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C. Tauzher: Die Pubertäterin Kein Spaß: Mit der Teenagerin über sexuelle Belästigung reden

Eine Frau wehrt sich gegen Belästigung im Fahrstuhl
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kennt auch Christiane Tauzher aus eigener Erfahrung
© Panthermedia / Imago Images
Christiane Tauzher muss mit ihrer Tochter über sexuelle Belästigung sprechen. Jetzt. Einem Zeitungsherausgeber wird vorgeworfen, ehemalige Mitarbeiterinnen sexuell belästigt zu haben. Ganz Österreich diskutiert – nur die Teenagerin hat keine Lust. Zunächst. Doch dann stellt sie die richtigen Fragen. 

In der Gedankenwelt der Sechzehnjährigen findet „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ nicht statt. Das könnte daran liegen, dass der „Arbeitsplatz“, an dem sie sich pandemiebedingt seit Monaten vorwiegend aufhält, ihr Bett ist, oder daran, dass gelgefüllte Augenpads derzeit von größerem Interesse sind als zum Beispiel der österreichische Zeitungsherausgeber Wolfgang Fellner, der ehemalige Mitarbeiterinnen bedrängt und belästigt haben soll. Das ganze Land ist deswegen in Aufruhr. Von Machtmissbrauch, Herabwürdigung, Einschüchterung, einem toxischem Arbeitsumfeld und Angst ist da vielerorts zu lesen. Dass die beiden betroffenen Journalistinnen vor Kurzem ins Fernsehen gingen und detailliert darüber berichteten, was ihnen an ihrem Arbeitsplatz widerfahren ist, gab es in dieser Form in Österreich noch nie.

Die Teenagerin interessierte das Thema trotzdem nicht. Ich fand, es sollte sie aber interessieren. „Schau dir das Interview mit mir an“, sagte ich „es ist wichtig!“ Sie gähnte und versprach es später nachzuholen. Später hatte sie keine Zeit und noch später musste sie „die Augenpads machen“. Es vergingen ein paar Tage, bis ich sie dazu zwang, das Interview, in dem die beiden Frauen schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Chef erhoben, in der Mediathek des Senders Puls 4 anzuschauen.

„Und was sagst du dazu?“, fragte ich sie.

„Ich verstehe nicht, warum sich die beiden das so lange gefallen haben lassen? Wieso sind sie nicht komplett ausgeflippt? Also ich wäre sofort sowas von ausgeflippt.“

„Sie hatten Angst, ihren Job zu verlieren, und sie haben sich wohl auch geschämt.“

„Aber wer will einen Job, bei dem man von einem alten Mann dauernd runter gemacht und angebaggert wird?“

„Wenn man jung ist, lässt man sich viel gefallen und will nichts falsch machen.“

„Was hat das mit Jungsein zu tun?“

„Naja, als junge Frau lässt man sich schnell einschüchtern.“

Kopfschütteln.

„Wieso haben die anderen, die auch bei der Zeitung arbeiten, nicht reagiert?“

„Wahrscheinlich, weil sie auch Angst haben.“

„Aber Angst wovor? Ihr seid doch erwachsen. Ihr könnt euch doch wehren?“

„Das ist nicht so einfach. Niemand will es sich mit dem Chef verscherzen.“

Die Teenagerin schüttelt zum zweiten Mal den Kopf. „Aber wenn der Chef sagt, dass man wie eine Nutte ausschaut, dann kann man das doch nicht so stehen lassen?

„Muss man nicht“, sage ich, „aber man muss sich bewusst sein, dass man sich auf einen Krieg einlässt, für den man am Ende des Tages womöglich zu wenig Munition hat.“

„Was bedeutet das“, fragte die Teenagerin. „Bedeutet es, dass man dann tot ist?“

Ich schweige.

„Wieso mache die anderen, die auch betroffen oder dabei waren, nicht den Mund auf?“

Jetzt bin ich es, die den Kopf schüttelt.

„Die meisten schweigen. Sie wollen keine Probleme, das Thema ist ihnen unangenehm, vielleicht ist es lange her, dass ihnen Ähnliches passiert ist, vielleicht wollen sie sich nicht mehr damit konfrontieren.“

„Bitte, wie? Was ist los mit euch Erwachsenen? Da predigt ihr uns ständig von Zivilcourage und Solidarität, und selbst dreht ihr euch weg, wenn es darauf ankommt?

„Ja“, sage ich, „du hast Recht.“ Mehr fällt mir im Moment nicht dazu ein.

"Ist dir sowas auch passiert, Mama?"

„Ist dir sowas auch passiert, als du jung warst? So eine Belästigung am Arbeitsplatz?“

Ich nicke. „Bei mir war das schon mehr ein Übergriff als eine Belästigung. Er war dreißig Jahre älter als ich, und er war der Betriebsrat.“

„Was ist dann mit ihm passiert?“

„Nichts. Er hat einfach weitergemacht. Mein Vorgesetzter, dem ich damals davon erzählt habe, hat gesagt, dass ich nicht so zart besaitet sein soll, und damit war die Angelegenheit vom Tisch.“

Die Teenagerin schaut mich entsetzt an.

„Und genau deshalb ist es wichtig, dass du dich mit dem Thema beschäftigst“, sage ich ernst, „und dass du mit deinen Freundinnen darüber redest. Ihr seid eine junge starke Generation von Frauen. Ihr steht ein füreinander, ihr lasst euch nicht einschüchtern und ihr habt keine Angst.“

Sie nickt und wiederholt: „Genau. Wir haben keine Angst!“

Während meiner flammenden Rede spüre ich, wie sehr ich mir wünsche, alles das würde auch auf meine Generation zutreffen.

Tut es aber nicht. Die beiden Frauen, die gegen Wolfgang Fellner aufgestanden sind, kämpfen alleine. Sie sind altermäßig zwischen meiner Tochter und mir. Sie haben sich getraut. Warum trauen sich nicht mehr?

Warum kommen die meisten Geschichten von Mobbing, Herabwürdigung und sexueller Belästigung nie ans Licht? 

Wolfgang Fellner streitet die Vorwürfe der beiden Frauen ab. Er habe sich nie aufgedrängt, nie abwertende Bemerkungen gemacht, nie den Anschein erweckt, mehr zu wollen.

Keine Pointe.

Nur Wut.

Nur Bitterkeit.

Nur die Hoffnung, dass meine Tochter ausflippen und nicht in Angst erstarren wird, wenn ihr Chef sie später einmal auf ein freundschaftliches „Arbeitsessen“ einladen will, wenn er ihr freundschaftlich den Arm um die Hüfte legt und wenn er ihren Kleidungsstil freundschaftlich mit dem einer Nutte vergleicht.


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