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Zehn Erziehungsfloskeln: Und plötzlich klingen wir wie unsere Eltern

Als Kinder haben wir sie gehasst, als Eltern erwischen wir uns gelegentlich selbst dabei: Wie im Reflex rutscht ein Spruch aus dem Floskel-Repertoire heraus. Jetzt reißen wir uns aber mal zusammen!

Bitte nicht dieser Spruch!

Bitte nicht dieser Spruch!

Nicht immer sind wir in der Erziehung unserer Kinder geistig voll auf der Höhe. Abgelenkt, gestresst oder unter Zeitdruck rutschen einem manchmal Sätze heraus, bei denen das Gehirn eine Sekunde später ruft: Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt! Wir klingen wie unsere eigenen Eltern - das wollten wir aber nie. Der Journalist und Autor Walter Schmidt, selbst Vater einer pubertierenden Tochter, hat sich diese Sprüche einmal vorgeknöpft. Und versucht herauszufinden, warum sie uns über die Lippen kommen. Und was wir stattdessen besser gesagt hätten. In seinem Buch "Solange du deine Füße ... Was Erziehungsfloskeln über uns verraten" nimmt er mehr als 50 Sprüche ausführlich unter die Lupe. Man kennt sie alle ...

Wir wollen ja nur dein Bestes!

Wenn Eltern glauben, sie wüssten, was das Beste für ihr Kind ist, fragen sie in der Regel nicht das Kind. Dieser Satz wird angewendet, wenn sie es davon abbringen wollen, das zu tun, was es gerade macht und stattdessen nach ihren Vorstellungen zu handeln. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul sagt dazu: "Dass Eltern bloß das Beste ihrer Kinder wollen, ist verständlich, doch es ist nun einmal der Job der Jugendlichen, das Äußerste zu versuchen, um das zu erwerben, was man ein eigenes Leben nennt."

Dafür bist du noch zu klein!

Man kann Kindern mehr zumuten und zutrauen, als Erwachsene gemeinhin denken, weiß Walter Schmidt aus seiner Zeit als Zivildienstleistender auf einem Abenteuerspielplatz. Als mal ein Dreijähriger an der Hand seines Bruders mitkam, schloss er ihn nicht aus, obwohl das Mindestalter eigentlich sechs Jahre ist. Er ließ ihn mit einem echten Hammer echte Nägel in echte Bretter schlagen. Auch wenn sich der Kleine ab und an auf den Finger hämmerte, machte er weiter und war am Ende stolz darauf, ein paar Nägel ihrer Bestimmung zugeführt zu haben: Sie saßen fest im Holz. Und deshalb fragt der Buchautor: Geht es wirklich darum, Gefahren abzuwenden, wenn man sagt "Dafür bist du noch zu klein"? Oder will man als Erwachsener eher der lästigen Mühe entkommen, einem Kind etwas zu erklären? Wir ahnen die Antwort ...

Jetzt reiß dich mal zusammen!

Jugendliche hören den stets genervt klingenden Spruch häufig dann, wenn ihre Eltern ratlos sind, schreibt Walter Schmidt. Dabei können die Anlässe variieren: die ersten schlechten Noten, plötzliches Schuleschwänzen, Zigarettenrauchen, kurz alles, was auf eine Veränderung hindeutet und zeigt, dass das Kind sich der Kontrolle entzieht. So ist es nun mal: Nicht nur die Kinder müssen durch die Pubertät. Was mit Pubertierenden eher funktioniert als so ein Spruch, ist verhandeln.

Was sollen denn die Nachbarn denken!

Wegen des Verhaltens der eigenen Kinder, die sich "öffentlich" schlecht benehmen, möchten Eltern manchmal im Erdboden versinken. So, als hätten sie selbst etwas sehr Peinliches getan. Wenn etwa die 14-jährige Tochter mit einem deutlich zu tief dekolletierten Top zur Schule gehen will, glauben Eltern, es falle auf ihren Erziehungsstil zurück, wenn sie das nicht verhindern. Etwa zur selben Zeit passiert es, dass die Eltern auch den Kindern peinlich werden. Statt unseren Sprösslingen zischend vorzuhalten, was denn um Himmels willen die Leute denken sollen, ist es deutlich sinnvoller, ihnen zu erklären, warum uns ihr Verhalten nicht recht ist, so Schmidt.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

Übung macht den Meister, weil wir bei Routineaufgaben auf Nervennetzwerke zurückgreifen können: Je öfter zwei benachbarte Zellen miteinander verschaltet sind, umso enger kooperieren sie. "Use it or lose it!", also "Benutze oder verliere es!", nennen Hirnforscher dieses Prinzip, dass durch regelmäßige Wiederholung stabil bleibt. Aber: Trost spenden solche Sprüche Kindern nicht. Im Falle des Versagens oder eines Anfängerfehlers kommt eine Geschichte über die eigenen Schwierigkeiten mit einer bestimmten Fertigkeit - Sportart, Sprache, was auch immer - deutlich wirkungsvoller rüber.

Du wirst uns noch mal dankbar sein!

Geht es zum Beispiel um das Erlernen eines Instruments, ist dieser Satz wahrscheinlich der, den ein Kind häufiger hört. Wenn es keine Lust hat zu üben, den Unterricht oder den Lehrer nicht mag, Anlässe gibt es genug, um ein Kind zu motivieren. Fällt dieser Satz jedoch über Jahre hinweg, läuft etwas falsch. Und Dankbarkeit ist das, was die Eltern sicher nicht erfahren werden ...

Bist du zu deinen Freunden auch so frech?

Walter Schmidt bezeichnet diese Floskel als die verräterischste von allen: Durch sie entlarven Eltern, dass sie sich denselben Status wie die Freunde ihrer Kinder wünschen. Walter Schmidt zitiert dazu einen 2500 Jahre alten Satz von Konfuzius: "Nimm dir den nicht zum Freunde, der dir nicht ebenbürtig ist." Gerade in der Pubertät, wo Kinder das den Eltern vertraute Verhalten ablegen, tun sich Vater und Mutter damit schwer. Trennungs- und Verlustängste sind oft die Reaktion auf unfreundliches, aggressives Verhalten der Teenies. Da hilft nur konstruktiver Streit und das Urvertrauen, dass sich das eigene Kind nicht plötzlich in ein Monster verwandelt hat.

Anderswo hungern die Kinder und du wirfst dein Pausenbrot weg!

Den Respekt vor Nahrungsmitteln zu lehren, ist goldrichtig, insbesondere weil jährlich pro Bundesbürger 82 Kilogramm an Lebensmitteln im Müll landen, von denen 53 Kilo noch verwertbar gewesen wären. Aber, so argumentiert Schmidt, das mit dem Welthunger zu begründen ist Unsinn. Wenn Kinder ein hungerndes Kind sehen, erhalten sie sonst leicht den Eindruck, dass sie dafür verantwortlich seien, nur weil sie eine Schinkenstulle entsorgt haben. Schmidt rät, statt des Zeigefingers den Verstand einzusetzen und Kindern altersgerecht zu erklären, wie viel Arbeit in Lebensmitteln steckt. Und im eigenen Haushalt entsprechend damit umzugehen.

Wegen sowas brauchst du doch nicht zu weinen!

"Erwachsene wollen Weinen immer gleich stoppen, als läge darin Bedrohliches und nicht bloß die Bitte um Beistand", weiß Schmidt. Doch statt den Grund für Tränen kleinzureden, sollten sie ihn einfach mal mit den Augen des Kindes betrachten. So entsteht ein Gefühl der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit - und die Welt kommt wieder in Ordnung.

Aus dir wird nie was!

Über Kinder in ihrem Beisein zu urteilen, kann sie immens verletzen. Und je häufiger sie so abgeurteilt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihr Leben lang daran erinnern werden. Und im schlimmsten Fall auch danach leben: die selbsterfüllende Prophezeiung. Schmidt zitiert den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann mit einer Aussage, die direkt ins Herz geht: "Wir sind das Licht unserer Kinder. Oder ihre Finsternis. Wir haben die Verantwortung, wir haben die Wahl." Bringen wir sie also zum Strahlen!

bal
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