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C. Tauzher: Die Pubertäterin Die Tochter trifft sich endlich wieder mit Gleichaltrigen. Und ich muss wieder lernen, damit umzugehen

Feiernde Menschen prosten sich zu
Partys sind wieder erlaubt. Dass die Kinder auch hingehen, ist für die Eltern noch gewöhnungsbedürftig
© valentinrussanov / Getty Images
Die Politik hat für Österreich die ALLES-Öffnung für Juli angekündigt. Die Teenagerin nimmt es gelassen, das Jungvolk feiert sowieso bereits wieder. Und Christiane Tauzher muss erst wieder lernen, ihre Tochter nicht mehr ständig um sich zu haben.

Als unser Kanzler, also der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, vergangenen Donnerstag verkündete, dass jetzt die Jungen dran wären und dass ab 1. Juli wieder ALLES möglich sei, was Spaß mache, gähnte die zu uns gehörige Teenagerin nur. Der Anfang-30-Kanzler, dessen wilde Jahre zumindest rein rechnerisch auch noch nicht allzu lange zurück liegen, nimmt an, dass die Jugendlichen auf ein "Go!" von ihm gewartet hatten, um wieder loszulegen – als hätten sie sich nicht schon in den vergangenen Wochen getroffen, um die Monate der Isolation aufzuholen.

Auch ich hatte der großen Tochter irgendwann mittendrin gesagt, dass ein Krieg schlimmer wäre als eine Pandemie. Dass sie eigentlich froh sein könne, es gäbe furchtbarere Szenarien, als ausgestattet mit Laptop und Smartphone den Tagen beim Zerfließen zuzuschauen. Wäre Corona zu meiner Jugend über unsere Generation hereingebrochen – wir hätten zwei Radiosender, "Uno" und die "Sagen des klassischen Altertums" gehabt. Telefonieren war damals teuer, mein Vater nahm den Apparat mit, wenn er das Haus verließ, um Missbrauch entgegenzuwirken.

Wenn ich der Teenagerin eine Geschichte aus meiner Jugend vorsetze, steigt die Spannung in demselben Maße wie wenn der Kanzler eine TV-Erklärung zur Corona-Lage abgibt. Man kann sagen, dass wir uns, Sebastian Kurz und ich, circa auf demselben Coolness-Level befinden – was für ihn kein Kompliment bedeutet, da er 13 Jahre jünger ist als ich. Cool sein wie Sebastian Kurz ist aber auch für eine 45-Jährige wie ich eine bin, keine erstrebenswerte Auszeichnung.

Cool wie Karl Lagerfeld: Ja. Cool wie Sebastian Kurz: Nein.

Ich schweife ab. Zurück zur ALLES-Öffnung, die in Österreich am 1. Juli kommt. Noch fast zwei Wochen bis dahin. Die Abende und die Nächte sind lau. Die Inzidenz ist unter 14. Ich habe längst aufgegeben, dem großen Kind Vorträge über Masken und Abstand zu halten. Es hat die Pandemie genützt, um ziemlich erwachsen zu werden. Über uns hergefallen ist Corona, da war das Kind 15. In zwei Monaten wird es 17. Eine elendslange Zeit ohne Höhepunkte, ohne Erlebnisse, ohne Kontakte, ohne Schmetterlinge im Bauch.

Loslassen lernen

Ich habe mich daran gewöhnt, meine Tochter ständig um mich zu haben. Und eigentlich fand ich das auch schön. Jetzt heißt es wieder loslassen, was mir nicht leicht fällt. Die Teenagerin zieht es hinaus ins Abenteuer. Am besten jeden Tag etwas erleben. Als müsste sie einen leeren Speicher möglichst rasch wieder auffüllen.

Neulich sprang ich über meinen Schatten. Als sie mich gegen Mitternacht über Whatsapp  fragte, wann sie nachhause kommen solle, schrieb ich zurück: "Zu einer angemessenen Zeit."

Das fanden alle ihre Freunde cool, wie sie mir am nächsten Tag erzählte. Die in ihren Augen angemessene Zeit bewegte sich übrigens an meiner obersten Schmerzgrenze.

Jeden Tag steht nun eine andere Party auf dem Programm.

Ob wir auch soviel gefeiert hätten, in dem Alter, fragte ich den Olaf.  Er meinte, ja. Ich meinte, nein. Mit 16 las ich die "Sagen des klassischen Altertums" und schrieb meinem Brieffreund in Regensburg auf einem Briefpapier mit Diddlmäusen.

"Lass sie", sagt der Olaf zum Thema "Party ohne Ende".

 "Erst ab 1. Juli", sagt Sebastian Kurz.

Wenn ich Karl Lagerfeld wäre, würde ich sagen: "Wer seinen Eltern gefallen will, hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Ich seufze.

Was ich gern sagen würde: "Bleib bei uns. Die Zeit vergeht so schnell. Wir könnten grillen und einen Film anschauen."

Was ich sage: "Tschüss! Hab es lustig! Und komm, bitte, bevor der Hahn kräht."

Karl wäre stolz auf mich.


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