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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: "In den Ferien wird gelernt", sagt die Oma. Und die Stimmung kippt ...

Oma ist pensionierte Lehrerin und hat eine klare Vorstellung von Ferien: An jedem Tag wird gelernt, sogar im Badeurlaub. Das Schulkind sieht das nicht so. Christiane Tauzher muss irgendwie den Familienfrieden retten - und sich ihrer Vergangenheit stellen.

Ein Mädchen hat keine Lust zum Lernen

In den Ferien muss mal Schluss ein mit Lernen. Oder?

Getty Images

Das Drama bahnte sich in der zweiten Hälfte der Sommerferien an. Es war einer dieser Tage, an denen es stickig war wie in einem Schweinebauch und auch die Nacht keine Abkühlung gebracht hatte. Wir schauten beim Frühstück hinunter auf den glitzernden See, und die Mücke hatte es eilig, baden zu gehen.

"Zuerst wird aber gelernt", sagte die Nonni, "nach der Arbeit das Vergnügen."

Ich rührte mit einer Hand in meinem Kaffee, mit der anderen hielt ich den Mini davon ab, mein weiches Ei zu zerlegen.

"Lernen?", fragte die Mücke ungläubig, "dafür ist es viel zu heiß, außerdem habe ich Ferien."

Ich schwieg. Mit meiner Mutter, der Nonni, eine Woche in den Bergen zu verbringen, war meine Idee gewesen, da ich für eine zusätzliche Aufpassperson für den Mini immer dankbar bin. Natürlich wollte meine Mutter, eine pensionierte Oberschulrätin, mit großer Leidenschaft für Latein, nur das Beste für ihre Enkeltochter – wie schon vor dreißig Jahren für meinen Bruder und mich. Das Beste war in ihren Augen, täglich Vokabeln zu wiederholen und Texte zu übersetzen, um "das Gehirn zu trainieren." Je weniger man in den Ferien "arbeite", sagte sie, desto schwieriger sei es, bei Schulbeginn wieder "hineinzukommen". Der Mücke fehlte die Motivation für das Gehirntraining und sie ging in den Lernstreik. Als die Nonni sah, dass sich die Mücke nicht beugen würde, räumte sie stumm den Frühstückstisch ab und wünschte uns einen schönen Tag, als wir bepackt mit zwei großen Badetaschen, den Mini an der Hand, das Haus in Richtung See verließen.

Mit Grauen erinnerte ich mich an meine eigene Kindheit, als ich auf der Alm unterm Sonnenschirm Staffeln rechnete, Aufsätze verfasste und Vokabeln in diversen Fremdsprachen auf bunte Karteikärtchen schrieb, die bei längeren Autofahrten von meiner Mutter hervorgeholt und abgeprüft wurden. Es gab ein "Ferienheft", in dem im August jeden Tag – außer Sonntag – gearbeitet wurde. Bei jedem Wetter. Ohne Ausnahme. Ohne Widerstand. Der Juli war zum Erholen da, der August zum Arbeiten. Mein Vater mischte sich nie ein, aber ich wusste damals ganz genau, dass er nur der Harmonie zuliebe mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt. Wäre es nach ihm gegangen – und er war auch Lehrer – hätten mein Bruder und ich die Lernsachen erst gar nicht mitnehmen dürfen. Aber es ging eben nicht nach ihm und so rauchten unsere Köpfe jeden Tag, während die anderen Kinder längst im Schwimmbad waren. Eine Lehrerin zur Mutter zu haben, empfand ich oft als Bürde, obwohl ich es andererseits genoss, mit beiden Eltern neun Wochen Ferien zu verbringen. Das Regiment, das meine Mutter in schulischen Angelegenheiten führte, war streng. Aber ich hatte es wohl irgendwann vergessen, so wie man auch die Schmerzen einer Geburt vergisst.

Streit vermeiden - ganz wie der Vater

"Warum sagst du der Nonni nicht, dass ich nichts für die Schule machen will?", fragte mich die Mücke, als wir nebeneinander im Schlauchboot lagen. Der Mini hing in einem Schwimmreifen, den wir an einem Seil hinter uns herzogen. Ich erklärte der Mücke, dass ich keinen Streit wolle und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich es genauso machte wie mein Vater. Ich hielt mich raus und zog den Kopf ein.

Zwischen Mücke und Nonni herrschte nun eisiges Schweigen. Die Nonni begann irgendwann auch mich anzuschweigen, da ich mich beim Thema "Lernen in den Ferien" nicht auf ihre Seite schlug, sondern eine neutrale Position einnahm. Da die Enkeltochter sich sträubte, widmete sich die Nonni mit Hingabe dem Mini. Der war zwar erst drei Jahre alt und konnte noch keine Vokabeln lernen, aber die Nonni übte mit ihm, zwischen rechts und links zu unterscheiden, sie ließ ihn die Klettverschlüsse an den Schuhen öffnen und wieder schließen, und sie baute Türme aus Holzklötzen mit ihm.

"Das ist wichtig für die Feinmotorik", sagte sie.

Ich nickte, obwohl ich mir sicher war, dass sich die Feinmotorik auch von allein entwickeln würde. Außerdem brachte die Nonni dem Mini bei, seinen Namen und seine Adresse zu sagen, auch wenn nur sie sein Geplapper verstand. Ihre komplette Aufmerksamkeit stülpte sie über den Mini, der abends wie ein Stein ins Bett fiel, weil die Nonni sein Gehirn gnadenlos mit neuem Wissen vollgestopft hatte. Lernen macht müde.

Die Mücke war müde vom Schwimmen, vom Radfahren, vom Wandern. Aber sicher nicht vom Lernen.

So verstrichen einige Tage, und die Mücke flehte mich an "etwas zu machen." Anklagend lagen die Lateinsachen tagein, tagaus auf dem Esstisch und die Nonni schob sie demonstrativ zur Seite, wenn der Tisch zum Essen gebraucht wurde. Kaum war das Essen beendet, platzierte sie das Heft wieder gut sichtbar für alle in die Mitte des Tisches, wo es bis zur nächsten Mahlzeit unberührt blieb.

Das Thema kommt auf den Tisch

Eines Abends, als die Mücke und der Mini bereits im Bett lagen, schnitt meine Mutter das leidige Thema an.

"Hat es dir geschadet, in den Ferien zu lernen?", fragte sie mich.

"Nein", sagte ich nach einer längeren Pause, "geschadet hat es mir nicht. Aber ich habe es gehasst und als Schikane empfunden."

Meine Mutter schluckte hörbar. "Ja, aber …", sagte sie dann, "es war doch nur zu deinem Besten."

"War es das?", fragte ich sie, "ich habe mich unterdrückt gefühlt und unfrei. Und das, obwohl ich das ganze Jahr über fleißig gearbeitet hatte. Ich war eine Vorzugsschülerin. Nicht einmal in den Ferien hatte ich meine Ruhe."

Meine Mutter schwieg. "Oh", sagte sie leise, "das tut mir leid."

Ich erinnerte sie daran, dass auch die Mücke bis auf zwei Zweier nur Einser im Zeugnis stehen habe.

"Ja, ja", sagte sie, "vielleicht habt ihr recht."

Wir hatten recht, aber einer Oberlehrerin, die von allen ihren ehemaligen Schülern angebetet wurde wie eine Heilige, zu erklären, dass sie falsch lag, hätte nur das Gegenteil bewirkt.

Die Hälfte unserer gemeinsamen Ferienwoche lag hinter uns, und es war höchste Zeit für ein neues Kapitel, in dem wir miteinander lachen, plaudern, singen, spielen und Spaß haben konnten. Aufeinander böse sein kostete viel Kraft, besonders dann, wenn man auf engem Raum zusammenlebte.

Anderntags machte meine Mutter den ersten Schritt, sie nahm die Lateinsachen vom Tisch und verstaute sie in einer Lade. Die Mücke zog erstaunt eine Augenbraue hoch.

"Hast du deine Meinung geändert?", fragte sie vorsichtig.

"Ja", sagte die Nonni, "wenn du Zeit und Lust hast, etwas für die Schule zu machen, komm zu mir und ich helfe dir. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung."

Da staunte die Mücke, küsste ihre Großmutter und warf mir einen dankbaren Blick zu. Als ich ihr später verriet, dass ich gar nichts gemacht habe, war die Mücke doppelt überrascht.

"Man ist nie zu alt, um einen Fehler einzusehen und sich zu ändern", sagte ich.

"Hast Du mich eben alt genannt?", entrüstete sich meine Mutter mit einem Augenzwinkern und wir mussten alle lachen.

Die restlichen Ferientage hatten wir Spaß miteinander, auch wenn die Mücke kein einziges Mal die Lateinsachen hervorholte. Dafür konnte der Mini am Ende der Woche einen Turm aus acht Klötzen bauen und einen Kreis malen.

Übrigens: Zwei Wochen vor Schulbeginn klopfte die Mücke mit den Lernsachen unterm Arm bei der Nonni an. Freiwillig und ohne Zwang.

"Kann losgehen", sagte sie, "sonst roste ich ja komplett ein."

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