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C. Tauzher: Die Pubertäterin Ganz nackt, halb nackt, unsichtbar: Unterricht vor dem Bildschirm

Mädchen mit Laptop im Bett
Homeschooling - nicht alle sind immer voll bei der Sache
© svetikd / Getty Images
Der Fernunterricht per Videokonferenz mit Teenagern treibt mitunter bizarre Blüten. Findet Christiane Tauzher und kann es bisweilen kaum ertragen zu beobachten, wie der Unterricht abläuft. Doch der Professor ihrer Tochter erteilt auch ihr eine Lektion in Geduld und Verständnis.

Homeschooling hat sich abgenutzt. Wendete die Teenagerin zu Beginn der Pandemie noch mindestens täglich dreißig Minuten für  Haare, Make-Up und die Wahl der Oberbekleidung auf, um topgestylt vor den Bildschirm zu treten, ist es ihr mittlerweile piepegal. Was da eingekehrt ist, nennen wir in Österreich "Schlendrian".

Neulich überraschte der Olaf seine arme isolierte Tochter mit einem McDonald's-Frühstück. Hunger trieb sie aus ihrem Zimmer in die Küche. Mampfend saß sie vor dem Laptop, aus dem das Gesicht des Deutsch-Professors schaute, der hochmotoviert über Stefan Zweigs "Schachnovelle" referierte. Die Teenagerin bedeutete mir, mich ruhig zu verhalten. "Findest du es okay während des Unterrichts zu essen?", flüsterte ich ihr zu. Sie gab mir mit einer wegwerfenden Handbewegung zu verstehen, dass das nicht mein Problem sei und dass es völlig okay wäre. Der Professor musste mich gehört haben, denn er fragte nun, was die Teenagerin da gerade esse? Ich zog die Augenbraue hoch und wartete auf die Standpauke. Mir wäre vorgeschwebt: "Hallo, was soll das? Es ist total unhöflich und respektlos zu essen während ich mich hier abmühe euch Schwammköpfen Stefan Zweig näher zu bringen" oder "Essen kannst du in der Pause!"  So hätte ich es formuliert.

Er aber sagte: "Bei McDonald's gibt es auch Frühstück? Das wusste ich gar nicht." Die Teenagerin nickte und zeigte die einzelnen Stücke in die Kamera. "Der Burger ist mit Speck und der mit Ei." Dazwischen biss sie immer wieder ab. "Sehr interessant", sagte jetzt der Professor und "lass es dir schmecken."

Die Teenagerin bedankte sich und lächelte triumphierend. Sie sprach es nicht aus, dachte sich aber: "Siehst du, Mutter, nicht alle Erwachsenen sind solche Besen wie du."

Als Antwort ... Kaugeräusche

Ich begann den Geschirrspüler auszuräumen und hörte den Professor fragen: "Wer von Euch kann mir sagen, unter welchen Umständen diese Novelle geschrieben wurde?" Es waren die Kaugeräusche der Teenagerin zu hören und sonst nichts. "Willst du nicht antworten?", flüsterte ich. "Ich esse, und außerdem hat er alle gefragt." Alle zu fragen war anscheinend keine gute Idee – denn niemand fühlte sich bereit für eine Antwort. Das sah auch der Professor nach einiger Zeit des Wartens ein. Er rief ein Mädchen mit Namen auf und wiederholte die Frage. "Sorry, Herr Professor", antwortete sie, "ich habe gerade Probleme mit dem Wlan – können sie die Frage wiederholen?" Der Professor erinnerte daran, die Fragen an alle bereits am Vortag gemailt zu haben – "jeder von euch sollte den Fragenkatalog vor sich haben. Die Idee war eigentlich, dass ihr euch schon vor der Stunde mit möglichen Antworten auseinandersetzt."

Männliche Stimme: "Also an mich haben Sie nichts geschickt."

Weibliche sehr hohe Stimme: "Echt? Wann soll das gewesen sein?"

Männliche leise Stimme: "Ups! Ich hab meine Nachrichten noch gar nicht gecheckt."

Weibliche verschlafene Stimme: "Um was geht's jetzt – war kurz weggetreten."

Der Professor seufzte kaum wahrnehmbar. "Gut, ich wiederhole die Frage." Er nannte  einen männlichen Vornamen. Stille. "Kannst du bitte die Kamera so stellen, dass ich dich sehen kann?" Gekicher der anderen. "Liegst du etwa noch im Bett? Ja, du liegst noch im Bett. Könntest du dir bitte zumindest etwas anziehen?"

Männlicher Vorname murmelnd: "Aber ich habe doch etwas an."

Professor: "Wieso kann ich dann deine nackte Brust sehen?"

Männlicher Vorname: "Ich trage ein Unterhemd."

Professor: "Nein, tust du nicht. Du bist nackt."

Männlicher Vorname antwortete nicht mehr, stattdessen nahm er sich als Ganzes aus der Kamera.

"Okay", sagte der Professor stoisch und ermuntert einen langen weiblichen Vornamen, die Frage nach den Umständen, unter denen die Schachnovelle geschrieben wurde, zu beantworten. "Was meinen Sie mit Umstände, Herr Professor?"

Frage für Frage ging es so weiter. Wenn jemand eine Idee einer Antwort hatte, bestand diese höchstens aus drei Wörtern. Der Professor erinnerte mich an einen Schlepplift, der ganz allein eine Traube von Schwammköpfen den Berg hinaufzieht.

Jetzt heißt es, Ruhe bewahren

Ich hielt es kaum aus, mich ruhig zu verhalten. Schließlich beantwortete der Professor fast jede Frage, die er der Klasse stellte, selbst. Ausführlich und klug, in keiner Silbe schwang Verärgerung mit. Wie macht er das bloß?, fragte ich mich.

In der Zwischenzeit hatte auch meine Teenagerin das gesunde Frühstück beendet. Alle Papiertüten waren leer gegessen und auch die Deutsch-Stunde neigte sich ihrem Ende zu. "Macht es gut! Bis nächste Woche", verabschiedete sich der Professor.

Ein paar der tranigen Schüler sagten "Auf Wiedersehen", ein paar sagten gar nichts. Ein paar waren schon vorher ausgestiegen. Einer schlief.

Ich entrüstete mich: "Der Professor hat sich so bemüht, die Stunde für euch spannend zu gestalten. Und was macht ihr ...?"

"Was meinst du?", fragte die Teenagerin, "war doch eh alles super - Gott sei Dank bist du keine Lehrerin geworden." 

Ich sah ihr nach, wie sie zurück in ihr Zimmer schlurfte. Sie hatte Recht. Ich würde mit allen (verbotenen) Mitteln arbeiten, mit Drohen und schlechten Noten und schweren Prüfungen und Ausflippen.

Der bewundernswerte Professor der Teenagerin arbeitet nur mit einem Mittel: mit Verständnis und Geduld. Von beidem besitze ich nicht all zu viel.

Als Schlepplift würde ich kläglich versagen.

Lehrer, wie der meiner Tochter, die sich in die Kinder hineinversetzen anstatt sich über sie zu erheben, sind in dieser Pandemie genauso große Helden wie Ärzte und Krankenschwestern.

Mütter, wie ich, die viel zu oft, viel zu schnell aus der Haut fahren, sagen voller Bewunderung und aus tiefstem Herzen: "Danke".


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