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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Wie ich die Teenagerin rächte (und mich dabei zum Affen machte)

Die Tochter wird von einem Klassenkameraden fies behandelt. Christiane Tauzher geht sofort in den Mutter-Kampfmodus und besucht den Jungen und seine Eltern zu Hause. Was sie dabei nicht bedacht hat: ihr Outfit.

Frau im Pyjama

Wenn man Menschen zur Rede stellen will, ist der Pyjama selten die beste Kleiderwahl

Getty Images

Sehr oft findet die Wombi, dass ihr kleiner Bruder von mir bevorzugt wird:

  1. Weil ich ihn überall hinbringe – er ist fünf!
  2. Weil ich ihm viel Zeit widme – er ist fünf!
  3. Weil ich ihm immer vorlese – er ist fünf!
  4. Weil ich mit ihm ins Kasperltheater gehe – er ist fünf!

Was ich in 15 Jahren schon alles für die Wombi getan und auf mich genommen habe, scheint vergessen. Meine diesbezügliche Lieblingsgeschichte trug sich vor etwa zwei Jahren zu. Es war an einem kalten Samstag kurz vor Weihnachten. Ich saß im Pyjama mit dem Olaf in der Küche, und wir spielten "Schere, Stein, Papier". Natürlich verlor ich – der Olaf macht nämlich meistens den Stein und ich die Schere und dann bei der Revanche macht er meistens die Schere und ich das Papier. Zweimal verlieren bedeutete, dass ich die Sache erledigen musste, die anstand. An diesem kalten Wintersamstag machte ich mich auf den Weg, die Wombi nach dem "Theater der Jugend"-Besuch von der U-Bahnstation abzuholen. Stöhnend warf ich mir die alte Daunenjacke über den Pyjama und stieg bloßfüßig in die mit Lammfell gefütterten Stiefel. Grußlos verließ ich das Haus. Ich wollte, dass der Olaf wusste, dass es total unfair war, wie er Schere-Stein-Papier spielte.

Die Wombi stand am vereinbarten Treffpunkt zur vereinbarten Zeit. Aber als sie einstieg, blieb sie stumm. "Was ist denn los?", fragte ich sie. "War das Stück nicht gut?" Die Wombi meinte, dass das Stück "ganz okay" gewesen sei. Wieder Schweigen. Ich fuhr rechts ran und stellte mich in die nächstbeste Einfahrt. "Was ist?", fragte ich wieder. Da schluchzte es aus der Wombi heraus – ein Junge aus ihrer Klasse, der schon seit Tagen so gemein zu ihr sei, der sie anpöble und runtermache und auslache. Mein Mutterherz ballte sich zur Faust. Ohne weitere Fragen zu stellen, wählte ich die Nummer des Vaters des Jungen. "Wir müssen reden", sagte ich, "wenn geht, gleich." Als ich auflegte und sagte, dass wir jetzt vorbeifahren würden und das ganze wie Erwachsene besprechen würden, sackte die Wombi wie ein Schwimmtier, aus dem langsam die Luft entwich in sich zusammen. "Ich komme sicher nicht mit", wimmerte die Wombi, "das ist alles viel zu peinlich." Ha, sie hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was wirklich peinlich ist.

Ich parkte das Auto mit der Wombi drin. Ich läutete, ich stieg die zwei Stockwerke hoch, und als mir der Vater des Jungen, ein sehr sympathischer Mann, öffnete, fiel es mir ein. Zu spät, um alles wieder abzublasen. Ich trug unter der Jacke Wombis ausrangierten Hello-Kitty-Pyjama, der mir nur bis zur halben Wade reichte. "Willst Du nicht ablegen?", fragte mich der sympathische Vater. Das wollte ich um keinen Preis und zippte mir stattdessen die Daunenjacke bis unters Kinn. Eine sinnvolle Erklärung gab ich dafür keine ab. Jetzt kam auch noch die sympathische Mutter ums Eck, und wir starrten alle drei auf meine nackten Zehen, von deren Nägeln der Lack blätterte. Ihr Blick wanderte höher und blieb bei den pludrigen Hosenbeinen mit Kitty-Aufnähern hängen. Dann sagte sie langsam, ohne mir in die Augen zu schauen: "Komm doch bitte herein – wir haben gerade den Kamin angezündet." Ich spürte, wie sich mein Körper gegen die Plastik-Daunenverpackung wehrte, wie er schrie: "Lass mich hier raus." Aus jeder Pore begann es zu laufen. Lauter klitzekleine Wasserhähne – alle voll aufgedreht.

Wir setzen uns: Vater, Mutter, Sohn und ich -  die Irre mit den nackten Füßen und dem Pyjama unter der Jacke.

Ich konzentrierte mich auf meine Mission. Mein Gehirn kochte, meine Augen brannten, Schweiß lief meine Schläfen hinunter und tropften vom Kieferknochen auf meine Brust. Ich setzte mich gerade hin, um die Tropfen auf dem Schoß unauffällig auffangen zu können - als ob das jetzt noch eine Rolle gespielt hätte.

Der Junge sah mich mitleidig an. Ich, durchgegart bis in die Haarspitzen, bat ihn, für meine Verhältnisse auf die sanfte Tour, mein Kind in Ruhe zu lassen. Er bedauerte alles, was vorgefallen war, milderte einiges ab, rückte anderes in ein neues Licht – kurzum: Er war ein Goldjunge. Reflektiert, vernünftig, einsichtig. Als ich meinen nassen Körper dreißig Minuten später von der Couch hob, klebte die Daunenjacke an meinen Oberschenkeln fest. Meine nackten Füße bekam ich mit größten Schwierigkeiten und unter Quietschgeräuschen wieder in die Fellstiefel hinein. Doch, ja, ich hatte ein gutes Gefühl. Es war wichtig gewesen herzukommen. Die sympathischen Eltern und der nette Junge winkten zum Abschied. Von meinen Händen tropfte der Schweiß.

Die Wombi, die in der Dunkelheit nicht gesehen hatte, in welcher Montur ich ihrem Klassenkollegen und dessen Eltern gegenüber getreten war, fiel mir im Auto dankbar um den Hals. "Du bist ganz nass", sagte sie, "es regnet doch gar nicht?"

Seit diesem Tag behandelte der Junge die Wombi nett – kein gemeines Wort fiel mehr. Wohl aus dem Grund, dass er der Wombi damit signalisieren wollte, dass er "bescheid wisse" – Über. Ihre. Mutter.

Ob ich das für den kleinen Bruder der Wombi auch tun würde – mich zum Affen machen?

Die Frage stellt sich momentan nicht – ich habe gerade einen Lauf bei Schere-Stein-Papier. Aber vielleicht passt ja der Olaf in den Hello-Kitty-Pyjama ...

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