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C. Tauzher: Die Pubertäterin Die Teenagerin und die Kunst des Aufschiebens. Oder: Huch, ich muss ja bis morgen eine Bewerbung fertig haben!

Eine rennende Studentin
Jetzt aber schnell: morgen ist Einsendeschluss für die Bewerbung
© skynesher / Getty Images
Christiane Tauzhers Tochter hat einen ausgesprägten Hang, Dinge vor sich herzuschieben. Wenn es sich um etwas Wichtiges wie ein Bewerbungsvideo handelt, wird es gegen Ende richtig hektisch. Und die Familie muss ran.

Die Teenagerin ist eine Aufschieberin. Wenn ich sage: „Bitte gib dem Hund frisches Wasser“,  „Bitte räume die gebügelte Wäsche in den Schrank“,  „Bitte wirf die leeren Joghurtbecher in den Müll“, sagt meine Tochter „Mach ich später“ oder „mach ich dann“ oder „mach ich morgen“.

Früher, als der Olaf und ich noch daran glaubten, dem Pubertätsausbruch mit guten Argumenten begegnen zu können, regte ich mich schnell auf, zeterte und diskutierte mir den Mund blutig. Heute, drei Jahre nach Beginn der Metamorphose, sage ich „okay“.

Ich habe zum Glück irgendwann gelesen, dass die Gehirne junger Menschen in der Umbauphase aussetzen. Der Olaf sagt „Birne blanko“ dazu. Seit ich erkannt habe -  dass mein liebes, hilfsbereites, verlässliches, fleißiges und wissbegieriges Kind von einer Birne blanko lahm gelegt wird, geht es mir viel besser. Meine Haut ist so dick geworden wie eine Kamelferse.

So sagte ich an fünf Tagen hintereinander „okay, mach das“, wenn die Wombi ankündigte „heute“ das Bewerbungsvideo aufzunehmen, das die BWL-Lehrerin von ihren Schülern verlangt hatte. Abgesehen davon, dass so ein Video, in dem man über sich selbst erzählt und sein Interesse an einem Praktikumsplatz bekundet, eine fast unlösbare Aufgabe darstellt, war die Entscheidung, welche Frisur, welches Makeup und welche Bluse die Bewerberin im Video tragen würde, die quälendste von allen.

Nie hilft mir jemand! Nie!

Am Abgabetag beschwerte sich die Wombi bitter darüber, dass ihr niemand geholfen hätte und dass sie es jetzt nicht mehr schaffen könnte. Wir hatten Mitleid und versprachen ihr zu helfen unter der Bedingung, dass sie vorher mit dem Hund spazieren gehen würde. Es dämmerte bereits und der Wind blies kalt. „Zieh eine Mütze an“, sagte der Olaf. Natürlich wollte  sie nicht und klagte, dass eine Kopfbedeckung ihre Frisur zerstören würde. „Unsinn“, sagte ich, „steck die Haare unter die Mütze, dann passiert ihnen nichts.“ Aber was wusste ich schon. Wutentbrannt schnappte sich die Wombi eine Schirmkappe und verließ das Haus.

Fünfzehn Minuten später kam sie zurück. Wir hörten ihren spitzen Schrei aus dem Vorzimmer. Was war passiert? War sie auf den Schuhschachtel-großen Hund getreten? Ich  lauschte. Kein Qieklaut, kein Röcheln. Entweder war er tot oder im Koma. 

Im Vorzimmer bot sich mir ein Bild des Jammers. Die Wombi stand mit verzerrtem Gesicht vor dem großen Spiegel. Die Ränder der Schirmkappe hatten einen Abdruck in ihre frischgewaschenen Haare gedrückt – als hätte sie einen Gummiring  um den Kopf. Die Haare oberhalb der Ohren waren plattgedrückt.

„Und so soll ich jetzt dieses Video machen? Ich mache es später.“

„Du könntest ein Stirnband nehmen, dann sieht man es nicht“, schlug der Olaf vor.

„Und du glaubst, dass im Jahr 2021 irgendjemand eine Praktikantin will, die ein Stirnband trägt? “

Der Olaf meinte, dass es darauf nicht ankomme, aber er klang nicht überzeugend.

„Es schaut doof aus“, sagte ich, „am besten wir üben heute nur, du föhnst dir nochmal die Haare und wir machen das Video morgen früh.“

Der Wombi blieb nichts anderes übrig, als einverstanden zu sein, und wir machten uns an die Arbeit. Nachdem wir verschiedene Hintergründe – Bücherwand: zu streberhaft, Flügeltür: zu weiß, Rhododendron: zu grün – verworfen hatten, stiegen wir in den Keller hinunter, um das Video vor dem zart gemusterten Vorhang zu drehen, der das Regal mit der Weihnachtsdekoration verdeckt.

Die Wombi probierte mehrere Handhaltungen aus:

  • Die Gefangene  - Arme hinter dem Rücken verschränken
  • Die Zinnsoldatin  - Arme parallel an den Körper drücken
  • Die Vogelfängerin – Arme leicht anwinkeln, mit den Fingerspitzen einen Käfig bilden
  • Die Priesterin – Hände wie ein Körbchen ineinander legen
  • Die Lottofee – Fingerspitzen locker ineinander haken.

Nach dreißig Anläufen fanden wir ein Mittelding aus Vogelfängerin und Lottofee am besten.

Bis die Wombi die einminütige Bewerbung fehlerfrei gesprochen hatte, war es Nacht.

Trotz meiner Beteuerungen, dass ihre Haare nicht so schlimm aussehen würden und wir doch bitte dieses Video verwenden sollten, wollte die Wombi anderntags im Morgengrauen ein neues Video mit frischen Haaren aufnehmen.

„Später“, bat ich. Aber sie ließ mich nicht in Ruhe, verfolgte mich wie eine Nachziehente, bis ich nachgab und das Handy zückte.

Fünf Anläufe später hatten wir die Bewerbung abgedreht. Sie war gut.

Der Olaf motzte, dass man es „besser“ hätte machen können.

„Ja“, sagte ich, „wenn man Michelle Hunziker oder Barbara Schöneberger ist.“

Die Wombi schaute glücklich drein, der Olaf verkrümelte sich.

„Jetzt musst du das Video nur noch der Lehrerin schicken“, sagte ich.

„Ja“, sagte sie gähnend, „mach ich dann.“

Wann sonst.


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