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C. Tauzher: Die Pubertäterin Die Teenagerin wird Mutter. Und alle helfen mit, dass alles schief geht

Amerikanisches Salinenkrebschen
Können Salinenkrebschen den Haussegen wieder geraderücken?
© blickwinkel/A. Hartl / Picture Alliance
Ein Aquarium mit Triopsen sollte die Teenagerin in Coronazeiten aufmuntern und für Abwechslung sorgen. Doch das Leben als Krebsmutter lief nicht so gut. Die ganze Familie half mit – und das war das Problem. Christiane Tauzher fragt sich: Was tun gegen Lockdownfrust und Aquarienaggression?

Dass die Triopse starben, bevor sie überhaupt gelebt hatten, war meine Schuld und die von Corona. (Hier lesen Sie, wie alles anfing mit den Urzeitkrebsen in unserer Familie.) Hätte ich nicht aus schlechtem Gewissen das destillierte Wasser besorgt, von dem die Teenagerin glaubte, es wäre im Lockdown nicht erhältlich, hätte sie sich nicht Hals über Kopf in die Krebsmutterschaft gestürzt. Ich wollte ihr eine Freude machen und hatte sie mit dem Wasser überrumpelt. "Ich konnte mich nicht genug auf das Experiment vorbereiten", wehklagte sie an dem Tag, an dem sie die nutzlos gewordene Aufzuchtstation in den Müll kippte.

Aber nicht nur ich war die Totengräberin der Urzeitkrebse. Auch der Olaf hatte seinen Anteil an der missglückten Geburt: Er war nicht dabei gewesen, hatte das Experiment nicht, wie versprochen, begleitet. Die von ihm zur Verfügung gestellte Wärmelampe hatte die Eier gegrillt, anstatt sie sachte zu wärmen.

"Aber wir haben doch schon vorher festgestellt, dass die Lampe zu stark sein würde", verteidigte sich der Olaf. Seine Tochter, von uns auch Wombi genannt, lachte bitter. "Korrekt", sagte sie verächtlich, "aber du hast auch keine neue Lampe besorgt, sondern mich mit dem alten Solariumstrahler allein gelassen."

Wie besorgt man eine Krebsschlüpfwärmelampe während eines Lockdowns? Der Olaf seufzte. Die Wombi sagte, dass es nicht so hätte kommen müssen. Wir standen mit gesenkten Köpfen da und trauerten (ihr zuliebe) auch ein bisschen um die gegrillten Krebsembryos. Das machten wir schlecht.

"Euch sind die Krebse doch egal", schimpfte sie, "es waren Lebewesen, die jetzt tot sind."

Die Decke fällt auf den Kopf

Die Trauer währte zum Glück nicht allzu lange. Ein neues Thema beschäftigte die Wombi. "Wann kann ich frühestmöglich von hier ausziehen?", fragte sie mich eines Morgens unvermutet. Bis zur Matura (in Österreich ist das Abitur die Matura) hatte sie noch dreieinhalb Jahre. "Ist es so schlimm bei uns?", fragte ich. Die Wombi nickte und biss angewidert in eine Schnitte Vollkornbrot. Wieder hatte ich keinen weichen, weißen Sandwichwecken gekauft, sondern "einen Ziegel gepresster Körner", den ich Brot nenne.

"Ich vereinsame hier. Es ist langweilig, und ich kann nichts tun. Alle Entscheidungen triffst du. Es ist unfair", sagte die Wombi. Ein Rundumschlag. Es klang, als hätte ich Corona in unser Leben geschleust, um das Kind unter Kontrolle zu halten.

"Schau", sagte ich, "gemessen an der durchschnittlichen Lebensdauer verbringst du nur einen kurzen Zeitabschnitt in deiner Ursprungsfamilie. Später wirst du sicher traurig sein, wenn du nicht mehr bei uns lebst."

Die Wombi sagte, dass das sicher nicht der Fall sein würde. Allein wegen der Aussicht, jeden Tag weißes Toastbrot mit Ketchup und Mayo essen zu können.

Mir tat das große Kind leid. Den monatelangen Hausarrest namens Lockdown hatte sie nicht verdient. Dass sie an Flucht dachte, weil ihr die Decke auf den Kopf fiel, sah ich sogar ein.

Um die Stimmung zu heben, spielten wir täglich "Memory", "Vier gewinnt" und "Lotti Karotti". Die Wombi erfüllte es mit Genugtuung, wenn sie ihren zehn Jahre jüngeren Bruder besiegte. Kurz lächelte sie, und die Welt war in Ordnung. Aber das blieb eine Momentaufnahme.

Ich versuchte die Wombi damit aufzumuntern, dass ein Lockdown zu meiner Jugend Fadesse (österreichisch für Langeweile) der Stufe Zehn bedeutet hätte, dass mir nur Radio und Bücher zur Verfügung gestanden hätten und höchstens ein Telefonat pro Tag. Telefonieren war teuer damals.

Der Wombi rangen meine Ausführungen ein Gähnen ab.

"Ja ja", sagte sie, "ihr wart so viel ärmer. Die Sache ist nur – ich kann zwar nonstop mit meinen Freunden kommunizieren – aber worüber sollen wir denn reden? Es passiert ja nix. Nicht einmal die Triopse sind etwas geworden."

Ich stellte mir vor, wie die Wombi stolz die Metamorphose ihrer Krebsbabys auf Instagram dokumentieren hätte können. Es wäre DAS Ereignis gewesen. Eine neue Folge von "Teenager werden Mütter".

"Wir können ein Foto von uns beim Memory-Spielen posten", schlug ich vor. Die Wombi fand den Vorschlag so schlecht, dass sie ohne Kommentar auf ihr Zimmer ging.

Es musste etwas geschehen.

In einer "Drogerie" am anderen Ende der Stadt bekam ich zum Wucherpreis eine neue Krebszuchtstation. Es waren zwar Salzwasserkrebse und keine urzeitlichen, dafür versprach der Hersteller eine "Schlüpfgarantie". Die Tierchen brauchten keine Bestrahlung und kein Spezialwasser. Die Gefahr, sie bereits vor der Geburt um die Ecke zu bringen, war gering. Perfekt.

Die Wombi stieß einen Freudenschrei aus, als ich mit der Krebsschachtel ankam. Der Olaf versprach, sich diesmal Zeit zu nehmen, das Experiment zu begleiten.

Beim Memory ließ die milde gestimmte Wombi sogar den kleinen Bruder gewinnen. Die Aussicht auf Abwechslung hob die Laune.

Diesmal würden die Krebse überleben – und wenn ich mich selbst auf die Eier setzen müsste. Ha, Corona, unsere Babys kriegst du nicht!

P.S.: Irgendwo hab ich gelesen, dass die Menschen im Lockdown verblöden.

Wo war das bloß?


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