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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Dirndl-Wahnsinn bei der Einschulung

Einschulung. Die Tochter will unbedingt im Dirndl ihren ersten Schultag verbringen. Christiane Tauzher soll sich ebenfalls in ihr altes Dirndl zwängen, das Kind besteht darauf. Ein Albtraum - aus verschiedenen Gründen.

Ein Mädchen geht im Dirndl zu Einschulung

Ein Mädchen geht im Dirndl zu Einschulung

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Als sich die Mücke nach einer Übernachtung bei den rustikal angehauchten Großeltern dazu entschloss, am ersten Schultag das Dirndl mit der rosa Schürze anzuziehen, ahnte ich nicht, was mir blühen würde. Für meine Mutter, die einen Teil des Jahres in einem Dörfchen in den Bergen lebte, gab es kein schöneres Kleidungsstück. Wann immer sich Gelegenheit ergab – also eigentlich immer – trug sie Schürze. Schon zur Geburt bekam die Mücke von ihr ein maßgeschneidertes Ausseer-Dirndl. Denn: " kann man nie genug haben." Ihrer Meinung nach gab es keinen Anlass, bei dem man mit einem Dirndl schlecht angezogen sein konnte. Am ersten Schultag kein Dirndl anzuziehen, schien undenkbar.

Es war drei Wochen vor Schulbeginn und ich hatte ein hübsches violettes Kleid für die Mücke gekauft, das gut zur Schultüte passen würde.

Die Mücke probierte täglich das Dirndl und wollte sich das violette Kleid nicht einmal anschauen.

"Ich ziehe das Dirndl an", sagte sie mit der Kraft der Überzeugung, "das habe ich mit der Nonni ausgemacht." Dass die rote Schürze farblich nicht zur passte, störte sie nicht. Im Gegenteil, sie hatte eine Lösung für das Problem: "Dein Dirndl hat eine lila Schürze. Für die Fotos musst eben du die Tüte halten."

Ich stand mit dem violetten Kleid über dem Arm in der Tür und dachte an mein Dirndl mit den Enzianen, das seit Jahren in einem schwarzen Kleidersack ganz hinten im Kasten hing. Der Gedanke daran, beim ersten Zusammentreffen mit der Lehrerin und den anderen Eltern als Einzige ein Dirndl zu tragen, bereitete mir Unbehagen. Prinzipiell gefielen mir Dirndln. Auf einem Kirtag im , auf einer Trachtenhochzeit oder auf dem Jägerball hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Aber dort ein Dirndl anzuziehen, wo niemand ein Dirndl trug, noch dazu mitten in Wien, war gefährlich. Man setzte sich damit in eine bestimmte Schublade, aus der es kein Entkommen mehr gab.

"Ich werde sicherlich kein Dirndl anziehen", sagte ich, "das passt mir nämlich leider nicht mehr."

"Dann nimm schnell ab", schlug die Mücke vor.

"Das geht sich nicht mehr aus", sagte ich bedauernd.

"Bitte, bitte", flehte die Mücke und umarmte mich.

Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu gestehen, dass ich nur über meine Leiche an ihrem ersten das Enzian-Dirndl anziehen würde. Also sagte ich "vielleicht" und "mal sehen."

Als der Olaf am Abend nach Hause kam, erzählte ihm die Mücke, dass ich ihr versprochen hätte übermorgen auch ein Dirndl anzuziehen. Das fand der Olaf lustig.

Also rein da

In der Früh des ersten Schultages blieb mir nichts anderes übrig, als mich tatsächlich ins Dirndl zu zwängen, denn die Mücke weinte bitterlich, als sie mich in meinem hellrosa Sommerkleid sah.

"Du hast es mir versprochen", schluchzte sie.

Die Sache jetzt noch richtig zu stellen, war sinnlos. Das Dirndl mit den Enzianen hätte gebügelt werden müssen, dafür blieb aber keine Zeit mehr. Und auf der Schürze war ein großer Fettfleck.

"Den sieht man fast nicht", sagte der Olaf, der in seinem neuen dunkelblauen Anzug aussah wie James Bond.

"Magst du nicht auch dein Trachtensakko anziehen?", fragte ich ihn, "dann passt du besser zu uns."

Er mochte nicht.

Beim Verlassen des Hauses trug ich die Schultüte, weil sie so gut zu meiner Schürze passte.

Glücklich betrat die Mücke dann an meiner Hand die Schule. Der dazugehörende Olaf hielt einen Sicherheitsabstand von fünf Schritten, um nicht irrtümlich auch der gewissen Schublade zugeordnet zu werden. Die anderen Eltern – Mütter in Sommerkleidern, Väter in Sportsakkos – beäugten unsere ländliche Aufmachung argwöhnisch. Niemand sprach mit uns. Wir standen abseits – ob der Mann in dem schönen blauen Anzug zu uns gehörte, war für sie nicht klar ersichtlich. Er hätte auch ein alleinerziehender Vater ohne Kind sein können.

Die Klassenlehrerin der Mücke begrüßte uns als Letzte. Ihr Blick blieb auf meinem Fettfleck hängen. Schnell hielt ich mir die Schultüte vor den Bauch. Den Olaf lächelte sie dafür an und wechselte sogar ein paar Worte mit ihm. Dass er der zum Kind im Dirndl gehörige Vater war, schien sie sich zusammenzureimen. Wie die ungebügelte Frau im Dirndl dazu passte, musste sie erst herausfinden.

Den Kindern ist es zum Glück egal

Mir war plötzlich danach, ein Wanderlied anzustimmen, um dem Klischee gerecht zu werden. Am Dirndl der Mücke stieß sich zum Glück keiner ihrer zukünftigen Klassenkollegen. Sie war umringt von anderen schnatternden und lachenden Mädchen, denen es herzlich egal war, dass die Mücke ein Kleid mit Schürze trug.

Das war das Wichtigste, dachte ich mir und hielt im Schulgarten an einen Baum gelehnt die Schultüte umklammert. Ab und zu aß ich eine Süßigkeit heraus. Mein Mann, der Olaf, lehnte einen Baum weiter. Es war heiß, das enge Dirndl schnürte mich ein.

"Du, Schatz", rief ich laut zu dem anderen Baum hinüber, "wärst du so lieb und würdest du mir bitte ein Glas Wasser bringen?"

Der Schatz zuckte zusammen und erbleichte, denn ich hatte seine Tarnung auffliegen lassen. Mit hängenden Schultern stellte er sich beim Buffet an, um das Wasser zu besorgen. Den Sommerkleidern und Sportsakkos fiel es nun wie Schuppen von den Augen: Der James Bond gehörte zu den Dirndln in die Schublade mit dem Enzian.

Aus der Schublade kamen wir erst Jahre später wieder heraus. Es war ein langer Weg, der über viele aufwändige Geburtstags- und andere Feste führte. Wenn die Eltern ihre Kinder bei uns abholen kamen, waren sie jedes Mal erstaunt, die Mücke und mich nicht im Dirndl anzutreffen.

"Weißt du", verriet mir einmal eine befreundete Mutter irgendwann nach dem dritten Glas Prosecco, "damals, am ersten Schultag, habe ich euch für Schnösel gehalten. Wer zieht auch in der Stadt freiwillig ein Dirndl an? Außer, wenn er muss."

Ich musste. Und ich würde es heute wieder tun, um die Mücke glücklich zu machen. Der erste Schultag ist ja nicht irgendein Tag, er ist ein wichtiger Tag, einer, an den sich die Mücke immer mit einem Lächeln erinnern wird. Und die Fotos sind wirklich toll geworden, auf denen die Schultüte mit meiner Schürze Ton in Ton geht.

Wenn übrigens der Mini in die Schule kommt und zufällig eine Lederhose anziehen will – wofür ich mit Unterstützung meiner Mutter sorgen werde – werde ich ihm heimlich die Lederhose seines Vaters zeigen, die er nur einmal im Jahr für das Oktoberfest aus dem Kasten holt. Eigentlich schade. Ein Prachtstück mit Stickerei. Ich werde den Mini auf die Idee bringen, dass es schön wäre, wenn sein Vater am ersten Schultag auch die Lederhose anziehen würde. Für die Erinnerungsbilder. Oh, ja, das wird sehr schön. Und wenn ich dafür die Schultüte besticken muss, damit sie zur Lederhose vom Olaf passt.

Mit dieser Geschichte endet Christiane Tauzhers Reihe "Mutter in Rage und ihre Kinder", die aus ihrem Buch entnommen wurde. Von kommender Woche an schreibt Christiane Tauzher an dieser Stelle über "Die Pubertäterin".

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