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C. Tauzher: Die Pubertäterin Vom Oberkellner belästigt: Die Teenagerin lernt beim Praktikum, mutig zu sein

Teenagerin hält abwehrend die Hand vor sich
Stop! Nein heißt nein!
© energyy / Getty Images
Die Teenagerin hat einen sehr begehrten Praktikumsplatz bekommen, der für ihre Ausbildung sehr wichtig ist. Doch am Arbeitsplatz wird sie belästigt, ebenso wie ihre Kolleginnen auch. Was tun?, fragen sich Christiane Tauzher und ihre Tochter.

Ach, was waren wir stolz auf die Teenagerin gewesen, als sie sich ihren Praktikumsplatz für den Sommer selbst organisierte. Sie vereinbarte das Vorstellungsgespräch, sie fuhr alleine hin, sie sagte dort, dass es kein Problem für sie sei, zwei Monate lang in ein Nest aufs Land zu ziehen. Das imponierte uns. Ein weltweit bekannter Hotelbetrieb, der zum Schönsten gehört, was Österreich auf dem Beherbergungssektor zu bieten hat, hatte unsere Tochter unter zig BewerberInnen ausgewählt.

Am Abend der Zusage öffneten wir eine Flasche Prosecco und stießen mit den guten Gläsern an. „Da wirst du viel lernen“, sagte der Olaf. „So ein Praktikum macht sich gut im Lebenslauf“, meinte der Onkel. „Das hast du selbst geschafft“, jubelte ich.

Dass das Praktikum, das zwei Monate dauern sollte, nach nicht einmal drei Wochen abrupt zu Ende sein würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht.

Anfangs war alles ein großes Abenteuer, bei dem sich die neuen Erfahrungen überschlugen: Die Dienstwohnung, der Dienstplan, die wundgelaufenen Füße. Heimweh. Die Blasen, die Kopfschmerzen, der Dauerregen. Erschöpfung. Neue Freundschaften, neue Feindschaften, neue Aufgaben. Überforderung.

„Das wird schon“, sprach ich dem großen Kind Mut zu, „du gewöhnst dich daran. Halte durch. Aller Anfang ist schwer.“

Dann passierte etwas: der Oberkellner.

Anruf der Teenagerin. Atemlos. „Er hat  sich von hinten an mich gepresst und meine Hüften festgehalten, er nennt mich ‚Schatzi´, er hat absichtlich meine Finger gestreichelt, als ich ihm das Feuerzeug zurückgegeben habe, der L. ist er mit dem Kugelschreiber im Dekolletee herumgefahren, der S. hat er die Mundwinkel hochgezogen, die L. hat heute Abend geweint, weil sie sich so schämt, er ist einfach widerlich.“ Sie klang als wäre sie einen Marathon gelaufen und eben im Ziel zusammengebrochen, „ich schaue da sicher nicht zu, da muss man doch was tun?“

„Natürlich“, sagte ich, „du musst die Vorfälle melden.“

Eine halbe Stunde später war das Gespräch bei der Vorgesetzten erledigt. Die Mädchen sollten dem Oberkellner „beim nächsten Mal ,schleich di!’ (Dialekt: verschwinde!)“ sagen. „Das war’s?“, fragte ich, „mehr hat sie nicht gesagt?“ Nein. „Außer: Wir brauchen keine Angst haben.“

Mein Puls stieg. Jetzt war ich es, die die Nummer der Vorgesetzten wählte. „Beruhigen Sie sich“, sagte sie. Ich regte mich noch mehr auf. „Meine Tochter will mit diesem Oberkellner nicht mehr zusammenarbeiten“, sagte ich. „Das wird schwierig werden“, sagt die Vorgesetzte. Ich wollte mit der Geschäftsführerin sprechen. Unerreichbar für die nächsten sechs Tage. Urlaubte im Hochgebirge. Ich sagte, dass die Mädchen noch minderjährig wären, dass ich es nicht akzeptieren würde, dass ein Oberkellner meine 16-jährige Tochter anfasse. Es würde nicht mehr vorkommen, versprach sie, man solle ihm „eine zweite Chance“ geben. „Zweite Chance?“, wiederholte ich. Hatte sie wirklich zweite Chance gesagt? Ich legte auf.

„Meine Kolleginnen sagen, dass das ganz normal ist in der Gastronomie am Land“, berichtete mir abends die Teenagerin und klang verunsichert, „der macht das seit Jahren, jeder weiß es, aber keiner tut was dagegen. Die sagen, das gehört eben dazu. Man muss es sich gefallen lassen, und es sei nicht so schlimm. Ich finde es aber schlimm. Vielleicht weil ich aus der Stadt komme.“

Moment mal! Normal?

Äh, Moment mal, ich schluckte den Kloß hinunter. Normal? Was ist daran normal, wenn ein 50-Jähriger während der Arbeit junge Frauen belästigt, die ihm unterstellt sind.

„Dein Gefühl ist richtig “, sagte ich zu meiner Tochter, „niemand darf dich angreifen, niemand darf dich mit Worten erniedrigen, niemand darf dich einschüchtern, niemand darf seine Machtposition ausnützen und dich zum Objekt degradieren. Weder am Land, noch in der Stadt. Nirgends.“ Ich hörte sie durchatmen.

„Ich gehe jetzt noch einmal zu Frau P. (die Vorgesetzte)“, kündigte sie an,  „und werde ihr sagen, dass ich das Praktikum beende, wenn ich weiter mit diesem Menschen zusammenarbeiten muss.“

Abgelehnt.

Die Teenagerin reiste an einem verregneten Freitag im Juli ab.

Dass sie viel lernen würde, hatte ihr der Olaf prophezeit.

Ja.

Sie hat gelernt, dass es NIE normal/okay/in Ordnung ist, wenn sexuelle Belästigung passiert. Sie hat gelernt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich Frauen von Männern unangenehme Dinge gefallen lassen müssen.

Sie hat gelernt, dass man die erste sein kann, die aufsteht und „Stopp“ sagt.

Und der Oberkellner? Der ist noch immer Oberkellner. Er wurde keinen einzigen Tag dienstfreigestellt. Die zweite Chance trat unmittelbar nach der Abreise unserer Tochter in Kraft.

Bald wird er Post von unserem Anwalt bekommen.


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