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C. Tauzher: Die Pubertäterin: "Ich bin kein Kind mehr!"

Als die Tochter aus dem Ferienlager zurückkehrt, ist sie nicht wiederzuerkennen. Die Pubertät hat zugeschlagen. Seltsame Schlafrhythmen, komisches Essverhalten, explosive Stimmungswechsel - Christiane Tauzher erzählt aus ihrem Leben mit einer Pubertäterin.

Junges nachdenkliches Mädchen

In der Pubertät ist die Tochter kaum wiederzuerkennen. 

Getty Images

Als uns die Mücke im Sommer vor einem Jahr nicht mehr erlaubte, sie vom Ferienlager abzuholen, weil sie lieber "mit einer Freundin" mitfahren wollte, ahnte ich, dass etwas im Gange war. Etwas Großes, Unausweichliches. Ich weiß noch, an welcher Stelle im Garten ich stand, als sie anrief. "Ich bin kein Kind mehr", sagte sie, und ich spürte eine Stich in der Herzgegend und lehnte mich an den Stamm der großen Linde, an deren Ast Mückes Schaukel hing. "Okay", sagte ich cool und meinte eigentlich, "du wirst immer unser Kind bleiben." Der Olaf legte sich vor lauter Gram überhaupt gleich ins Bett.

Als sie an diesem Abend zu uns zurückkehrte, war sie eine andere. Etwas war passiert. Unsere Fragen, wie es auf dem Ferienlager gewesen sei, schmetterte sie mit den Worten, "jetzt lasst mich doch einmal ankommen" ab. Dann verschwand sie in ihrem Zimmer, und der Olaf und ich standen vor der verschlossenen Tür und hörten sie dahinter aufgeregt telefonieren. Wir waren ausgeschlossen und durften uns nur noch um die Schmutzwäsche kümmern, die aus dem Koffer quoll. Ein neuer Abschnitt hatte begonnen. Die Pubertäterin, ein träger Wombat (faule, nachtaktive, oft aggressive Beutelsäuger aus Australien), der die quirlige Mücke lahm gelegt hatte, zog ungefragt bei uns ein. Hinter ihrem Rücken nannten wir sie Wombi.

Was dann kam, war die Verwandlung. Vom Hunger geplagt jaulte unser Mops Spike mit seinen walähnlichen Gesängen jahrelang um 6 Uhr früh den neuen Tag ein. Er war eine Art Hahn mit Knautschgesicht. Bis die Wombi ihn abgelöst hat. Unser aller Tag beginnt seither mit Türenknallen, lauter Radiomusik und schweren Schritten. Um halb sechs steht die Wombi unter der Dusche und wäscht sich von Kopf bis Fuß. Täglich. Außer am Wochenende, da musst sie den Schlaf nachholen, den sie von Montag bis Freitag für Haarewaschen, Trocknen, Glätten, Schminken, Augenbrauen trimmen und mindestens fünf Mal umziehen, geopfert hat. Frühstücken geht sich vor der Schule nicht mehr aus, auch deshalb nicht, weil Essen prinzipiell dick macht. Zumindest solange, bis sie in der Schule angekommen ist und sich am Schulbuffet eine Schnitzelsemmel kauft.

Grundsatzgespräche werden ausgesessen

Der Olaf hat der Wombi lange Vorträge darüber gehalten, wie wichtig das Frühstück für den Körper sei. Dass das Gehirn wie ein Motor funktioniere, der ohne Benzin nicht arbeiten könne, dass man am Anfang des Tages wie ein König und am Abend wie ein Bettler essen solle, um nicht zuzunehmen – dieses Argument klang aus seinem Mund allerdings ein wenig unglaubwürdig. (Wenn alle Bettler das zu essen bekämen, was der Olaf am Abend isst, dann hätten sie keine Sorgen). Die Wombi sitzt bei solchen Grundsatz-Gesprächen mit verschränkten Armen da, starrt einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand an und bläst die Backen wie zwei Ballone auf, aus denen sie die Luft geräuschvoll wieder entweichen lässt.

Der Olaf hat wirklich viel Geduld, und manchmal fragt er nach, ob sie ihn verstanden habe.

Ihre Standard-Antwort: "Kann ich jetzt gehen?"

Olaf: "Ist es so langweilig, was ich dir erzähle?"

Wombi: "Ja."

Es folgt ein theatralisches Gähnen. Meistens ist der Olaf an diesem Punkt beleidigt und sagt "dann geh!" In der Hoffnung, dass sie nicht geht, wieder zur Mücke wird, ihm um den Hals fällt und ihn fragt, ob er noch mit ihr Palatschinken macht. Wie oft sind sie am Abend, wenn die Geschäfte schon geschlossen waren, noch zur Tankstelle gefahren, um Nutella für die Füllung zu kaufen. Das vielgepriesene, gesunde, nicht dick machende Wie-ein-Bettler-Abendessen kam schon früher nicht immer zur Anwendung.

Aber die Mücke, die gern mit dem Papi Palatschinken machen würde, ist weg. Die Wombi steht kaltblütig auf und sucht das Weite. TROMP, TROMP, TROMP dröhnen ihre Schritte durchs Haus. "Wir müssen sie lassen", sage ich meistens an dieser Stelle. "Ja", sagt der Olaf. Und dann seufzen wir. Manchmal machen wir uns Palatschinken, die wir ganz alleine essen.

Video-Reportage: Hilfe, mein Kind pubertiert!
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