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Psychologin gibt Tipps So kommen Familien besser durch den Corona-Winter

Auf einem schwarzen Ledersofa sitzt eine vierköpfige Familie gelangweilt rum. Ein Mädchen und ein Junge sitzen auf den Eltern
Besonders für Familien dürfte der zweite Corona-Winter in Deutschland zur Belastung werden (Symbolbild)
© iStockphoto / Getty Images
Deutschland steht vor dem zweiten Winter in der Corona-Pandemie. Mancherorts gilt schon wieder ein Lockdown, woanders steht er bevor. Psychologin Annette Kruse erklärt im stern-Interview, wie Familien diese belastende Situation am besten durchstehen.

Die Corona-Inzidenz in Deutschland ist in ungeahnte Höhen gestiegen, einige Landkreise befinden sich bereits wieder im Lockdown. Der zweite Corona-Winter droht gerade für Familien die nächste Belastungsprobe zu werden. Wie Eltern, Kinder und Jugendliche die bewältigen, hängt nicht nur davon ab, wie intakt die Familie ist.

Frau Kruse, Sie sind approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Wie belastet sind Kinder und Jugendliche durch die Corona-Pandemie?

Das ist eine sehr weite Spanne. Manche kommen gut durch, andere sind sehr belastet und in ihren Anpassungsleistungen erschöpft. Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich das etwa durch Depressionen, Zwangsstörungen, Ängste und Essstörungen. Was auch betroffen sein kann, ist die Autonomie-Entwicklung, also der Ablöseprozess von den Eltern.

Statistiken zeigen auch, dass die häusliche Gewalt zunimmt und es mehr Fälle von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen gibt.

Welche Rolle spielen Freunde in dieser Situation?

Je weniger Kontakt zu Freunden Kinder und Jugendliche haben, desto mehr leiden sie unter der Isolation. Besonders bei Kindern im Kita- und Grundschulalter ist das ein Problem, weil deren Freundschaften größtenteils über die Institution Kita oder Schule stattfinden. Jugendliche haben dann oft Freunde über gemeinsame Hobbys und können Kontakte mit Hilfe von Medien selbständiger pflegen. Besonders die Kleinen brauchen die Unterstützung der Eltern, damit der Kontakt zu Freunden und etwa den Großeltern nicht abreißt. Geschwister können fehlenden Kontakt zu Freunden zumindest ein wenig kompensieren.

Was ist sonst noch wichtig, damit Familien einen Lockdown möglichst gut überstehen?

Die Wohnsituation zum Beispiel. Gibt es ausreichend Wohnraum oder etwa einen Garten? Hat die Familie ein Haustier? Natürlich sollte sich nicht jede Familie jetzt ein Tier anschaffen, aber wenn es bereits ein Haustier gibt, kann das helfen. Aber auch das Familienklima insgesamt ist relevant: Ist ein Elternteil krank oder macht sich Sorgen um den Job? Haben die Eltern viele Konflikte? Schlecht ist auch, wenn Eltern viel Angst vor Corona haben. Ich habe Kinder und Jugendliche erlebt, die durften niemanden mehr treffen. Oder sie wurden aufgefordert, nichts zu berühren und ständig die Hände zu desinfizieren. Das birgt die Gefahr, dass Kinder die Ängste ihrer Eltern übernehmen und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Es ist und bleibt für Eltern herausfordernd, eine Balance zwischen dem physischen und psychischen Wohl zu finden.

Was raten Sie Familien im Lockdown?

Ich empfehle immer, eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Manche Kinder und Jugendliche bleiben sehr lange wach und schlafen dann entsprechend lange. Oft stellt sich dann ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus ein. Gut ist auch, wenn es definierte Zeitfenster für die Bearbeitung der Schulaufgaben gibt, danach aber auch frei ist. Gerade Jugendlichen mit einem hohen Selbstanspruch und perfektionistischen Tendenzen fällt es schwer, Grenzen zwischen Schule und Freizeit zu ziehen. Wenn dann zum Beispiel eine Lehrerin um 22 Uhr noch Aufgaben mailt, setzen sie sich dann noch dran.

Gerade in schwierigen Zeiten ist eine gute Selbstfürsorge wichtig. Alle sollten sich auch selbst etwas Gutes tun, vielleicht entdeckt man ein neues Hobby für sich. Zu mir kommt ein Mädchen, das gerne mit Playmobil spielt. Im Lockdown hat sie dann angefangen, mit den Figuren aus lauter Fotos Stopp-Motion-Trickfilme zu drehen und die einer Freundin zu schicken. Die hat dann auch welche zurückgeschickt und so sind die beiden in Kontakt geblieben. Ein Projekt oder ein Thema, das Spaß und Beschäftigung bringt, hilft jedenfalls. Etwas basteln, Musik machen, backen, einen neuen Rekord im Seilspringen aufstellen oder dem Hund neue Tricks beibringen. Allerdings sollten die Eltern den Kindern auch Freiraum geben. Sie haben ja auch eine Verantwortung für sich. Jeder sollte mal seiner Wege gehen und etwas für sich machen.

2G+: Ein Corona-Test wird bei einer junge Frau durchgeführt.

Wie redet man mit Kindern über die Corona-Pandemie?

Eltern sollten die Ängste und Gedanken ihrer Kinder ernst nehmen. Da gilt es, eine  Balance zu finden: Man sollte weder etwas schönreden, noch die Lage katastrophaler darstellen, als sie ist. Man sollte sich seinen Optimismus bewahren. Und vor allem: Die Informationsflut begrenzen und auch mal bewusst neutrale oder positive Themen mit den Kindern besprechen.

Weitere Tipps gegen den Corona-Lagerkoller finden Sie auf psychologische-coronahilfe.de, einer Seite der "Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)".


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