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C. Tauzher: Die Pubertäterin Pünktlich mit vereinten Kräften: Als die Teenagerin ein Vorstellungsgespräch hatte

Frau zeigt hektisch auf ihre Uhr
Zu spät zum Vorstellungsgespräch – Grund genug für Panik
© Koldunov / Getty Images
Teenager und Pünktlichkeit – das schließt sich häufig aus. Doch manchmal darf man nicht zu spät kommen. Christiane Tauzhers Tochter pünktlich bei ihrem ersten Vorstellungsgespräch erscheinen zu lassen, erfordert den Einsatz der gesamten Familie.

Wombis erstes Vorstellungsgespräch begann mit einer Straßenbahn, die mysteriöserweise "zu früh kam." Die Wombi sah noch ihre Rücklichter, als sie im Laufschritt an der Haltestelle eintraf. "Ich kann nichts dafür", jammerte sie ins Telefon, "jetzt komme ich sicher zu spät." Ich gab das Handy wortlos an den Olaf weiter. Stundenlang hatten wir am Tag davor darüber diskutiert, welche Bekleidung für so ein Gespräch die richtige wäre, dass man ausgeschlafen und pünktlich erscheinen solle – was voraussetzt, dass man nicht bis in die Morgenstunden netflixt oder Party macht. Die Wombi hatte sich alles angehört und zustimmend genickt. Ihre größte Angst war, dass der Gastronom, in dessen Betrieb sie im Sommer gern ihr Praktikum absolvieren wollte, beim persönlichen Kennenlernen unfreundlich sein könnte. "Wieso sollte er das sein?", fragte ich die Wombi. Sie hatte da eine Theorie.

Besagter Gastronom ist in Österreich eine Berühmtheit und ja, er führt seine Betriebe mit strenger Hand. Dass das Praktikum der Wombi kein Honigschlecken werden würde, dass die Wombi ordentlich drankommen würde, war von vornherein klar. Das, so versicherte ich ihr, bedeute aber nicht automatisch, dass der Chef sein Personal mit der Peitsche antreibe und schlecht behandle. "Er nimmt sich an einem Samstagvormittag Zeit, dich kennenzulernen", warf ich ein. Die Wombi fand, dass das schon ein Grund sein könnte, sie nicht zu mögen. Vielleicht würde er nämlich lieber ausschlafen oder shoppen gehen. "Aber er war es doch, der den Termin vorgeschlagen hat", erinnerte ich die Wombi. Sie zuckte die Schultern als spiele das keine Rolle.

Ich fasse kurz zusammen: Der berühmte Gastronom würde der Wombi beim Vorstellungsgespräch, das er für Samstag 11 Uhr in einem seiner Restaurants anberaumt hatte, mit Unfreundlichkeit begegnen, weil er lieber hätte ausschlafen wollen. (??????????) Wombi-Logik.

Als die Wombi alle Kleidungsstücke, die ihr Schrank hergab, durchprobiert hatte und sich schließlich für die vom Olaf und mir vorgeschlagene Kombination entschieden hatte – Bluse, Hose, Ballerinas – glich ihr Zimmer dem Inneren eines Humana-Kleidercontainers. Wir küssten und drückten sie zum Abschied und sprachen ihr Mut zu. Sie war gut in der Zeit. So sah es zumindest aus. Zwei Minuten später stürmte sie wieder bei der Türe herein. Sie hatte ihren Schal – ein überlebenswichtiges Accessoire für ein Vorstellungsgespräch – vergessen. Drei wertvolle Minuten verstrichen. Ich versuchte, mich nicht aufzuregen und atmete tief in den Bauch hinein. "Viel Glück", sagte ich mit gepresster Stimme, als sie zum zweiten Mal, diesmal mit wehendem Schal, das Haus verließ. Vier Minuten später der Anruf und die Geschichte von der "verfrühten" Straßenbahn.

Der Olaf, der den kleinen Bruder der Wombi gerade fürs Eislaufen fertig machte, änderte seinen Plan und brachte die Wombi mit dem Auto zum Vorstellungstermin. Ich war dagegen gewesen. "Da ist sie doch jetzt selber Schuld", schnaubte ich. "Hätte sie sich alles gestern hergerichtet, was sie anziehen will, würde sie jetzt auch in der richtigen Straßenbahn sitzen." Der Olaf pflichtete mir teilweise bei.  "Du hast ja Recht", sagte er, "aber wenn die Straßenbahn zu früh kommt, ist man machtlos ..."

So kam es, dass die Wombi doch noch pünktlich bei ihrem ersten geschäftlichen Termin erschien.

Dass sich der berühmte Gastronom verspäten würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Kleinlaut rief mich die Wombi zwanzig Minuten nach 11 Uhr an, um mir zu sagen, dass er sie wohl vergessen habe. Hatte er zum Glück nicht. Das Gespräch startete mit Verspätung. Es nahm einen guten Verlauf.

"Er war wirklich sehr nett und freundlich", erzählte die Wombi hinterher. Das führte sie auf die Wombi-Logik zurück. Wäre er pünktlich gekommen, hätte er nicht so gute Laune gehabt.   


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