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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Wie ich die Teenagerin im Winter ins Freie lockte. (Und am Ende lag ihr Bruder im Fluss)

Schnee, Eis, Sonne. Christiane Tauzher will mit ihrer Familie einen Winterspaziergang machen. Mit viel Mühe überredet sie auch die Teenage-Tochter, endlich mal ins Freie zu gehen. Und dann eskaliert der Spaziergang völlig.

Rothaariges Mädchen im Schnee

Wer es schafft, die Teenagerin in den Schnee zu locken, darf nicht damit rechnen, dass sie wettergemäß angezogen ist

Getty Images

Am 11. Tag des neues Jahres schien die Sonne vom blauen Himmel. Raureif hatte jeden Grashalm und jedes Ästchen überzogen, und aus unseren Mündern dampften weiße Atemwölkchen. Der Mini, Wombis fünfjähriger Bruder, ging wie ein Fahnenträger mit einer Kinderschneeschaufel voran. Unser Ziel war der Fluss hinter dem Haus, an dessen Ufer sich Wege und Promenaden schlängeln. Wir, der Olaf und ich, folgten dem Mini, der die Eisplatten vom Ufer aus mit der Schneeschaufel bearbeiten wollte. Alle kleinen Menschen der Umgebung trafen sich dieser Tage am zugefrorenen Fluss, um mit mitgebrachten Stöcken, Besen oder Regenschirmen auf das Eis einzustechen. "Tock tock tock" tönte es weithin.

Der Mini hatte rote Backen, rammte die umgedrehte Schaufel immer wieder in die Platte und fachsimpelte nebenbei mit den anderen Eisbrechern, welche Methode die effektivste sein könnte. Wir standen dick eingemummt daneben und hielten abwechselnd unsere Gesichter in die Sonne. Einer von uns behielt immer den Mini im Blick und ermahnte ihn alle drei Minuten, nicht auf die Eisdecke zu steigen. Weit abgeschlagen trottete auch die Wombi, ihr Handtaschen-großes Hündchen an der Leine, in unsere Richtung. Ja, wir hatten sie dazu gezwungen, das Bett zu verlassen, um den schönen Tag nicht zu verpassen. Das Gespräch war ungefähr so abgelaufen:

"Komm doch mit uns zum Fluss" – "Was soll ich dort?" – "Das Wetter ist so schön, die frische Luft tut dir gut." – "Die Luft in meinem Zimmer ist gut genug." – "Ach, komm, schon, dein Hund würde sich auch freuen." – "Ihr könnt den Hund ja mitnehmen." – "Wir hätten es so gern, wenn wir zusammen gehen würden." – "Bitte sehr!" (Schnauben, Stöhnen, Augenrollen) Dann komme ich eben mit. Hoffentlich seid ihr dann zufrieden, dass ihr euren Willen durchgesetzt habt, dass ihr mich genötigt habt in die Kälte rauszugehen. Wenn ich krank werde, seid ihr Schuld. Ich werde sicher krank (die Wombi war noch nie krank), und dann kann ich die Mathe-Schularbeit nicht schreiben und vorher auch nicht dafür lernen, aber ich gehe mit euch raus. In die Kälte. Weil ihr es unbedingt wollt – nein, weil ihr mich dazu zwingt." – "Super! Das ist toll! Wir freuen uns." 

Dreißig Minuten später war die Wombi noch immer nicht fertig zurechtgemacht, um für einen Familienspaziergang das Haus zu verlassen. "Ich komme nach", schnaubte sie. Wir nickten und machten uns mit dem Mini schon mal auf den Weg.

Als die Wombi zu uns stieß, trug sie eine dünne Übergangsjacke und Sneakers. Keine Haube, keinen Schal, keine Handschuhe. Der Olaf fragte sie, ob ihr nicht kalt sei. Das hätte er nicht tun dürfen. Jeder konnte sehen, dass die Wombi fror. Aus Überzeugung. Schweigend stand sie neben uns, und ihre Zähne klapperten. Das Hündchen bibberte auch. "Magst du nicht schon mal eine Runde drehen? Ihr erfriert ja hier noch", sagte ich und verzichtete bewusst darauf, sie zu fragen, warum sie an einem Tag unter null Grad nicht den Daunenmantel angezogen hatte. "Ihr wolltet, dass ich erfriere", gab sie mir zur Antwort.

Was macht denn der Hund da?

Bevor ich etwas erwidern konnte, stapfte sie über die vereiste Brücke. Wir sahen ihr nach. Plötzlich hielt das Hündchen an und machte ein Häufchen an den Wegesrand. Die Wombi schaute hin und dann wieder weg. "Hallo", rief ich über das Flüsschen, "du hast etwas vergessen!" Die Wombi schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. Ich machte mich auf den Weg zu ihr. Weit entfernt war sie ja noch nicht. "Wieso räumst du die Portion deines Hundes nicht weg?", fragte ich. Sie beteuerte, gar nicht gesehen zu haben, dass er sein Geschäft erledigt habe. Außerdem sei das Häufchen viel zu klein, man brauche eine Lupe, um es wiederzufinden. Ich spürte es sofort und mit freiem Auge auf. Widerstrebend hob die Wombi das Häufchen mit einem Beutel auf. Da kein Mistkübel in der Nähe war, ließ sie das Säckchen am Weg liegen. "Äh", sagte ich, "ist das dein Ernst?" "Ja glaubst du ich trag das jetzt ewig in der Hand, bis ein Mistkübel auftaucht?" Ich sagte "Ja". Die Wombi ging einfach weiter und ließ mich neben dem Säckchen stehen. Ich hob es auf und ging zum Olaf und zum Mini zurück. Die beiden waren noch immer mit der Eiszerstörung beschäftigt, schienen aber schon gut vorangekommen zu sein.

Innerlich kochte ich. Der Olaf sah meine Wut schon von weitem und kam auf mich zu:  "Unsere  Tochter...", begann ich. Da hörten wir, wie das Eis hinter uns brach, und wir hörten den Mini, wie er schrie: "Hilfe!!!!!!" Ich starrte ungläubig auf den Fluss, an dessen Rand ein Loch klaffte, in dem mein Sohn hing. Es war wie im Film. Im normalen Leben brechen keine Kinder durchs Eis. Der Olaf reagierte blitzschnell und zog den triefenden Mini aus dem eiskalten Wasser. So schnell wir konnten brachten wir ihn nachhause, wo wir ihn in die heiße Badewanne steckten. 

Kurze Zeit später trudelte auch die Wombi ein. Dass ihr kleiner Bruder ein Eisbad genommen hatte, fand sie unverantwortlich von uns. Es sei alles unsere Schuld. Wir hätten besser aufpassen müssen. Jetzt war es soweit, mein Kragen platzte: "Hättest du die Kacke deines Hundes weggeräumt, hätte ich mich nicht ärgern müssen, und dein Vater hätte den Mini nicht aus den Augen gelassen."

"Ach, wirklich?", sagte die Wombi. "Habt ihr mich nicht gezwungen, mit euch spazieren zu gehen? Wäre ich zuhause geblieben, wäre das nicht passiert. Und außerdem: Wenn ich Kacke sage, regst du dich irrsinnig auf. Aber du darfst natürlich Kacke sagen."

Ich werde mich bessern, ich verspreche es.

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