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C. Tauzher: Die Pubertäterin Wie mich die Teenagerin austrickste und dafür das Bett nur kurz verließ

Teenagerin unter Bettdecke
Die Teenagerin aus dem Bett zu locken, ist eine schwierig Aufgabe
© Georgii Boronin
Die Schulferien scheinen kein Ende zu nehmen, weil pandemiebedingt nichts zu unternehmen ist. Die Teenagerin verbringt die Tage vor allem im Bett. Christiane Tauzher müht sich täglich, ihre Tochter zumindest kurz aus ihrer Schlafmulde zu locken. Teilweise mit überraschendem Ausgang.

Die Ferien waren uuuneeendliiich lang. Dazu trug die Vorverlegung der Sperrstunde in Österreich auf 22 Uhr erheblich bei, weil Ausgehen zwar möglich, aber sinnlos war. Die Teenagerin zementierte sich in schlechter Laune ein und wehklagte darüber, dass wir, wenn wir schon nicht den Winter "wie normale Menschen" auf den Malediven überdauern würden, wenigstens näher beim Zentrum leben könnten. Es sei eine Zumutung für sie, im Niemandsland festzusitzen, von wo aus sie ewig brauche, um "irgendwohin" zu kommen. Wir machten den Fehler, nicht sofort den Umzug in einen dichter bevölkerten Teil der Stadt in Angriff zu nehmen, und so kam es, dass die Teenagerin eins wurde mit ihrem Bett.

Die Matratze schien sie Tag für Tag ein kleines Stück weiter einzusaugen. Mir kam die Mulde, in der sie lag, immer tiefer vor. Wie ein Sediment wartete sie nur noch auf ihre Ablagerung.

Um den Prozess zu verlangsamen, scheuchte ich sie mindestens zweimal täglich aus der Mulde. "Aufstehen", rief ich fröhlich, "die Sonne scheint!" Oder, wenn es trüb und nass war: "Es ist ein herrlicher Wintertag, da bekommt man den Kopf frei." Oder, wenn es zu dämmern begann: "Gleich ist blaue Stunde. Auf, auf!" Oder, wenn es schon dunkel war: "Komm, wir gehen eine Runde und schauen uns die Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern an." (Zugegebenermaßen, die Weihnachtsbeleuchtung funktionierte am allerschlechtesten, um sie zum Aufstehen zu bewegen.) Manchmal dauerte es bis zu zehn Minuten, bevor sich etwas unter der Decke regte.

Was immer und in der Sekunde half, war: "Oh, da liegt ja dein Handy so einsam und verlassen. Lass mal sehen…" Schwuppdiwupp rollte sie sich zur Seite, sah mich aus zu dünnen Linien verengten Sehschlitzen an und feuerte einen Giftpfeil nach dem anderen in meine Richtung ab. Wenn sie dann auf den Beinen stand, zu voller Größe entfaltet, knackste es, bis alle Knochen an ihren Plätzen waren. "Bist du jetzt zufrieden?" presste sie hervor.

Ich sagte sehr fröhlich "nein" und trieb sie weg vom Bett, das, solange es in Sichtweite war, gefährliche Anziehungskraft ausstrahlte.

Und Jetzt?

Mithelfen im Haushalt? Mit dem kleinen Bruder spielen? Mit dem Hund spazieren gehen? Sport treiben? Kochen? Wegräumen? Geschirrspüler? Wäsche? Lesen? Lernen (für den Führerschein)? Ausflug?

Ha… ha… ha….

Sie war aufgestanden. Sie war mir "extrem" entgegengekommen. Von "etwas tun" war nie die Rede gewesen. Sie war müde von der Pandemie. Sie war "wissenschaftlich erwiesen" seelisch erschöpft. Sie war "absulut nicht in der Lage", sich aufzuraffen. Zumindest nicht dann, wenn es darum ging, Arbeiten zu übernehmen. Gab es hingegen einen Aufruf aus der Freundesgruppe sich zusammenzufinden, herrschte emsige Geschäftigkeit im Badezimmer. Zugestöpselt mit lauter Musik präparierte sie sich dann akribisch von Kopf bis Fuß.

"So", sagte eines klirrend kalten Januartages der Olaf zu seiner Tochter, "jetzt reicht es aber. Wenn sich nicht etwas ändert, gibt's auch kein Geld mehr von uns." Müdes Augenrollen, stummer Abgang in ihr Zimmer, Schlüssel-im-Schloss-Dreh-Geräusch.

Anderntags, eigenständiger Aufbruch in der Dämmerung.

Die Macht eines Klassikers

"Wo gehst du denn hin?"
"Ich treffe jemanden beim Hanusch-Krankenhaus." (Anmerkung: Das ist 20 km entfernt.)
"Wieso? Was machst du dort?"
"Ich muss etwas abholen."
"Was denn?"
"Ein Buch."
"Ach, du fährst über eine Stunde bei Nieselregen zum Hanusch-Krankenhaus, steigst drei Mal um, um ein Buch abzuholen? Was ist denn das für ein Buch?"
"'Die Physiker' von Friedrich Dürrenmatt."

Mir stockte der Atem. Die Teenagerin wollte "Die Physiker" lesen und dafür eine Weltreise auf sich nehmen? Konnte das sein?

"Äh, darf ich fragen, warum du das Buch nicht in der Buchhhandlung um die Ecke kaufst?"

"Ihr gebt mir ja kein Geld. Da habe ich es mir für 1,50 Euro über einen Online-Flohmarkt organisiert. 1,50 Euro, die habe ich gerade noch."

In ihren blauen Augen lag großer Schmerz über die Ungerechtigkeit, die wir ihr zuteil werden hatten lassen. Sie stand mit hängenden Armen vor mir, bereit sich auf die große Reise durch die ganze Stadt zu machen, um an eine gebrauchte Ausgabe von "Die Physiker" zu kommen. Es funktionierte.

Ich fühlte mich in der Sekunde miserabel. Was war ich doch für eine Mutter. Das Kind wollte/sollte für die Schule einen Klassiker lesen und traute sich nicht  um Geld für die Anschaffung zu fragen. Ach, weit hatten wir es gebracht. Ich schlug vor, erst einmal die alten Nachbarn mit Doktortiteln zu fragen, ob sie das Buch in ihren Bibliotheken hätten.

Sie winkte ab. Es sei jetzt zu spät, sie sei der Verkäuferin im Wort und müsse jetzt los. Dabei sah sie unendlich traurig aus. Ein kalter Wind blies uns durch die geöffnete Tür den Winter ins Gesicht.

"Aber das ist doch Blödsinn", sagte ich "weißt du was, ich muss sowieso noch einkaufen gehen, da kann ich dir das Buch aus der Buchhandlung mitbringen."

"Okay, Danke."

Ich trat in die Kälte hinaus.

Sie kuschelte sich wieder in die warme Mulde.

Und die Moral von der Geschicht': Am Ende siegt immer die Liebe.


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