HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Wie ich meiner Tochter eine Taschengeld-Lektion erteilte

Taschengeld hat die Tochter immer genug, wo auch immer das alles herkommt. So lernt sie doch nie, ordentlich mit Geld umzugehen, findet Christiane Tauzher. Doch dann passiert etwas, und es ist Zeit für eine Taschengeld-Lektion.

Kind zählt Taschengeld

Woher hat das Kind bloß immer das viele Geld?

Getty Images

Mit elf Jahren bekam die Mücke am Ersten jeden Monats von uns fünfzehn Euro . Dass die Nonni ihr zusätzlich zehn Euro gab, rechtfertigte sie mit einer Reise zum Taj Mahal, die sich die Mücke über die Jahre selbst "erarbeiten" sollte. Die "Arbeit" bestand darin, den Schein von der Nonni klein zusammenzufalten und in den Schlitz der eigens dafür angeschafften Spardose zu stecken – oder eben nicht.

"Das Kind braucht ein Ziel, auf das es hinsparen kann", sagte die Nonni, "sie hat ja alles."

Ein Nachsatz, den ich besonders liebte, weil er dem Olaf und mir einen schlechten Erziehungsstil im Schlaraffenland unterstellte. Die Taj-Mahal-Spardose in Form eines Marienkäfers stand in Nonnis Küche und lud die dazu ein, einen Teil oder bestenfalls die ganzen zehn Euro einzuwerfen. Einziger Haken dabei war, dass die Mücke das Geld genauso gut einstecken durfte – was sie meistens tat. Der Taj Mahal lief ihr ja nicht davon. Außerdem vermute ich, dass sie sich auf ihren Vater verließ, der dem Marienkäfer bestimmt Flügel verleihen würde, stünde die Reise bevor und das Ersparte wäre doch nicht genug. Aber das sah außer mir natürlich niemand.

"Es ist ihr Geld", sagte die Nonni, "sie kann damit machen, was sie will. Sparen ist immer freiwillig."

Auch der Onkel der Mücke steckte ihr zwischendurch immer wieder etwas zu, wenn eine dringende Anschaffung wie Handyhülle Nummer 27 oder ein Schwimmtier in Form eines Einhorns getätigt werden musste. Trotz meiner Einwände ließen sich die Mitglieder meiner Familie nicht verbieten, die Handkassa der Mücke aufzubessern, wann immer sich Gelegenheit dazu bot. Den Olaf hatte ich ebenfalls im Verdacht, die Mücke hinter meinem Rücken mit Geld zu spicken. Offiziell ging alles in die Taj-Mahal-Spardose. Erstaunlicherweise wuchs gleichzeitig auch der Vorrat an Handyhüllen und Haarschmuck, den sie in ihrem Zimmer hortete, von Woche zu Woche an. Auf meine Fragen, wann sie dieses oder jenes gekauft habe, antwortete sie meistens, es sei ein Geschenk gewesen oder "eh schon uralt".

"Sie kann doch gar nicht lernen, mit Geld umzugehen", sagte ich.

Nach Olafs Meinung könne sie damit auch erst später beginnen. Für ihr Alter war die Mücke also eine Großverdienerin. Trotzdem versickerte das kleine Vermögen Monat für Monat in irgendwelchen Kanälen, und sie wusste hinterher selber nie so genau, wohin – was aber nicht weiter schlimm war, da die Geldquellen, die die Börse der Mücke speisten, immer sprudelten.

Die Sache mit den geliehenen Kopfhörern

Bis zu dem Tag, als sie geknickt von der Schule kam und erzählte, dass sie sich von einer Klassenkollegin ausgeborgt habe, die jetzt verschwunden wären. Sie seien vom Platz der Leihgeberin gestohlen worden, wo sie die Mücke hingelegt hatte, während das Mädchen auf der Toilette war.

"Du hättest ihr die Kopfhörer in die Hand drücken sollen, nicht auf den Platz legen", sagte ich.

"Ach", antwortete die Mücke patzig, "jetzt bin ich also schuld."

"Na ja", erwiderte ich, "das Mädchen, das sie dir geborgt hat, ist noch weniger Schuld. Sie hat jetzt den Schaden." Dass die Mücke die Kopfhörer würde ersetzen müssen, stand für mich außer Frage. "Wenn man sich etwas ausgeborgt hat, muss man es unversehrt zurückgeben. Du kannst ihr auch neue kaufen. Reich genug bist du doch."

Leider war zu diesem Zeitpunkt der neue Monat bereits eine Woche alt und die Mücke hatte ihre fünfundzwanzig Euro – der war diese Runde leer ausgegangen – in angesagtem Duschschaum der Duftrichtung Pancake und Donut, zwei Bandana-Tücher, eine Haarspange und Hundekeks mit Entengeschmack investiert. In ihrer Geldbörse klimperten nur noch ein paar Cent. Den großzügigen Onkel konnte sie nicht um Hilfe bitten, da er dienstlich verreist war.

Plötzlich Ebbe in der Kasse

"Dann musst du dem Mädchen eben deine Kopfhörer geben", sagte ich.

"Wieso? Die hat eh zwei", empörte sich die Mücke, "außerdem waren die Kopfhörer, die sie mir geborgt hat, schon total alt."

Ich ließ in der Sache nicht locker und bot ihr als Ersatz Billig-Kopfhörer aus dem Flugzeug an, die besser als nichts waren.

"Okay, danke, die geb ich ihr", sagte die Mücke erleichtert.

"Nein, die gibst du ihr nicht. Du gibst ihr deine, die dir der Papi zum Geburtstag geschenkt hat", sagte ich, "die aus dem Flugzeug sind für dich."

Am nächsten Tag, als die Mücke aus der Schule kam, erzählte sie, dass das Mädchen die Kopfhörer gar nicht zurückhaben wollte und dass die Sache erledigt wäre. Wie sich nach genauerer Recherche herausstellte, hatte sie ihr die halbkaputten Flugzeughörer angeboten.

Nun bestand ich darauf, dass die Mücke dem Mädchen ihre guten Kopfhörer zumindest anbieten müsse. Zähneknirschend tat sie, was ich von ihr verlangte und überraschenderweise nahm das Mädchen die Kopfhörer, die von der gleichen Marke waren wie die Gestohlenen.

Nun verging kein Tag, an dem die Mücke nicht ihren guten Kopfhörern nachtrauerte und sich über die miese Qualität der Flugzeug-Kopfhörer beklagte.

Inzwischen war auch der Onkel wieder im Lande, traute sich aber nicht, der Mücke aus der Klemme zu helfen, da ich mit Sanktionen gedroht hatte, wenn er diese Lektion in Sachen Taschengeld durch eine milde Gabe vereiteln würde. Geburtstag und andere Anlässe, an denen Geschenke zu erwarten gewesen wären, waren auch nicht in Sicht. Der Olaf hatte drei Kopfhörer und wollte der Mücke sofort, als sie ihm die Geschichte mit Leidensmiene erzählt hatte, zwei abtreten.

"Wieso zwei?", fragte ich ihn. Da meinte er, dass er nur einen brauche und die Mücke dann einen in Reserve habe.

"Für den Fall, dass wieder einer wegkommt?", fragte ich.

Beide, der Olaf und die Mücke, nickten energisch.

Es sah so aus, als hätte ich es endlich verstanden. Aber das sah nur so aus: "Daraus lernt sie, dass es der Papi schon richten wird und dass sie für ihre Fehler nicht geradestehen muss."

Ähnlich wie seine Tochter argumentierte der Olaf, dass das Verschwinden der Kopfhörer nicht die Schuld der Mücke gewesen sei. Der, der die Hörer gestohlen habe, müsste sie eigentlich ersetzen. Vater und Tochter waren sich in diesem Punkt einig. Ich schlug vor, einen Privatdetektiv auf die Sache anzusetzen, was weder der Olaf noch die Mücke lustig fanden.

Die Mücke gewöhnte sich an die miesen Flugzeug-Dinger, und als sie einen Monat lang gespart hatte (Großmutter- und Eltern- und Onkel-Taschengeld) kaufte sie sich neue.

Seither legt sie sich einen Teil des Taschengeldes zurück. Denn in so eine Notsituation – Onkel verreist, Kassa leer, Mutter unerbittlich – wollte sie nie wieder kommen. Die miserablen Flugzeugkopfhörer, die ihr auf der Durststrecke gute Dienste geleistet hatten, hob sie auf. Zur Sicherheit.

Taschengeld auf Reisen: So kann man im Urlaub leicht Geld verdienen

Wissenscommunity