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C. Tauzher: Die Pubertäterin Wir verlangen Unmenschliches von der Teenagerin: einen Familienausflug

C. Tauzher: Die Pubertäterin: Wir verlangen Unmenschliches von der Teenagerin: einen Familienausflug
© Imago Images
Für Christiane Tauzhers Familie sind Ausflüge ein Highlight. Natur, Picknick, Federball spielen ... Für die ganze Familie ein Highlight? Die Teenagerin sieht das völlig anders.

Beim Wort "Ausflug" stellt es der Teenagerin die Haare auf. Es bedeutet nichts Gutes: früh aufstehen müssen, sich anziehen müssen, mindestens drei Stunden vom starken Wlan getrennt sein müssen, sich von den Eltern ausfragen lassen müssen, die Beine bewegen müssen, Kälte, Wind und unwegsames Gelände in Kauf nehmen müssen und- das Schlimmste – eine Banane oder einen Apfel essen müssen.

Ach, am Wochenende besteht das Leben unserer Tochter aus Zwangsarbeit und Pflichterfüllung. Sie ist ein armer gepeinigter Mensch, der noch zehn Monate bis zur Volljährigkeit in unseren Fängen überleben muss.

Unsere Herzen, Olafs und meines, schlagen beim Wort "Ausflug" höher. Auch der kleine Bruder der Teenagerin freut sich jedes Mal, wenn wir den großen Wanderrucksack mit Proviant, Federball-Schlägern, dem Fußball und den Vorlese-Büchern packen. Reaktion der Teenagerin, sobald der Start des Ausflugs naht: "Echt jetzt ... muss ich wirklich mit?" Wir nicken dann bedauernd.

Letztens, es war ein schöner Spätherbsttag, beschossen wir, nach Laxenburg zu fahren. Ein herrliches Gelände, einst sommerliche Privatresidenz der kaiserlichen Familie Habsburg,  mit riesigen Weißrinden-Bäumen, historischen Tempeln und Lusthäusern, einer Burg und einem romantischen Teich. "Nicht schon wieder Laxenburg", maulte die Teenagerin. Ich zückte mein Handy und fand ein Beweisfoto. "Du warst 2019 das letzte Mal in Laxenburg."

"Ja, eben", antwortete sie.

Ich lächelte und sagte sehr freundlich: "Schau, du musst dich um nichts kümmern. Bitte mach nur die Hunde fertig und vergiss die Leinen nicht. In Laxenburg dürfen die Hunde nicht frei laufen."

"Ich weiß", seufzte die Teenagerin, "ich geh dort nicht zum ersten Mal hin spazieren." Dann setzte sie sich mit den Hunden ins Auto.

Als wir dazustiegen, machte sie uns pikiert darauf aufmerksam, dass sie nun 28 Minuten gewartet hätte und dass wir uns wirklich mehr beeilen hätten können. Denn schließlich habe sie nach dem Ausflug noch etwas anderes vor.

Zwanzig Minuten später kamen wir an. Die Hunde sprangen vorfreudig auf den Gehsteig. "Bitte nimm sie an die Leine", sagte ich. Nichts geschah. "Hallo?!", rief ich noch einmal. "Wo sind die Leinen?"

Um die Sache abzukürzen: Die Teenagerin, die nur diese eine Aufgabe gehabt hatte, mit Hunden samt Leinen ins Auto zu steigen, hatte die Leinen zuhause vergessen. Dafür hatten beide Hunde Mäntel an (bei 14 Grad).

"Tut mir leid", sagte sie.

"Ist das jetzt dein Ernst?", fragte ich, "wie sollen wir die Hunde jetzt in den Park mitnehmen?"

"Ich hab doch gesagt, dass es mir leid tut. Was soll ich jetzt noch tun?"

Ich schlug vor eine Tierhandlung aufzusuchen und zwei Leinen zu kaufen. "Die nächste Tierhandlung ist 2,3km entfernt. Da geh ich sicher nicht hin", begrub sie meine Idee nach einer Blitzrecherche im Internet. Ein Bekannter von ihr wohne aber in Laxenburg, den würde sie fragen ob er eine Leine besitze. Wenig später war klar, dass der Bekannte zwar eine Leine besaß, diese aber nicht verleihen wollte.

Ich zog die Schnur, die den Rucksack verschließt, aus den Ösen und band den großen Hund daran fest. "Such dir eine Leine und dann komm nach", sagte der Olaf zu seiner Tochter. Wir gingen los und ließen die Teenagerin mit dem Hündchen in der Tasche, tief über das Smartphone gebeugt, vor dem Schlosspark zurück.

Etwa dreißig Minuten später, wir hatten gerade begonnen Federball zu spielen, kam sie uns über die Wiese entgegen. Sie sah etwas windschief aus. Das lag daran, dass sie das Seil, an dem normalerweise ihr Smartphone hängt, zur Hundeleine umfunktioniert hatte. Blöd war dabei nur, dass ihr Hund nicht größer als ein Kaninchen ist. Hätte sich Frauchen aufgerichtet, hätte sie das Hündchen stranguliert.

Stumm setzte sie sich zu uns und nahm mit Todesverachtung den Apfel, den ich ihr reichte.

"Diese Leinenpflicht ist sowas von deppert", sagte sie nach einiger Zeit. Wir sagten nichts.

Es vergingen weitete dreißig Minuten und die Teenagerin wollte zurück zum Auto. Sie sei hungrig, ließ sie uns wissen.

"Du kannst noch eine Banane haben", sagte ich. Schweigend und schief verließ sie uns. Das Hündchen hielt das Schnäuzchen so hoch in die Luft, wie es nur konnte, um nicht abzuheben.

Über dem Kopf unserer Tochter sahen wir eine Gedanken-Sprechblase schweben:

Da stand klar und deutlich: "Nur noch ZEHN Monate!!!!!"


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