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Interview

Gutes Streiten, schlechtes Streiten: "Ich dachte, dass Kinder zu tun haben, was ich sage"

Nicht die Liebe entscheidet, ob die Beziehung hält - sondern wie man sich streitet. Vier Paare und ein Kind erzählen, wie sie mit Zoff klarkommen. Oder auch nicht. Für Veronika, 41, und Michael, 47, wurden ihre Kinder zur Belastungsprobe.

Von Lisa Frieda Cossham

Gutes Streiten, schlechtes Streiten: "Ich dachte, dass Kinder zu tun haben, was ich sage"

Über Inhalte streiten sich Veronika und Michael eher selten. Viel öfter führen ihre unterschiedlichen Charaktere zu einem Zwist - und ihre unterschiedlichen Erziehungsmethoden

Veronika, 41, und Michael, 47, sind schon seit 20 Jahren ein Paar. Bevor die kamen – sieben und fünf Jahre alt – hatten sie also viel Zeit, einander kennenzulernen. Streiten die Journalistin und der selbstständige Kaufmann deshalb konstruktiver?

Können Sie sich leicht versöhnen?

Veronika: Ich kann schnell verzeihen, Michael ist sturer als ich.

Michael: Wenn wir uns richtig gestritten haben, brauche ich eine kurze Pause. Ich muss dann den Raum verlassen. Früher hast du dann nicht lockergelassen und bist mir hinterhergegangen.

Veronika: Stimmt, ich wollte die Situation sofort klären. Lustigerweise haben unsere Kinder dieses Muster übernommen. Mein Sohn ist eher wie ich, er läuft seiner Schwester nach. Aber die muss man in ihrem Zimmer lassen, wenn sie sauer ist. Sie ist wie du, Michael. Lass sie mal, habe ich unserem Sohn erklärt. Wenn sie eine Weile geschmollt hat, ist alles wieder gut.

"Wir sind aufeinandergeprallt. Auch vor den Kindern manchmal"

Wie gehen Sie beide mit den Kindern um?

Michael: Wir haben unterschiedliche Erziehungsstile, am Anfang hat das zu Auseinandersetzungen geführt. Ich wurde streng erzogen, war das jüngste von sechs Kindern, meine Eltern haben noch den Krieg erlebt. Als Vater war ich dann erst mal ziemlich streng. Ich dachte, dass Kinder zu tun haben, was ich sage. Inzwischen haben wir unsere Haltungen einander angepasst.

Veronika: Ich bin eher locker erzogen worden. Wir waren vier Kinder, ich war das Küken und konnte machen, was ich wollte. Dass man beim Essen ruhig ist, solche Regeln kannte ich gar nicht. Da mussten wir uns erst mal annähern.


Wie haben Sie sich angenähert?

Veronika: Ich habe Michael erzählt, was ich in Ratgebern, zum Beispiel von , gelesen hatte.

Michael: Ich dachte, Kindererziehung kann jeder, das steckt einfach in uns drin.

Veronika: Du hast manchmal unwirsch reagiert.

Michael: Wir sind aufeinandergeprallt. Auch vor den Kindern, manchmal.

Veronika: Aber ich glaube, dass wir nach 20 Jahren immer noch zusammen sind, liegt auch an unserer Ehrlichkeit. Wir sagen offen, was uns stört. Auch Dinge, die nicht schön, sondern schmerzhaft sind.

Hatten Sie damit gerechnet, unterschiedliche Erziehungsstile zu haben?

Michael: Nein, wir haben eine ähnliche politische Haltung, ein ähnliches Interesse an Kultur, da denkt man ja nicht, dass man unterschiedlich erziehen würde. Aber wir haben eine Mitte gefunden. Ich lege Wert auf Regeln, das ist auch heute noch so.

Veronika: Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis wir uns angenähert hatten. Ich wurde zu Hause als Jüngste gefoppt. Liebevoll zwar, aber mich hat es als Kind gestört, nicht immer für voll genommen zu werden. Deshalb diskutiere ich heute mit den Kindern, während Michael fordert, ich solle klare Ansagen machen. Ich will sie aber nicht zu Befehlsempfängern machen.

Haben Sie die Entscheidung, eine Familie zu gründen, je bereut?

Michael: Nein, so schlimm kam es nie. Aber unsere schwierigste Phase hatten wir nach der Geburt unseres Sohnes. Da dachte ich, ich müsste ein Reihenmittelhaus am Stadtrand kaufen, ein Nest schaffen, und das war keine gute Idee. Hat uns nicht gefallen. Wir wussten, wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben und trennen uns irgendwann oder wir ziehen zurück in die Stadt. Wir sind wieder in die Stadt gezogen.

Veronika: Das einzige Mal, dass ich ernsthaft an unserer Beziehung gezweifelt habe, war vor 15 Jahren, als ich in ein Volontariat gemacht habe und Michael freiberuflich in Nürnberg gearbeitet hat. Für mich war klar, dass er zu mir zieht, aber er wollte nicht. Wir saßen beide im Baader Café, haben geheult, und ich habe gesagt: Wenn du nicht nach München ziehst, kann ich nicht garantieren, dass ich nicht vielleicht jemand anderes kennenlerne.

Michael: Meine Heimat zu verlassen war ein großer Kompromiss für mich.

Veronika: Wir stehen beide temperamentvoll für unsere Meinungen ein. Einmal hat Michael mich im Streit sitzen lassen und ist alleine ins Kino gegangen. Er ist einfach abgerauscht. Und ich dachte, wenn du nach Hause kommst, bin ich nicht da. Und bin auch ins Kino gegangen. Am Ende kam raus, dass jeder von uns alleine in der Stadt im Kino saß.

Michael: Riesensauerei: Ich kam nach Hause, und Veronika war nicht da. Was fällt der ein?!

"Ich erkläre ihnen dann, dass wir diskutieren"

Was macht Sie beide wütend?

Veronika: Es sind weniger die Inhalte, mehr die Verhaltensweisen. Michael wirft mir vor, destruktiv zu sein, wenn ich genervt bin. Ich finde dann alles blöd. Michael ist ein Optimist, er kann das schlecht ertragen. Umgekehrt werfe ich ihm vor, zu streng oder dogmatisch zu sein.

Michael: In diesen Momenten geht es auch um das Existenzielle. Es tut dann weh. Wir sind dann verzweifelt und beschimpfen uns auch mal. Oder schreien uns an. Aber die Kinder kriegen das nicht mit, wir streiten meist abends vorm Schlafen.

Veronika: Kleinere Auseinandersetzungen kriegen sie schon mit. Sie können das nicht so gut aushalten, aber ich erkläre ihnen dann, dass wir diskutieren und dass das in Ordnung ist.

Sie sind seit 20 Jahren zusammen, warum?

Veronika: Michael bringt mich zum Lachen. Seltener als früher, aber wenn wir alleine sind, dann haben wir diese Momente. Sein Humor ist etwas, das mich immer wieder zu ihm hinzieht. In schwierigen Phasen erinnere ich mich daran, dass er eigentlich ein lustiger Mensch ist, der durch die Wohnung saust. Einmal hat er sich auf dem Schrank versteckt, und ich habe ihn überall in der Wohnung gesucht.

Michael: Ich glaube, was uns auch zusammenhält, ist, dass wir uns zusammen weiterentwickeln können. Wir teilen den Blick auf die Welt, der sich verändern darf.


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