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C. Tauzher: Die Pubertäterin Die Teenagerin soll zur Firmung. "Will ich nicht", "brauch ich nicht", "hab' schon eine Uhr"

Skeptisch schauende Teenagerin
Ernsthaft, Mama? Firmung? Ich habe schon eine Uhr 
© javitrapero / Getty Images
In der katholischen Kirche markiert die Firmung den Übergang vom Kind- zum Erwachsensein. Ein wichtiges Fest auch für ihre Tochter, findet Christiane Tauzher. Die Teenagerin sieht das allerdings ganz anders.

Firmung stand an. Das Fest zwischen Taufe und Hochzeit, zu dem man eine schöne Uhr bekommt und vom Heiligen Geist durchdrungen wird.

"Will ich nicht", "brauch ich nicht", "hab' schon eine Uhr." So sprach die Teenagerin und rollte sich wieder auf ihrem Lager zusammen.

Ich lasse mich bei vielen Themen erweichen – nicht bei so vielen wie der Olaf  - aber mit mir kann man über einiges reden. Firmung gehörte nicht dazu.

"Ich möchte, dass Du gefirmt wirst", sagte ich.

"Es ist meine Entscheidung und mein Leben", sagte die Wombi. In ihrem Freundeskreis werde niemand gefirmt, und es sei nicht einzusehen, warum sie ein Jahr lang als einzige den Firmunterricht besuchen sollte, den sich ihre Religionslehrerin im Internat dankenswerterweise bereit erklärt hatte, exklusiv für die Wombi abzuhalten. Um sich des Sakraments der Firmung als würdig zu erweisen, muss man sich nämlich erst ein Rüstzeug in Sachen Nächstenliebe aneignen.

Eine schreckliche Vorstellung. Unglaublich, dass ich so etwas Arges von ihr verlangte. Und ja, ich verlangte es. Es gab darüber keine Diskussion. Firmung war für mich so eine Art offizieller Übertritt ins Erwachsenenleben. Ich selbst habe meine Firmung als großes Fest in Erinnerung, bei dem ich spürte, dass etwas mit mir passierte. Ich wuchs innerlich, ich war kein Kind mehr. Die Wombi sollte später nicht sagen können, dass sie etwas verpasst hätte. Wahrlich, es gibt Schlimmeres, als von der Familie gefeiert zu werden.

Und: Nein, ich bestand nicht darauf, dass sie in der Kirche das pinkfarbene Laura-Ashley-Kleid mit den Blumen anzieht, das ich zu meiner Firmung getragen hatte. (Es hängt in einem Kleidersack von Mottenkugeln bewacht, weil meine Mutter damals vor dreißig Jahren meinte, dass das Kleid "ein zeitloses Stück" sei, das noch meine Enkelkinder begeistern würden – ehrlich gesagt, bezweifle ich das. Das zeitlose Stück in den Altkleider-Container zu werfen, hatte ich aber bisher nicht übers Herz gebracht.)

Ich erwähnte das Kleid bei der Wombi nicht einmal.

Kurz vor knapp: die Kleiderfrage

Kurz vor der Firmung fragte ich sie, was sie gedenke, anzuziehen. Achselzucken. "Ich war noch nie bei einer Firmung. Keine Ahnung, was man da trägt." Nachdem ihr Lieblingslook "löchrige Schlaghose zu tailliertem Fledermauspullover" nicht in Frage kam, wollte sie nicht darüber nachdenken. Ich schlug ein paar Kleider vor, die allesamt abgelehnt wurden.

Am Tag vor der Firmung bestand ich darauf, dass JETZT ein Kleid gefunden werden musste. Mein Kasten gab schließlich ein Grünes mit Streublumen her, das die Wombi "nicht so schlimm" fand. Ich lobte bei der Anprobe das fabelhafte Aussehen der Firmkandidatin. Mir zuliebe lächelte sie professionell,  wie ein von Ovationen und Komplimenten übersättigter Weltstar.

Einerlei, dachte ich mir, nicht ahnend, dass mir noch eine Diskussion über die passenden Schuhe bevorstehen würde.

Und diese Schuhe erst ...

Schön wie ein Bild kam die Wombi am Firmtag aus ihrem Zimmer. Einzig das Gehen fiel ihr schwer, als hätte sie Gewichte an den Beinen. Mein Blick blieb an ihren Schuhen hängen, die ursprünglich einmal meine waren. High Heels der gefährlichen Sorte, für Sitzempfänge oder Konzertbesuche produziert – garantiert nicht für Firmungen.

"Die Schuhe ...", begann ich. "Eh, klar, dass dir die nicht passen. Ich hätte darauf wetten können. Du bist so vorhersehbar", seufzte die Wombi genervt.

"Tut mir leid", sagte ich und nahm ihr den Wind aus dem Segel. "Ich würde vorschlagen ..."

"Ja, ja, ja, ich weiß schon, was du vorschlagen willst", resignierte die Wombi, "die flachen Ballerinas mit der Masche." Ich nickte schuldbewusst.

Die Wombi sah mich an wie eine Psychologin, die ihre Patientin durchschaut hatte. Dann seufzte sie und stieg in die Ballerina.

Erleichtert darüber, dass mir eine Diskussion über Sneakers erspart blieb, machten wir uns auf den Weg zum Stephansdom.

Dann im Dom ...

Als wir maskiert auf den uns zugewiesenen Plätzen saßen – die Wombi neben ihrer Firmpatin, weit weg von uns – kam nach etwa einer Stunde der besondere Moment, weswegen ich alle Diskussionen und Widrigkeiten in Kauf genommen hatte. Der Dompfarrer strich der Wombi mit Chrisamöl ein Kreuz auf die Stirn. Die Dämme brachen. Ich schluchzte leise vor mich hin. Auch Wombis Patin bebte ergriffen und ich traute meinen Augen nicht – auch die Wombi schniefte.

Hinterher sagte sie mir, dass es richtig von mir gewesen sei, auf die Firmung zu bestehen. "Es war ein besonderer Moment." Wir umarmten uns, weinten noch ein bisschen und fühlten, dass etwas Gutes mit uns geschehen war.

Das Firmessen bei uns zuhause gipfelte darin, dass meine Mutter ihrer einzigen Enkeltochter ein Familienerbstück überreichte. Wieder wurde ein bisschen geweint.

Der Olaf übergab sein Geschenk. Ein hypermodernes Glätteisen, das ohne Kabel glättet.

Die Wombi war im Glück.  (Allein für dieses Teil hatte sich die Firmung gelohnt.)

Abends, als alle gegangen waren, sagte die Wombi "Danke" und "es war schön" und "hast du die Schuhe von der einen gesehen – die ist mit Doc Martens zur Firmung gegangen."

Wir lachten.
Wir drückten uns.
Wir waren ein Stück näher zusammengerückt.


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