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Frust statt Lernlust: Wie Schule kindliche Neugier abwürgt

Mit sechs Jahren gehen fast alle Kinder noch gerne zur Schule. Mit 13 hat nur noch jedes zehnte Kind Spaß daran. Wie Schule es schafft, aus neugierigen Geschöpfen gleichgültige Notenjäger zu machen.

Von Uli Hauser

Kinder kommen in die Schule als Fragezeichen. Und verlassen sie als Punkt. Nichts, sagt der holländische Biologe Midas Deckers, steht sich gegenseitig so im Weg wie Kind und Schule, so wie sie heute organisiert ist. "Einem Menschen über zehn noch eine Fremdsprache oder Biologie beibringen zu wollen, grenzt an Kindermisshandlung. Die Weisheit, die Kinder früher mit dem Löffel gefressen hätten, müssen sie sich jetzt mühsam mit Messer und Gabel zu Munde führen. Es ist, als stecke ein sadistischer Komplott dahinter: Gerade dann, wenn die Kinder das Vermögen, eine Sprache wie von selber zu erlernen, endgültig verloren haben, erhalten sie auf der Schule Unterricht in Sprachen, die jetzt zu Recht Fremdsprachen genannt werden", schreibt Deckers in seinem Buch "Von Larven und Puppen".

Kinder solle man Fremdsprachen beibringen, solange ihr Gehirn dafür noch empfänglich ist, vor dem achten Lebensjahr. "Es müsste verboten werden, dass die Kindergärtnerinnen dieselbe Sprache sprechen wie die Mütter der Kinder. Es ist einfach jammerschade. Ein Kind müsste konstant zwei oder drei Sprachen ausgesetzt sein, dann würde es diese Sprachen müheloser und besser lernen als mit jedem noch so großzügigen Sprachenstipendium irgendwann später."

Midas Deckers schlägt vor, die Lehrpläne radikal zu entrümpeln: weniger Fächer, die aber dafür gründlich. "Also keine Literatur vor dem zwölften Lebensjahr, sondern stattdessen Musik. Der Unterricht für manche Fächer beginnt in vielen Fällen leider erst, wenn das Interesse daran bereits verschwunden ist. Diese Zeitverschiebung wird das Kind nie mehr aufholen können. Am schmerzlichsten tritt das bei der Biologie zutage. Nur in der Biologie ist das Kind ähnlich vorschulreif wie in der Sprache.

Knirpse, die noch keine Gabel von einem Messer unterscheiden können, geschweige denn ein Dreieck von einem Kreis, deuten zielsicher auf die Bilder von Löwe, Tiger, Panda, Bär, Nashorn oder Nilpferd, wenn man sie danach fragt. Biologie haben Kinder mit der Muttermilch aufgesogen, und irgendwie leuchtet das auch ein. In der Zeit, als unsere Vorfahren noch mit nackten Ärschen durch die Wälder rannten, war, abgesehen von einer gewissen Verständigungsmöglichkeit, auch das Wissen über die verschiedenen Tierarten lebenswichtig. Kleine Kinder mussten wissen, welche Tiere gefährlich waren, sonst wurden sie nicht groß."

Lernen ist Lustsache

Wir unterschätzen unsere Schüler und überfordern sie. "Unter Lernen", heißt es im Internetlexikon "Wikipedia", "versteht man den bewussten und unbewussten, individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen und Fertigkeiten oder Fähigkeiten. Lernen kann außerdem als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung oder neu gewonnen Einsichten und des Verständnisses (verarbeiteter Wahrnehmung der Umwelt oder Bewusstwerdung eigener Regungen) aufgefasst werden."

Lernen ist mit Lust verknüpft. Dem "Aha-Effekt", Einzelnes zu einem Ganzen zu fügen und die Dinge mit Kopf, Herz und Hand verstehen zu wollen. Wer unter Zwang ein Gedicht lernen muss, lernt nicht nur Verse; sondern auch, dass dies keinen Spaß macht und Versagen mit einer schlechten Note bestraft wird. Begreifen ist ein körperlicher Vorgang. Erst wenn Wissen verkörpert wird, kann Lernen gelingen. Vom Wortsinn bedeutet "lernen" soviel wie "einer Spur nachgehen" oder "schnüffeln". Das klingt nicht nur spannender als "büffeln", sondern verspricht auch Freiheit und Abenteuer. Wie aber sollen Kinder eine Fährte verfolgen, wenn ihre Zeit in 45-Minuten-Abständen getaktet ist? Auf jedes Fach ein neues folgt, ohne dass die Dinge in Ruhe zu Ende gedacht werden können? Erst Mathe, dann Deutsch, dann Chemie, dann Musik. Und das alles im Sitzen: zum Durchatmen geht es zweimal am Tag auf einen öden platten Hof, wo die Kleinen unter Aufsicht Kreise drehen. Wehe, sie rempeln sich an.

Deutschland bewegt sich - nur in der Schule nicht

Dass Bewegung Lernen fördert, scheint nur für Erwachsene zu gelten; keine Woche vergeht, ohne dass sich Deutschlands Vorturner in den Medien über Sinn und Nutzen körperlicher Betätigung auslassen. Sie macht gute Laune und produziert beste Ideen. Ex-Außenminister entdeckten beim Trimmtrab den langen Weg zu sich selbst, immer mehr Männer und Frauen werden Marathonläufer. Sportausstatter melden von Jahr zu Jahr steigende Umsätze, Krankenkassen finanzieren Gymnastikkurse.

Deutschland bewegt sich, nur in der Schule nicht. Jede vierte Sportstunde fällt aus, weil Lehrer oder Turnhallen fehlen. Eine rühmliche Ausnahme gibt es. In Freiburg im Breisgau eröffnete ein Sportverein, die "Freiburger Turnerschaft von 1844", eine Grundschule und garantiert neben „bewegtem Unterricht“ neun Stunden Sport die Woche.

Sportwissenschaftler der Karlsruher Universität untersuchten, in welchen Haltungen Deutschlands Kinder den Tag verbringen: Eine Stunde bewegen sie sich, neun Stunden liegen sie, neun Stunden sitzen sie, fünf Stunden verbringen sie im Stehen. Sich regen bringt Segen? In der Schule, diesem Hort "zwanghafter Kultur" (Immanuel Kant), jedenfalls nicht. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin haben sechs von zehn Haltungsschäden. Mehr als die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen schafft es nicht, beim Vorbeugen mit ausgestreckten Armen den Boden zu erreichen. Nur noch zwei von drei Kindern sind in der Lage, zwei oder drei Schritte auf einem Balken rückwärts zu gehen. 86 Prozent gelingt es nicht, eine Minute lang auf einem Bein zu stehen. Die sportlichen Leistungen im Weitsprung verschlechtern sich seit nunmehr 30 Jahren. Verbessert hat sich allerdings, durch ausdauerndes Computerspiel, nur die Feinmotorik der Finger.

Uli Hauser
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