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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Hilfe, das Kind ist tot! Ach nein, es ist nur "durchgechillt"

Die pubertierende Tochter lebt in einer dunklen Höhle. Das Kind zu wecken und herauszulocken, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Christiane Tauzher fragt sich: Ist das normal? Und war ich auch so?

Schlafender Teenager mit Smartphone

Das Schlafverhalten eines Teenagers ist ein Mysterium (Symbolbild)

Getty Images

Der Sommer war vorbei und die Mücke, die wir nur noch Wombi nannten, weil sie sich dem australischen Beutelsäuger in Ess-/Schlaf- und Aggressionsverhalten immer mehr anpasste, hatte zu Schulbeginn die höchst mögliche Erholungsstufe erreicht. Sie war so "durchgechillt", dass wir, der Olaf und ich, ihr einmal sogar einen Spiegel vor den Mund hielten, um zu überprüfen, ob sie noch atmete.

An einem heißen Nachmittag im August, den die Wombi nicht im Garten, sondern im abgedunkelten Zimmer verbrachte, hatte ich die abstruse Idee, einen kleinen Ausflug zu machen. "Magst du nicht mit uns hinausgehen?", fragte ich in die finstere Höhle hinein, "es ist so schönes Wetter. Wir könnten die Füße in den Bach hängen und die Hunde mitnehmen."  (Der Bach fließt hinter dem Haus.) Nichts.

"Hallo, bist du wach?" Nichts. Ich machte einen Schritt in die Höhle. "Hörst du mich?" Gerade als ich den Olaf rufen wollte, damit er den Spiegel bringt, kam ein gedehnter Grunzlaut aus der Nische, in der die Wombi ihr Lager hat: "Gnnnmmmmrzzzzzz." Hurra, sie lebte. Ich wartete noch ein bisschen. Aber das war alles. "Super", sagte ich fröhlich, "dann treffen wir uns in zehn Minuten unten. Ich mache uns ein paar Jausenbrote, und ich packe die Picknick-Decke ein." Früher stand die Picknickdecke für Abenteuer, Kuscheln und Wolkenbilder raten. Sie war schon ganz abgewetzt vom vielen Daraufliegen.

Natürlich stand ich zehn Minuten später mit meinen Jausenbroten und der Decke alleine im Vorzimmer, aber einen Versuch war es wert gewesen. Der Olaf hängte seine Füße neben mir in den Bach.  

"Glaubst du, ist das normal?", fragte ich ihn, und wir bissen gleichzeitig in die Brote. Er wusste es auch nicht, tendierte aber eher zu "nicht normal". Die Vorkommnisse im Körper und im Kopf der Wombi blieben uns ein Rätsel. "Waren wir auch so?", fragte mich der Olaf. Wir einigten uns auf "Nein!".

Der Olaf hatte ganz am Anfang des Wandels von Mücke zu Wombi sogar darauf bestanden, mit ihr ins Labor zu gehen, um festzustellen, welches wichtige Vitamin/Spurenelement unserem blassen blutleeren Kind, das plötzlich nur noch schlafen, duschen und essen wollte, fehlte.

"Ihr fehlt nichts"", sagte meine .

"Mir fehlt nichts", sagte die Wombi.

Als wir zwei Tage nach der Blutabnahme den Befund bekamen und sich alle Werte im Normalbereich bewegten, seufzten wir. Lieber wäre uns gewesen, der Befund hätte eine Mangelerscheinung gezeigt. Zumindest eine. Wir hätten ein paar Pillen gekauft, und die Mücke wäre wieder gern mit uns auf der Picknickdecke gelegen.

"Es sind die Hormone", sagte meine Mutter, "sie kann nichts dafür!"

"Ich kann nichts dafür!", sagte die Wombi.

"Willst du nicht dein Zimmer aufräumen, bevor die Schule wieder beginnt?", fragte ich, nachdem der Olaf und ich vom Bach zurück waren. "Wegschmeißen befreit. Ich helfe dir dabei."

"Alles, nur das nicht", stöhnte die Wombi. "ich will mich nicht befreien. Ich fühle mich wohl in meinem Zimmer."

"Geh nicht in ihr Zimmer", sagte meine Mutter.

"Geh nicht in mein Zimmer", sagte die Wombi.

Ich ging, als die Wombi wieder in der Schule war, in ihr Zimmer und räumte es auf. Ich fand Käsestangen in der Bettzeuglade und meine Sonnenbrille, die ich wochenlang gesucht hatte.

Am Abend, als die Wombi noch immer nichts zu ihrem aufgeräumten Zimmer gesagt hatte, fragte ich sie, ob ihr nichts aufgefallen sei. Überrascht sah sie mich an und musterte mich. "Hast du dir die Augenbrauen gezupft?", fragte sie dann, "die linke ist dünner als die rechte. Du solltest in Zukunft eine Schablone verwenden."

Ich sollte in Zukunft öfter auf meine Mutter hören.

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