Handschlag mit dem Kollegen auf dem Gang, dem Kumpel auf die Schulter patschen, jemanden zur Begrüßung umarmen.

Physische Kontakte fühlen sich kriminell an

Mittlerweile ist Nähe zu einem Luxusgut geworden. Auch wenn es natürlich Menschen gibt, die in der Zeit des Lockdowns von Nähe geradezu erdrückt werden. Für viele andere wirkt der Gedanke daran, jemandem die Hand zu geben, bis vor wenigen Wochen noch eine sehr kühle und förmliche Form der Begrüßung, fast schon erotisch.

Die physischen Kontakte haben eine nahezu kriminelle Aura bekommen. Zweimal habe ich mich in der Zeit seit dem Kontaktverbot mit einer anderen Person getroffen, was gesetzlich erlaubt ist. Es fühlt sich an, als würde man etwas Verbotenes tun. Und selbst wenn man sich dann endlich auch wieder persönlich gegenübersteht, ist alles linkisch. Verlegen winkt man sich aus 1,5 Metern Entfernung zu, einmal kurz die ausgestreckte Hand auf die Schulter, das ist schon das höchste der Gefühle.

Kanada: Mit dem Hubschrauber findet die Calgary Polizei eine Gruppe von Menschen, die mit Abstand von einander tanzen.

Wie lange noch? Das weiß niemand

Von der bekannten Psychotherapeutin Virginia Satir stammt die Faustformel: "Wir brauchen vier Umarmungen am Tag zum Überleben, acht Umarmungen am Tag zur Erhaltung und zwölf Umarmungen am Tag zum Wachstum." Wie viel Nähe der Mensch benötigt, ist individuell verschieden (und zwölf Umarmungen am Tag sind zumindest für erwachsene Singles auch eher utopisch). Aber dass er sie braucht, ist unumstritten. Schon vor dem Coronavirus sprachen Psychologen von einer "Kultur der Berührungsarmut". Sie hatten ja keine Ahnung, was da noch kommen würde.

Das Schlimmste daran ist: Niemand weiß, wie lange der Zustand noch anhält. Gedanklich hatten sich viele auf zwei Wochen Kontaktverbot eingestellt, vielleicht noch auf zwei weitere, um das Virus tatsächlich einzudämmen. Aber auch danach wird es dauern, bis wir wieder in einen Normalzustand zurückkehren können – auch auf der kleinsten, persönlichen Ebene. Wann ich wieder jemanden richtig und guten Gewissens in den Arm nehmen darf? Keine Ahnung. Das macht auch Angst.

Neulich erkundigte ich mich bei einer Freundin, wie sie mit der Situation zurechtkommt. "Ich vermisse Umarmungen", schrieb sie zurück. Es hat dann immerhin zu einem "Fühl dich gedrückt" von beiden Seiten und einem Emoji mit ausgebreiteten Armen gereicht. Was für ein schwacher Trost.


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