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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Wenn das Kind endlich ein Smartphone hat ...

Nach dreijährigem Genörgel hat die Mücke endlich ein Smartphone, allerdings ohne Internetzugang. Christiane Tauzher führt mit ihrer Tochter endlose Diskussionen zu dem Thema - bis sie sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschließt.

Drei Mädchen benutzen ihre Smartphones

Was tun, wenn das Kind unbedingt ein Smartphone haben möchte?

Getty Images

Ich bin meiner Zeit meistens hinterher. Am liebsten sind mir Geräte, die einen Einschalt- und einen Ausschalt-Knopf haben und die sich selbst erklären. Um fast alles, was ein Display hat, mache ich einen Bogen. So kommt es auch, dass wir unser Brot mit einer Maschine schneiden, die meine Eltern vor 45 zur Hochzeit bekommen haben, dass unser Kaffee noch knatternd durch einen Papierfilter rinnt und dass wir zu Hause mit einem Apparat telefonieren, der auf einem Biedermeier-Tischchen im Vorzimmer steht und dessen Hörer an einem Spiralkabel hängt. Wovon ich mich vor Kurzem schweren Herzens trennte, ist mein kleines aufklappbares Tastentelefon. Nach sieben Jahren gab die Kamera, die nur mehr grobkörnige Bilder zustande brachte, endgültig den Geist auf. Der Olaf redete mir gut zu und tauschte es gegen ein Smartphone aus, mit dem ich lange nicht warm wurde. Ihm war es, glaube ich, peinlich, dass sich seine Frau an ein Handy klammerte, aus der sie eine kleine Antenne herauszog, wenn der Empfang schlecht war. Natürlich gab er das nicht zu, aber er war trotzdem froh, dass ich einen kleinen Schritt in die neuen Zeiten machte und mich aus der small world wagte – wie er meine Welt der alten Dinge gerne bezeichnete. Es machte mir keinen Spaß, dieses Smartphone, das Fotoapparat, Lexikon, Taschenrechner, Zeichenblock, Videokamera und Telefon in einem Gerät vereint. Die Bedienungsanleitung war dicker als das Ding selbst. Wie ein bis an die Zähne bewaffneter Krieger kam es mir vor, das in meine small world eindrang, um Schaden anzurichten.

Der Mücke konnte die Zerstörung nicht schnell genug gehen, ihr war small world von Anfang an zu klein und zu "retro" gewesen. Als sie sich das erste Mal mit acht Jahren vom Christkind ein Smartphone wünschte, ging eine Erschütterung durch small world. Wäre ich tot gewesen, der Olaf hätte es ihr sofort gekauft. Aber ich lebte auch drei Jahre später noch. Als die Mücke elf war, ging ihr Wunsch in Erfüllung. Für mich war es ein trauriger Tag, als sie das Smartphone, das in meinen Augen das Gegenteil von smart ist, in ihr Leben ließ.

"Alle haben eines", sagte die Mücke.

Meine Argumente, dass dieses Ding die Fantasie töten und die Seele verderben würde, fand sie lächerlich. Was ich trotzdem unter Verschluss hielt, war der Schlüssel zur Büchse der Pandora. Ohne Internetzugang machte das Ding natürlich nur halb so viel Spaß. Ähnlich einer Musicbox mit einer Million Liedern, die immer nur dieselben fünf abspielen konnte. Jeden Tag beschwerte sich die Mücke und je älter sie wurde, desto schwieriger wurde es, die Büchse verschlossen zu halten. Nur einen Kollegen in ihrer Klasse hatte es noch härter getroffen als sie. Er musste mit einem Tastenhandy sein Dasein fristen. Manchmal klagten sie einander ihr Leid, was auch nichts änderte.

Wenn Mückes Freundinnen zu Besuch kamen und als Erstes nach dem WLAN-Passwort fragen, stellte ich mich taub. Da die Mücke das Passwort selbst nicht wusste, herrschte zuerst Verwunderung und dann Ratlosigkeit bei ihren Gästen. So saßen sie gelangweilt herum, streichelten die Hunde und fragten sich, was sie bloß mit dem nutzlosen Nachmittag anfangen sollten. Erstaunlicherweise fand sich dann immer etwas, das Spaß machte und wofür kein Internet gebraucht wurde. Sobald die Fantasie genug Raum hatte, konnte sie sich auch entfalten. Langeweile war schon immer der beste Nährboden für kreative Ideen.

Da die Mücke wusste, dass es sinnlos war, mich von den Vorteilen eines Internetzuganges überzeugen zu wollen, suchte sie Verbündete innerhalb der Familie, von denen sie annahm, dass sie Einfluss auf mich haben könnten. Bis auf die Nonni, Ehren-Präsidentin von small world, gelang es ihr, meinen Bruder, meine Cousine und ihre Großtante als Unterstützer zu gewinnen, die für sie in die Bresche sprangen.

"Man muss mit der Zeit gehen", sagte ihr Onkel.

"Verbote sind keine Lösung", sagte die Großtante.

"Das Kind wird zum Außenseiter", sagte meine Cousine.

Der Olaf, der zwar mit mir in small world lebte, aber beruflich im Haifischbecken schwamm, zog zum Glück in dieser Sache mit mir an einem Strang. Die Kinder und Jugendlichen, die sich nichts mehr zu sagen hatten und die mit gesenkten Köpfen über ihre Smartphones gebeugt nebeneinander an der Bushaltestelle standen, machten ihm genauso große Angst wie mir.

"Aber du hast ja auch Internet am Handy – wieso darf ich dann nicht?", fragte die Mücke.

"Ich fahre auch mit dem Auto und du noch nicht", antwortete ich, "alles eine Frage des Alters. Du musst Geduld haben."

Die Mücke sah mich an, als hätte ich von ihr verlangt, Innereien zu essen. Geduld war in unserer Familie nur in kleinen Dosen vorhanden.

"Ich bin die Einzige in der Klasse, die ein Smartphone hat, das nichts kann", sagte sie, "bis auf den Oliver. Der ist noch ärmer dran mit seinem Tastenhandy."

Sie tat mir ein bisschen leid, und ich verstand sie auch. Als Einzige etwas nicht zu haben, was alle hatten, war eigentlich gemein. Während meiner Teenagerzeit durften meine Klassenkolleginnen am Nachmittag fernsehen. "Falcon Crest", "Knight Rider" und "Hulk" liefen damals, und man durfte keine Folge versäumen, um dazuzugehören. Weil ich nicht fernsehen durfte, erfand ich irgendwelche Folgen, die niemand gesehen haben konnte. Der Schwindel flog auf, als ich eine Figur unabsichtlich sterben ließ, die in der richtigen Serie gerade heiratete. Ich war das Gespött der Schule.

"Wenn ich mir etwas überlege", sagte ich, "etwas richtig Tolles – das nur du hast und sonst keiner, bist du dann bereit, bis auf Weiteres auf einen Internetzugang zu verzichten?"

Der Mücke fiel nichts ein, was so toll sein konnte, dass es das Internet ersetzen würde. Mir schon. Ich kaufte ihr ein weißes Chihuahua-Baby.

Als wir das Hündchen, das in eine Suppenschale passte, bei der Züchterin abholten, sagte die Mücke feierlich: "Ja, ich will."

Langsam dämmerte es ihr, dass mir das Internet richtig Angst machen musste, wenn ich sogar bereit war, einen dritten Hund ins Haus zu holen. Meine Freunde erklärten mich für verrückt. Drei Hunde – das sei doch nicht normal? Aber was ist schon normal? Mir war jedes Mittel recht, um mein Kind so lange wie möglich von der Elektronik und den damit verbundenen Gefahren und Bildern fernzuhalten.

Nicht für immer – aber für jetzt und für morgen und für übermorgen. Je mehr "echte Momente" die Mücke in dieser Zeit sammeln würde, umso besser: Sonnenuntergänge, den Duft von gemähtem Gras, Sommerregen auf der Haut, Waldspaziergänge, Vogelgezwitscher.

Seit Ruby zu unserer Familie gestoßen ist, fragen nicht einmal Mückes Freundinnen mehr nach dem WLAN-Passwort, wenn sie auf Besuch sind. Der kleine putzige Hund ist viel spannender, und er ist vor allem lebendig und kein virtuelles Spiel auf einer Mattscheibe. Er hat die Kinder wieder ein Stück weit nach small world zurückgeholt, dorthin, wo es kein Internet gibt. Wenn die Mücke gemeinsam mit ihrem Hund und ihren Freundinnen zum Bach läuft, wenn ich sie lachen und plaudern höre, wenn sie mit Blumen hinterm Ohr nach Hause kommen und mir das neueste Kunststück vorführen, das sie Ruby beigebracht haben, dann bin ich heilfroh, dass small world noch nicht untergegangen ist.

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