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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Die Teenagerin ist im Gefängnis. (Wir nennen es Schule)

Die Teenagerin hat die Schule gewechselt. Sie geht nun auf ein Internat, 300 Kilometer von zu Hause entfernt. "Sie fühlt sich wohl", denkt Christiane Tauzher – bis ihre Tochter einige verstörende Bemerkungen macht.

Mädchen hinter Gittern

Wie geht es dem Kind denn nun auf dem Internat? Alles gut? Oder wie im Knast?

Getty Images

Seit die Wombi 300 Kilometer entfernt eine Tourismusfachschule besucht, ist es ruhiger bei uns geworden. Jeden Freitag kommt sie mit dem Zug nach Hause gefahren und verschwindet sofort in ihrer Höhle. Die meiste Zeit, die sie unter unserem Dach verbringt,  schläft sie, fönt ihre Haare, schminkt sich oder telefoniert. Die Abende sind verplant. Zeit für Smalltalk mit uns, ihren Eltern, ist nicht. Verwandte und Freunde haben längst aufgehört zu fragen, wie es der Wombi in der neuen Schule gehe – unsere Antworten sind wenig aussagekräftig: "Eh gut" oder "wir glauben, sie fühlt sich wohl" oder "es passt ganz gut".

Dass die Wombi in ein Internat geht, war eine Familienentscheidung. Sie fand das Programm dort "cool", und die Möglichkeit den nörgelnden Eltern zu entkommen, war eine rosige Aussicht.  Wir, der Olaf und ich, begrüßten den strukturierten Schulalltag, und es hatte den Anschein, alle wären zufrieden. Bis zu dem Samstag, an dem ich mit der Wombi Schuhe einkaufen ging. Die, die wir in den Ferien passend zur Schuluniform ausgesucht hatten, waren bereits nach der ersten Woche von der Wombi als "unmöglich" betitelt und aussortiert worden. "Aber wieso?", fragte ich, "das sind doch so bequeme Pumps mit Fußbett." Eben genau deswegen fielen sie ja durch. Keine von ihren Mitschülerinnen, erklärte mir die Wombi, trage Pumps mit Absatz. Das Geklacke beim Gehen sei "total peinlich." Beim Kauf war uns aber gesagt worden, dass ein Absatz wichtig sei, um Rückenbeschwerden und Fußschmerzen zu vermeiden. "Die bequemen Pumps kannst gerne du tragen", sagte mir die Wombi.

Im Schuhgeschäft trafen wir auf eine freundliche Fachkraft, die sofort wusste, was die Wombi wollte. Dreißig Paar Schuhe später hatte sich die Wombi für zwei Modelle Marke flach und fancy entschieden. Die Verkäuferin und die Wombi waren Freundinnen geworden und hatten sich ihre Leben erzählt. Ich durfte bezahlen.

"Sind Sie nicht traurig, dass Ihre Tochter auf ein Internat geht?", fragte plötzlich die Verkäuferin, während ich den PIN am EC-Kartenleser eingab. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das Gerät gab einen Dreiklang in Moll von sich, was bedeutete, das die Zahlung nicht durchgeführt werden konnte, da die Geheimzahl falsch war. Ich versuchte es von neuem. Da sagte die Wombi: "Ja, genau. Wie traurig bist du eigentlich?" Wieder der Mollklang. Ich zahlte in bar.

"Natürlich vermisse ich sie", sagte ich in Richtung Verkäuferin. Sie nickte verständnisvoll. "Ha", lachte die Wombi, "meine Mutter ist froh, dass ich weg bin." Stirnrunzeln bei der Verkäuferin. Ich lächelte ein "Papperlapapp"-Lächeln. Die Verkäuferin lächelte nicht zurück.

Gummibärchen zum Trost

"Die Schule geht schneller vorbei als man denkt", sagte sie zur Wombi und kurz sah es aus, als wollte sie ihr tröstend über den Kopf streicheln. Dann kramte sie ein Tütchen Gummibärchen unter dem Tresen hervor. Die Wombi nahm dankbar die Bärchen, und wir verließen hintereinander das Geschäft.

Draußen fragte ich sie, was das eben sollte. "Verstehst du keinen Spaß", gab sie mir zur Antwort. Dass ich nie wieder in das Schuhgeschäft würde gehen können, ohne von der Wombi-Freundin eins mit dem Schuhlöffel übergebraten zu bekommen, war ihr egal. "Die Verkäuferin glaubt jetzt, ich sei ein Drachen, der dich gegen Deinen Willen ausquartiert hat." Die Wombi fand das lustig: "Du sagst doch immer, dass es egal ist, was die anderen denken." Das stimmt. Das sage ich oft. Zum Beispiel wenn es darum geht, ein hübsches Kleid anzuziehen statt der löchrigen Jeans. Aber das ist etwas anderes. Die Wombi fand, das sei alles irgendwie dasselbe. "Fühlst du dich denn von mir verstoßen?", fragte ich ängstlich. Sie versicherte mir, dass alles in bester Ordnung sei und dass die Schule cool sei und dass sie das nur gesagt habe, um von der Verkäuferin die Gummibärchen zu bekommen.

Abends kam meine Freundin zu Besuch. Natürlich stellte auch sie die Frage nach der neuen Schule, die jeden interessiert, der die Wombi kennt.

"Naja", seufzte die Wombi, "es ist wie in einem Gefängnis." Vor lauter Schock hustete ich hysterisch. Meine Freundin lächelte wissend. " Ja", sagte sie, "diese Erfahrung ist viel wert. Wer einmal eingesperrt war, weiß die Freiheit hinterher umso mehr zu schätzen."

Die Gummibärchen blieben diesmal aus.

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