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C. Tauzher: Die Pubertäterin Lärm und Locken: Wie werde ich den Fön aus der Hölle wieder los?

Frau mit Fön
Wenn die Teenagerin sich fönt, schlackern dem Rest der Familie die Ohren
© Ljupco / Getty Images
Christiane Tauzher hat ihrer Tochter einen Fön geschenkt. Einen offenbar ganz besonderen. Die Teenagerin liebt ihn sehr, bei ihren Freundinnen ist er ein Star. Die Mutter hingegen bereut das Geschenk sehr ...

Hätte ich geahnt, dass er unsere Familie spalten würde – ich hätte die Finger von ihm gelassen. Es ist jetzt zwei Jahre her, dass er bei uns einzog. Das Unheil nahm im MediaMarkt seinen Anfang - er war der Letzte seiner Art, und er hatte einen zehn Prozent Rabatt-Aufkleber an der Verpackung. Heute verfluche ich mich für meine Schwäche. Kurzum: Die Teenagerin bekam ihn von mir zum Geburtstag. In dem Moment als sie ihn ausgepackt hatte, erfuhr ich mehr Liebe und Dankbarkeit als in den vergangenen 15 Jahren zusammengerechnet. Sie tauschte sogar ihr cooles Whatsapp-Foto gegen ein Mutter-Tochter-Selfie aus. Die Nachricht, dass sie jetzt einen besitze, verbreitete sich blitzschnell in ihrem Freundinnenkreis. Glückwünsche gingen ein, und Besuchstermine wurden vergeben.

Olafs Geschenk, Turnschuhe, gingen neben meinem komplett unter.

"Gefallen dir die Schuhe?", fragte der Olaf eingeschnappt. "Total, echt. Voll schön. Danke", antwortete die Teenagerin, die gerade auf der Suche nach den idealen Lichtverhältnissen in der Küche herumtigerte, um ihn bestmöglich für Instagram in Szene zu setzen. (Tipp am Rande, für alle Eltern, die cool sein wollen: man sagt nicht mehr Insta, sondern Gram – ausgesprochen wie Rahm, mit einem G vorne dran.)

Zurück zu ihm: Er ist laut wie ein Laubsauger und sieht aus wie der intergalaktische Schlagstock eines Weltraum-Polizisten.

"Ein Leben ohne ihn, kann ich mir nicht mehr vorstellen", erklärte mir die Teenagerin vor Kurzem. Ich rollte die Augen und als ich sagen wollte,  "bitte, es ist nur ein...." , fiel sie mir brüsk ins Wort. Ihn als Fön zu bezeichnen, sagte sie, sei eine Beleidigung. Ein Fön sei mein Ding aus den 90er-Jahren, das aussehe wie ein überdimensionaler Faschingsrevolver. Ihrer hingegen entstammt einer Staubsauger-Dynastie. Er ist ein Wunderding der Technik, der gleichzeitig Haare ansaugt und um den Schlagstock wickelt und warme Luft ausbläst, was den Effekt "Stoppellocke" hat. Er kann sozusagen atmen und er klingt dabei so: WuuuuuuUM. Pause (in der wird die nächste Strähne aufgewickelt). WuuuuuuuUM. Pause. WuuuuuuuuUM. Pause. WuuuuuuuuuUM. Das Geräusch bohrt sich durch alle Türen und Wände.

Man möchte es so gerne abwürgen und den Fönsauger für immer in seine Aufbewahrungsbox aus Leder verbannen.

Apropos Aufbewahrungsbox: Darin liegt er nie, er wird nach Gebrauch von der Teenagerin an die äußerste Kante des Waschbeckens drapiert. Eine falsche Bewegung, ein tiefer Seufzer, ein Windstoß, und das Wunderding zerschellt auf den Fliesen.

Lesen Sie hier den sich immer wiederholenden Badezimmer-Wortwechsel zwischen Tochter und Mutter: "Bitte leg den Fön in seine Schachtel. Wenn jemand vorbeigeht und ankommt, fällt er herunter."

Tochter: " Dann soll halt keiner vorbeigehen. Oder man könnte einfach schauen und so vorbeigehen, dass er nicht runterfällt."

Mutter: "Aber es ist doch nicht so schwer, den Fön abzustecken und wegzuräumen."

Tochter: "Ich brauche ihn jeden Tag. Du räumst ja auch nicht jeden Tag die Kaffeemaschine in den Schrank zurück, nachdem Du dir einen Kaffee runtergelassen hast."

Mutter. "Äh, aber die Kaffeemaschine kann nur schwer von der Arbeitsplatte rollen."

Tochter: "Es ist eh egal, was ich sage."

Mutter: "Nein, ist es nicht. Aber der Fön war wirklich teuer und ich...."

Tochter: "Ich habe dich nicht gezwungen, ihn mir zu schenken. Das hast du freiwillig gemacht. Rein rechtlich ist der Fön mein Eigentum und ich kann mit ihm machen, was ich will."

Mutter: "Willst du, dass er kaputt wird oder willst du ihn noch länger haben?"

Tochter: Augenrollen, Abgang.

Insgeheim hätte ich nichts dagegen, wenn das Teufelszeug am Boden zerschellen würde, aber die Mutter in meiner Brust, das Vorbild, die Erzieherin, die doch dem Kind beibringen muss, das man auf seine Sache aufpasst, ist stärker.

Vielleicht. Irgendwann bestimmt. Ganz sicher sogar. Wenn er wieder einmal verlockend nah an der Kante liegt und keiner außer mir zuhause ist, gebe ich ihm einen Schubs. Dann sehe ich zu, wie er dem Abgrund entgegenrollt und ich werde ihn rollen lassen. WuuuuuuuuUm. Ende.


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