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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Boah ey, jetzt muss man seine Geburt schon selbst bekannt geben!

Die Tochter ist sauer: Zur Geburt ihres kleinen Bruders wurden viel tollere Geburtskarten verschickt als damals zu ihrer eigenen. Die Pubertierende fordert Genugtuung. Christiane Tauzher lernt: Für manches ist es nie zu spät.

Teenager-Mädchen ist sauer

Voll unfair, wenn die Eltern für den kleinen Bruder die bessere Geburtskarte verschicken!

Getty Images

Als der Mini vor vier Jahren auf die Welt kam, war die Mücke - damals noch weit entfernt vom gefräßigen trägen Wombat -  kurzfristig begeistert. Sie trug den Mini ununterbrochen herum und ließ ihre Freundinnen aufmarschieren, damit sie dem neuen Bruder huldigen konnten. Ein ähnliches Verhalten legte sie an den Tag, als ich ein paar Jahre zuvor einem Hamster zugestimmt hatte. Conchita, so hieß das Hamsterchen, bekam sieben Tage lang keinen festen Boden unter die Füße, weil die Mücke gelesen hatte, dass "der intensive Körperkontakt in den ersten Wochen ausschlaggebend für die Qualität der Beziehung zwischen Tier und Mensch" sei. Nachdem alle Freundinnen dem Babyhamster ihre Aufwartung gemacht hatten und auch sein Rindenhäuschen in mehreren Mal-Sitzungen mit Wasserfarben verziert worden war, kam er glattgestreichelt in den Käfig, wo er den Rest seines kurzen Lebens dann auch vorwiegend verbrachte. Die gute Beziehung zwischen Mücke und Conchi fand mehr auf einer geistigen Ebene statt.

Den kleinen Bruder hätte sie nach Abflauen der ersten Begeisterung auch gerne in einen Käfig gesetzt - am besten in einen aus Glas, der Gebrüll und Gestank unter Verschluss hielt.

Je älter der Mini wurde, desto weniger interessierte sich die Mücke für ihn. Zehn Jahre lang war sie der Mittelpunkt unserer Familie gewesen, und nun war er es.

Der Mini war drei Jahre alt, als die Mücke zur Wombi mutierte. Oft fragte er die große Schwester: "Warum bist du böse?", und die große Schwester schlug ihm ohne zu antworten die Türe vor der Nase zu. Wahrscheinlich weil sie selbst nicht wusste, warum sie gerade wieder einmal böse war. Eines Tages gab es aber einen triftigen Grund böse zu sein: Die Wombi deckte auf, dass die Anzeigen, die wir nach den Geburten unserer Kinder an unsere Freunde verschickt hatten, von unterschiedlicher Qualität waren: "Wieso hat der Mini eine Geburtsanzeige mit einer Satinschleife und geprägter Goldschrift? Und wieso habe ich nur eine Postkarte?" Ich erklärte ihr, dass wir damals nicht so viel Geld hatten für die Anzeige mit der Schleife.

"Ach", sagte die Wombi, "und findest du das fair?" Ich fand ihre Geburtsanzeige um einiges kreativer und besonderer als die vom Mini. Für das Foto legte ich sie mit drei Wochen in ein Meer von Blumen und drückte mit der alten Kamera meiner Eltern genau in dem Moment ab, als sie von einem Blütenblatt gekitzelt wurde und lächelte. Beim Mini hatten wir einen Fotografen rangelassen, und er sah so optimal ausgeleuchtet auf ein Schaffell gebettet unwirklich perfekt aus. "Also mir gefällt Deine Anzeige besser", sagte ich. "Mir nicht", sagte die Wombi, "ich will auch eine mit Schleife und Goldschrift."

Zuerst dachte ich, sie mache einen Scherz. Dem war nicht so.

Kein Witz!

Eines Nachmittags hatte der Olaf das Geraunze der Wombi satt, und wir fuhren tatsächlich in den kleinen schicken Laden in der Stadt, in dem es nach teurem Papier und Tinte riecht, um 14 Jahre nach der Geburt unserer Tochter Geburtsanzeigen für sie drucken zu lassen. Die mit Perlen behängte Angestellte verzog keine Miene, als ihr die Wombi den Text ansagte: "In großer Dankbarkeit und voller Freude geben wir die Geburt unserer wunderschönen Tochter bekannt".  Zehn Stück ließen wir drucken, weniger war nicht möglich. Eine große rosa Satinschleife prangte mittig über dem 14 Jahre alten Baby-Blumen-Bild der Wombi, dessen Farben am Computer intensiviert worden waren.

Wir zahlten ein kleines Vermögen, um die Wombi glücklich zu machen. Zehn Tage später kamen die Geburtsanzeigen in einer goldenen Schachtel per Post zu uns nachhause.

Die Wombi war zufrieden. Sie verschickte neun von zehn Anzeigen an Großeltern, Tanten und ihre beste Freundin. Eine behielt sie sich und hängte sie über ihr Bett. Der Gerechtigkeit war Genüge getan.

P.S.: Damit wir nicht noch einmal auffliegen, klebte ich auf die Baby-Fotokiste der Wombi ein Etikett mit der Aufschrift "Rechnungen" (vor 14 Jahren gab es noch Fotos auf Papier). Würde die Wombi herausfinden, dass wir den Gästen nach ihrer Taufe nur selbstgemachte Brötchen im Pfarrheim kredenzten - nach Minis Taufe luden wir in ein feines Restaurant zu einem viergängigen Menü - käme uns die Wiedergutmachung teuer.

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