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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Diese ohrenbetäubende Stille, wenn das Kind auf Klassenfahrt ist

Die Tochter fährt auf Klassenreise, erstmals sogar ins Ausland. Der Abschied am Bahnhof ist maximal kühl. Zu Hause ohne Pubertierende ist es maximal harmonisch. Für Christiane Tauzher ist es die Hölle.

Ein Mädchen wartet auf den Zug

Wenn das Kind in den Zug gestiegen ist, ist es zu Hause gespenstisch ruhig

Getty Images

Als ich die Pubertäterin an einem Sonntag im Morgengrauen zum Bahnhof fuhr, verkroch sie sich in ihren Kapuzenpulli wie in einen Tunnel und tat so, als ginge sie das alles gar nichts an. "Bist du schon aufgeregt?", fragte ich sie, als die Ampel auf rot sprang. Der Pullover gab mir zu verstehen, dass er kein Gespräch wünsche und drehte mir den Rücken zu. Nicht einmal einen Grunzlaut ließ er raus. "Ich war in deinem Alter mit der Schule höchstens im nächsten Bundesland", erzählte ich dem Pullover, was ihn überhaupt nicht interessierte. "Und in der Schweiz bin ich erst einmal gewesen", sagte ich, "'Asterix bei den Schweizern' war aber von allen Asterixen mein Lieblingsheft." Ich schaltete das Radio leiser, um eine mögliche Reaktion der Wombi nicht zu verpassen. Nichts.

Nach zwanzigminütiger Fahrt hatten wir den Bahnhof erreicht. "Wir sind da!", sagte ich und stellte den Motor ab. "Und wieso schreist du deshalb so?", sagte die Wombi und schraubte ihren Kopf aus dem Tunnel.

"Na, dann wollen wir mal ...", sagte ich und öffnete den Kofferraum, um das Gepäck herauszuhieven. "Du brauchst nicht mit hineinzugehen. Das schaffe ich alleine", sagte die Wombi. Ich tat so, als hätte ich das überhört und ging, ihren Rucksack geschultert, auf das Bahnhofsgebäude zu. Sie folgte mir leise fluchend, den schweren Koffer hinter sich her ziehend. Als wir ins Blickfeld ihrer Mitschüler kamen, wurden ihre Schritte federnder und ein dynamischer Ruck ging durch ihren Körper. Der Pullover richtete sich auf wie ein Windsack, in den eine Böe gefahren war.

Ich schüttelte dem Lehrer die Hand und wünschte ihm "viel Gück!", was sich wie "mein Beileid!" anhörte. Mit 29 Pubertätern, zwei Wochen Schweiz. Mir wurde kurz schwindlig. Der Zug ging erst in einer halben Stunden. Aber ich sah keine anderen Eltern, denen es gestattet worden war, zu warten. 

Zum Abschied ließ sich die Wombi immerhin kurz von mir umarmen. Das war's. Ich ging und unterdrückte das Bedürfnis, mich noch fünf Mal umzudrehen und zu winken. "Sei einmal cool", dachte ich mir.

Der neue Alltag ohne Wombi verlief harmonisch. Nagellackentferner, Föhn und Haarbalsam gingen nicht im Haus spazieren, in der Früh dröhnte keine Radiomusik aus ihrem Zimmer, und die geheimen Schokoladenvorräte unter dem Sieb im großen Nudeltopf blieben unangetastet. Es hätte für alle eine Zeit der Erholung sein können. Ohne Mobiltelefon war die Wombi abgereist, weil die Schule Heimwehattacken und Ablenkung verhindern wollte. "Super", hatten der Olaf und ich das gefunden.

An Tag vier nach Wombis Abreise lag das Mutterherz schwer in meiner Brust. In Gedanken ging ich hunderte Male ihren Koffer durch und checkte täglich den Wetterbericht. Vielleicht hätte ich ihr doch die dicke Fleecejacke einpacken sollen. Ich könnte sie Express schicken. Und Handschuhe auch. Der Olaf sagte, dass die Wombi genug Taschengeld mithabe, um sich das zu kaufen, was sie brauche. "In der Schweiz ist aber alles wahnsinnig teuer", gab ich zu bedenken. "Für ein Paar Handschuhe wird es wohl reichen", sagte der Olaf. Was, wenn gar kein Geschäft in der Nähe war? In der Nacht holte ich mir den keinen Hund der Wombi ins Bett, obwohl ich Hundehaare im Bett so sehr verabscheue wie Pudding mit Haut. Im Traum froren der Wombi die Finger ab, und ich war schuld.

"Wo ist die Schokolade?"

Den Olaf überfiel die Sehnsucht nach der Wombi erst ein paar Tage später. Es war, als er das geheime Schokoladendepot finden wollte und gerade den Wäschekorb umdrehte. "Wo ist die Schokolade?", rief er verzweifelt. Ich sagte, dass ich es nicht wüsste. Die Wombi fand meine Verstecke immer. Sogar, als ich einmal den Hohlraum unter dem Topf der Zimmerpalme mit Süßem angefüllt hatte, war sie dahintergekommen. "Gibt es eigentlich eine Festnetznummer, unter der ich sie anrufen kann?", fragte der Olaf. "Ja", sagte ich, "aber die ist nur für Notfälle!" "Es IST ein Notfall", sagte der Olaf. Dann fuhr er zur 24h-Tankstelle, weil ich weder Notfallnummer noch Schokolade herausrückte. "Mach es nicht", rief ich ihm noch hinterher. Er kam mit einer Jumbotafel zurück. "Magst du auch ein Stück?", fragte er, als nur noch die Hälfte vom Jumbo übrig war. Ich aß den Rest auf. Der kleine Hund saß zwischen uns und schaute traurig. Noch fünf Tage.

Als die Wombi zu uns zurückkehrte, hatten wir drei Kilo mehr – wobei ein Großteil davon auf das schwere Mutterherz und das schwere Vaterherz entfiel.

Ausgehungert stürzte die Wombi, kaum dass sie das Haus betreten hatte, in die Küche und riss den Schrank mit Kochutensilien auf. Zielsicher tastete sie sich durch Pfannen und Töpfe, bis sie unter dem Sieb im Nudeltopf den Leinensack mit den Schokovorräten fand. "Woher wusstest du das?", fragte sie der Olaf und sein Mund stand dabei offen. "Schau", antwortete ihm die Wombi, "letztes Mal war der Sack im Bad hinter den Waschmitteln, die Woche davor im Keller hinter dem Snowboard. Es war logisch, dass jetzt wieder einmal die Küche an die Reihe kommen würde."

Wir sahen ihr selig zu, wie sie alles aufaß und weinten ein bisschen vor Freude, dass sie wieder da war – und dass sie noch alle zehn Finger hatte.

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