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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Schminke? Klamotten? Was die Pubertierende wirklich hortet ...

Kein Geburtstagsgeschenk begeistert die Tochter so sehr, wie das von ihrem Großvater: Gutscheine für das nahe gelegene Einkaufszentrum. Christiane Tauzher ist sprachlos, als sie herausfindet, wofür die Pubertäterin die Gutscheine ausgibt.

Mädchen mit Einkaufsbeuteln

Was hat die Tochter wohl diesmal in rauen Mengen gekauft?

Getty Images

Der Rauch der ausgeblasenen Kerzen waberte noch über unsere Köpfe hinweg, als sich die Wombi das Kuvert mit den Gutscheinen schnappte und verkündete, dass sie "dann bald" los müsse. Wir saßen um den gedeckten Tisch im Haus des Großvaters, an Wombis Stuhl war ein "Elsa und Anna"-Helium-Ballon befestigt und um jeden Teller kringelte sich eine bunte Papierschlange. Dem Opa war noch nicht aufgefallen, dass sich seine Enkeltochter in einen Wombat verwandelt hatte, der nur seinen Instinkten folgte.

"Nein", hatte ich gesagt, als der Großvater der Wombi trotz blöden Verhaltens sein Geburtstagsgeschenk geben wollte. "Doch", hatte die Wombi gefleht. Denn, wenn sie auf jedes Geschenk verzichten konnte, auf das des Großvaters nicht. Der schenkte nämlich keine bunten Socken und auch keine  "spannenden" Bücher  - der Opa schenkte Gutscheine für das nahegelegene Einkaufszentrum. Und auf die konnte die Wombi unmöglich verzichten. Meine Maßnahme "Kein Geburtstagsfest und keine Geschenke!", missachtete der Großvater mit Zeitverzögerung, nachdem ihn die Wombi wochenlang bearbeitet hatte. Sie schrieb ihm sogar – als einzigem aus der Familie -  eine Karte von der Klassenfahrt aus der Schweiz. Dem Opa konnte ich keinen Vorwurf machen. Jeder Opa wäre an seiner Stelle weich geworden.

"Magst du nicht noch ein Stück von der Torte kosten?", fragte er die Wombi und zeigte stolz auf das rosa Wagenrad, für das er sicherlich ein Vermögen beim Konditor ausgegeben hatte.

"Ich würde so gern", sagte die Wombi und setzte ein betrübtes Gesicht auf, "leider möchte ich gerade ein bisschen abnehmen." Ich zog eine Augenbraue hoch. Erst gestern hatten wir eine Diskussion darüber, dass es der Gesundheit und der Figur schade jeden Tag zu McDonald's zu gehen und dass die "total gesunden Chicken McNuggets" nicht wie von der Wombi vermutet im Sockel der Ernährungspyramide gleich neben Salat und Gurken stehen, . 

Die Wombi stand auf, ohne die Torte gekostet zu haben, küsste den Großvater zum Abschied und ignorierte uns anderen. Weg war sie. "Wo muss sie denn so dringend hin?", fragte der Opa, "den Luftballon hat sie ja auch vergessen."  "Lernen", sagten der Olaf und ich gleichzeitig, obwohl wir beide wussten, dass die Wombi wohl eher das Auto waschen oder den Rasen mähen würde, als freiwillig zu lernen. Wieviel die Schule den armen Kindern heutzutage abverlange, sei an der Grenze des Zumutbaren, fand der Opa. Wir nickten, aßen unser Tortenstück und nahmen dann den in Stanniol verpackten Rest des Wagenrades und den Luftballon mit. Schon am Weg nach Hause schenkte Wombis kleiner Bruder Elsa und Anna die Freiheit. Als der Ballon über die Dächer schwebte, sagte der Olaf, dass der sicher teuer gewesen sei. Kurz sah es so aus, als würde er in Tränen ausbrechen.

"Ich gehe noch Milch kaufen", sagte ich zum niedergeschlagenen Olaf. Er bekam es gar nicht mit, weil er in den Himmel starrte und dem Ballon nachtrauerte.

Im Einkaufszentrum traf ich dann die Wombi, die es nicht hatte erwarten können, ihre Gutscheine einzulösen. Ich traf sie nicht in der Parfumerie und nicht im Klamottenladen, sondern im Supermarkt. Ihren Einkauf trug sie in einem Plastiksack, den sie mit beiden Händen, wie eine Mutter ihr Baby, umklammert hielt, aus Angst er könnte durchreißen. An der Kassa kippte sie den Inhalt auf das Förderband. "Ist das dein Ernst"?, fragte ich, "und deshalb konntest du kein Stück Torte beim Opa essen?" Grob geschätzt fuhren da dreißig bis vierzig Packungen "Capri Sonne" an uns vorbei in Richtung Kassiererin. Die Wombi seufzte. "Ich liebe Capri Sun", sagte sie, "aber wer weiß, wie lange es die noch gibt. Es ist ja schon Oktober." Mein Gehirn konnte die Informationen Oktober, Capri Sonne, Vorrat anlegen trotz größter Bemühung nicht miteinander verknüpfen. Es stellte sich heraus, dass die Wombi ernsthaft befürchtet hatte, der Supermarkt würde die Capri Sonne im Herbst aus dem Sortiment nehmen. "Glaubst du wirklich", fragte ich die Wombi, "dass das fingernagelgroße Stück Orange , dass allerhöchstens in einen Hektoliter Saft gepresst wird, die Orangenernte beeinflussen könnte?" Ich lachte. Die Wombi verengte die Augen zu Schlitzen und sagte, "Jeder kann glauben, was er will. Und außerdem kann ich mit meinen Gutscheinen kaufen, was ich will."

Zuhause stapelte sie einen Teil der Sonnen in ihrem Papierkorb und einen anderen in der Bettzeuglade.

"Sie sind abgezählt", sagte sie in strengem Ton zu mir, "ich merke sofort, wenn eine fehlt."

Plötzlich hatte ich auch das Bedürfnis mit dem Olaf um den teuren "Elsa und Anna"-Ballon vom Opa zu weinen, der bestimmt bis nach Capri in die untergehende Sonne flog.

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