HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

C. Tauzher: Die Pubertäterin: Zack! Dann wird der Geburtstag eben gestrichen!

Die Tochter hat sich wirklich unerträglich aufgeführt. Findet Christiane Tauzher - und streicht die Geburtstagsfeier der Pubertierenden. Gegenwind kommt überraschenderweise nicht vom Kind selbst.

Trauriges Mädchen am Geburtstagstisch

Dann gibt es eben keine Geburtstagsparty!

Getty Images

Als ich mit dem Tablett durch unsere Gasse ging und einen Nachbarn nach dem anderen mit Torte beglückte - "ist übergeblieben!", sagte ich - sah ich die Wombi mit steinerner Miene hinter dem Fenster stehen. Ich hatte es tatsächlich getan. Nicht nur gedroht damit. Den Geburtstag der Wombi ins Wasser fallen lassen. Und zwar den im Kreise der Familie, wo es die guten Geschenke gibt.

Als ich meine Mutter von Wombis Geburtstagsfest wieder auslud, fragte sie mich, ob ich sicher sei, dass ich das wolle. "Nein, ich will es natürlich nicht", sagte ich, "aber es geht nicht anders." Meine Mutter, die mir, als ich ein Teenager war, das schmutzige Geschirr ins Bett kippte, wenn ich es vergessen hatte, in die Spülmaschine zu stellen -  diese Mutter fand plötzlich, dass ich "zu hart" mit der Wombi sei. Ich fand, dass ein nichtgefeierter Geburtstag kein Weltuntergang war.

"Sie war mit ihren Freunden in der Pizzeria", sagte ich,  "also ganz ausgefallen ist der Geburtstag nicht." Meine Mutter seufzte.

"Kann ich trotzdem kurz vorbeikommen und ihr mein Geschenk bringen?", fragte sie  flehend. "Und was ist mit der Torte?"  Ich sagte "Nein" und ein zweites Mal "Nein".

Wie es überhaupt so weit kommen konnte, wusste meine Mutter. Sie wollte es trotzdem noch einmal hören. "Was hat sie denn verbrochen?", fragte sie theatralisch. In diesem Moment hätte ich das Telefonat gerne in ein Funkloch fallen lassen. Was ich mich natürlich nicht traute. Stattdessen antwortete ich: "Ich habe keine Lust ein Fest für jemanden zu machen, der mich seit Tagen wie einen Schuhfetzen behandelt, der sich nicht um seinen Hund kümmert, der sein Zimmer versauen lässt und der nur schläft und am Handy hängt. Mir reicht es einfach."  Meine Mutter fand das übertrieben.

Schultzerzucken, wegstampfen

Die Wombi hatte die Nachricht, dass ihre Geburtstagsjause nicht stattfinden würde, mit Schulterzucken aufgenommen. Dann stellte sie die Frage "Wenn du dich jetzt besser fühlst ...?" in den Raum und ging im Stampfschritt in ihr Zimmer.

Natürlich hätte ich alles rückgängig gemacht, hätte sie mir zu verstehen gegeben, wie wichtig ihr das Zusammentreffen der Familie um die Torte sei, dass ihr ihr Verhalten leid tue, dass sie sich bemühen werde.  Irgendetwas in dieser Art.

Ich stellte mich vor ihre Tür und sagte laut, "ja, ich fühle mich jetzt besser." Was nicht stimmte. Die Torte, die ich mühsam gebacken hatte, aßen jetzt die Nachbarn. Der Olaf stand zwar prinzipiell hinter mir, war aber trotzdem sauer, dass er kein Stück Torte abbekommen hatte, dafür aber der sportliche Nachbar, den er nicht leiden konnte, weil er 700 km pro Woche Rad fuhr und daneben noch ein erfolgreicher Bauunternehmer  war. 

"Mir hast du kein Stück übrig gelassen?", fragte er. "Die Torte schmeckt dir doch gar nicht. War mit Kokos", log ich. Der Olaf hasst Kokos. Er sah mich an, und wir wussten beide, dass die Kokos-Ausrede schwach war. Ich konnte nur eine einzige Torte, und die bestand aus Schokolade und Himbeeren. Kein Kokos.

Als meine Mutter an der Tür läutete, eine wagenradgroße Tortentransportkühltasche in der Hand, strahlte der Olaf. Hilfsbereit nahm er ihr die Last ab.

"Ich habe doch Nein gesagt", sagte ich.

"Sie ist meine einzige Enkelin", sagte meine Mutter und ging an mir vorbei in die Küche.

"Kann ich ein Stück Torte essen?", fragte der Olaf, "Ist es eine Malakoff?"

Meine Mutter nickte.

"Hallo Nonni", rief die Wombi aus ihrem Zimmer heraus, das Codewort Malakoff hatte sie aus ihrem selbst herbeigeführten Elend gerissen.

"Magst du ein Stück Torte kosten?", fragte meine Mutter in Richtung Wombi-Tür.

Wenig später saßen die Wombi, die Nonni und der Olaf um den Küchentisch und aßen Torte. Ich lehnte mit verschränkten Armen am Kühlschrank und konnte es nicht fassen. So war das nicht ausgemacht gewesen.

"Was ist mit dir?", fragte mich meine Mutter.  Der Olaf tat so, als hätte er mich nicht bemerkt. "Ich habe doch gesagt - keine Feier!", presste ich hervor. Die Wombi und der Olaf nahmen sich noch ein Stück.

"Das ist keine Feier", sagte der Olaf, "es gibt keine Kerzen, und wir singen auch nicht."  Alle nickten.

Ich schüttelte den Kopf und ging zur Nachbarin. Wir aßen ein Stück meiner Schoko-Himbeer-Torte. "Glaubst du", fragte ich sie, "funktioniert das Rezept auch mit Kokos?"

 Der Olaf ist der nächste, der Geburtstag hat ...

Wissenscommunity