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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Kommst du mit mir backstage?

Egal, was Sie jetzt sagen: Auch Sie wollen es. Insgeheim wollen es nämlich alle: backstage! Dorthin, wo die coolen Leute Sex, Drugs & Rock 'n' Roll frönen und das Leben ein niemals enden wollender Exzess ist. Zur Not auch als Groupie.

Erst die Band feiern, dann backstage - davon träumen im Publikum viele

Erst die Band feiern, dann backstage - davon träumen im Publikum viele

Es gibt Leute, die behaupten, die Groupiekultur sei tot. Ich behaupte das Gegenteil. Jeder von uns ist im Grunde seines Wesens entweder Groupie oder Rockstar. Und die wollen immer nur an einen sagenumwobenen Ort: hinter die Bühne. Ich war in meinem Leben schon ein paar Mal backstage. Mit 9 nach dem Blümchen-Konzert in unserer Dorfdisco. Da gab es Sprite und Snickers satt. Ein großer Tag. Danach war ich einen Sommer lang selbst ein Star auf dem Schulhof. Sechs Jahre später lud mich in derselben Location ein bekannter Rapper in seine Garderobe ein. Da stank es aber so sehr nach Kräutermischung, dass ich auf dem Absatz kehrtmachte.
Mit 22 dann der vorläufige Höhepunkt: Ich schlich mich auf eine Vernissage meines Idols Marilyn Manson und trank einen Abend lang Absinth mit ihm. Blöderweise war er damals noch mit Evan Rachel Wood liiert und die guckte mich die ganze Zeit giftig an. Ich war dennoch selig, weil ich gerne an Orten abhing, wo "Normalos" nicht hinkommen.

Meine Berufswahl ist kein Zufall

Vermutlich bin ich auch deshalb Journalistin geworden, weil diese Berufsgruppe immer überall backstage kommt. Bei Konzerten, Filmfestspielen, Fernsehshows und was nicht alles. Das wird allerdings irgendwann langweilig. Umso interessanter fand ich es, am vergangenen Wochenende den Spieß mal umzudrehen und als Artist im Backstage-Bereich eines ziemlich großen Festivals abzuhängen (Glück gehabt!). Was ich dort lernte? Ja, es gibt Rockstars, die ihren Tourmanager nach dem Auftritt ins Publikum schicken, damit sie ihnen einen One-Night-Stand organisieren. Ja, es gibt mehr eisgekühlte Drinks als man trinken und mehr willige Fans als man flachlegen kann. Ja, es gibt Frauen, die ihre Shirts ohne weiteres vor betrunkenen Männern lüften, wenn diese eben noch on stage auf ihren Gitarren herumgezupft haben. Und ja, ich sah Sex, viel Sex.
Jimmy Page von Led Zeppelin schilderte einmal folgende Szene: "We'd just played Atlanta. Backstage there's girls parading around topless. So we round everybody up for an orgy. An orgy of theatrical tragedy, that is. We passed out scripts and had everybody perform 'Antigone'. (...) you know what? For a bunch of half-naked amateurs, we knocked it out of the park." Das erscheint mir aus heutiger Sicht als völlig angemessen.

Bloß keine Langeweile!

Nun mag der ein oder andere denken: "Igitt, also sowas, muss ICH echt nicht haben. Bäh." Muss man auch nicht, aber wenn man erstmal mittendrin ist, will man eben doch. Weil backstage die pure Anarchie herrscht. Du kannst die albernsten, abgefahrensten, versautesten Sachen machen und erntest dafür entweder frenetischen Applaus oder kaum mehr als einen kurzen Seitenblick, weil alle anderen gerade selbst mit irgendetwas Krassem beschäftigt sind. Gibt es etwas Besseres? Denn genau das ist es doch, was wir alle auf gar keinen Fall – speziell in unseren Schlafzimmern - wollen: Langweile, Alltag, Routine und Vorhersehbarkeit. Also lassen Sie ruhig mal öfter den Rockstar raus und Sex, Drugs & Rock 'n' Roll walten, als gäbe es kein Morgen. Sie werden staunen, wie viele Groupies ihnen plötzlich zu Füßen liegen …

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