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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Wenn Hunde im Taxi verkuppelt werden

Im Taxi stellen die pubertierende Tochter und der Fahrer fest, dass sie beide einen Chihuahua besitzen. Was liegt da näher, als schnell mal Hundebabys zu planen? Christiane Tauzher kriegt Panik und muss schnell handeln.

Chihuahua Ruby

Gestatten: Ruby, Wombis Chihuahua

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Als ich das Taxi rief, um mit der Wombi ins Theater in die Stadt zu fahren, ahnte ich nicht, dass der Fahrer, ein Herr Milovan, den Haussegen schief hängen würde. Herr Milovan erzählte mir in den ersten fünf Minuten, die wir im Fond seines Wagens saßen, von seiner traurigen Kindheit als bosnisches Waisenkind, seiner abgebrochenen Schulausbildung, seiner untreuen Ehefrau und seinen drei nichtsnutzigen Kindern.

Gleich nachdem wir eingestiegen waren, hatte sich die Wombi die Ohren mit Kopfhörern zugestöpselt, und die Tür zur Außenwelt hinter sich zugezogen. Mit entrücktem Blick sah sie aus dem Fenster. Ab und zu wippte sie zum Takt der Musik mit dem Fuß. Hätte man ihr nach der Fahrt ein Foto von Herrn Milovan gezeigt sie hätte unter Eid geschworen, den Mann noch nie gesehen zu haben.

Es war ein langer Weg bis zum Theater, und wir gerieten in einen kurzen Stau. Mit der flachen Hand schlug Herr Milovan auf das mit Lammfell überzogene Lenkrad und sagte "Scheiße". Doch plötzlich hellte sich seine Miene auf. Er griff nach seinem Smartphone und zeigte mir ein Foto seines "größten Schatzes". Rocky hieß der größte Schatz von Herrn Milovan und war ein  langhaariger Chihuahua. Ich nahm das Smartphone, um mir Rocky genauer anzuschauen. Bis auf die Fellfarbe  schaute er aus wie unser Chihuahua Ruby. "Meine Tochter hat auch so einen", sagte ich. Herr Milovan wäre vor Freude über diese Neuigkeit fast in den Vorderwagen gekracht und bremste scharf. Der Wombi fiel dabei ein Kopfhörer aus dem Ohr und sie erwachte aus ihrer Trance. "Schau", sagte ich, erfreut über den unverhofften Moment der  Aufmerksamkeit, "der Herr hat auch einen Chihuahua." Ein schwerer Fehler, wie sich herausstellte. Die verbleibenden zehn Kilometer fachsimpelten Herr Milovan und die Wombi über das Wesen, die Erziehung und die Pflege ihrer Chihuahuas. "Ist dein Hund kastriert?", fragte plötzlich Herr Milovan, "wir könnten Babys bekommen."  Noch zwei Kilometer. Die Wombi war von der Idee begeistert und wollte sofort ein erstes Date zwischen Rocky und Ruby vereinbaren, um gleich die bevorstehende Läufigkeit auszunützen. Zum Glück hielten wir in diesem Moment vor dem Theater, und es war keine Zeit mehr um die Einzelheiten zu besprechen. Herr Milovan gab der Wombi einen Zettel mit seiner Nummer. "Melde dich", sagte er. Die Wombi versprach es.

Ruby nach der Kastration

Ruby nach der Kastration

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Am nächsten Tag, die Wombi saß in der Schule, rief ich unseren Tierarzt an, um einen Termin für die Kastration zu vereinbaren. Denn abgesehen von der Gefahr, die nun vom Hund eines Taxifahrers ausging, gab es noch die Gefahr im eigenen Haus: unseren unkastrierten Mops Spike, der auf die 18 zugeht. Der alte Spike litt jedes Mal Höllenqualen, wenn das kleine Luder vor seiner Nase ihre Duftnoten setzte und ihn umtänzelte. Eigentlich sah, hörte und roch der alte Spike nichts mehr. Aber sobald Ruby läufig wurde, ging ein juveniler Ruck durch seinen von Arthrose steifen Körper, und er erwachte zu neuem Leben, markierte jeden Küchenschrank und stöhnte vor Sehnsucht.

Jetzt muss es schnell gehen

Die Wombi war damit einverstanden gewesen, Ruby kastrieren zu lassen. Dass sich ihr schönes weißes Hündchen mit dem keuchenden Greis Spike paaren würde, hatte sie ausgeschlossen. Aber das war vor Rocky gewesen. Ich musste schnell handeln. Zum Glück hatte die Tierärztin Verständnis für das Problem und bestellte Ruby schon für den nächsten Tag zur Operation.

Als die Wombi davon erfuhr, schluchzte und weinte sie, als hätte ich ihren Hund einschläfern lassen. In der Praxis der Tierärztin nahm sie die schläfrige in einen blauen Strumpf gewickelte Patientin nach der geglückten Kastration in Empfang. Ruby sah mit grasigen Augen zu ihr hoch und sackte gleich wieder in sich zusammen. "Das ist normal nach einer Narkose", sagte die Ärztin, "in ein paar Tagen ist sie wieder die Alte". Die Wombi verließ die Praxis grußlos und weinte dabei. Als sie den Hund an sich gepresst ins Auto stieg, war Rubys Kopf  ganz nass von den vielen Tränen. "Ihr habt meinen Hund umgebracht", schrie die Wombi, als wir alleine im Auto waren.

"Nein", sagte ich sanft, "wir haben ihn nur kastrieren lassen." Die Wombi küsste das nassgeweinte Hundeköpfchen. "Sie wird nie mehr dieselbe sein", schluchzte sie, und neue Tränen rollten. "Sie wird fett werden und bissig und vielleicht stirbt sie auch", wehklagte die Wombi. "Du wirst sehen", sagte ich, "das wird alles nicht passieren."

Ruby und Spike

Ruby und Spike führen jetzt eine platonische Beziehung

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"Du bist nicht Gott", kreischte die Wombi. Ein bisschen schon, fand ich, denn wäre es nach Gott gegangen, hätten Herr Milovan und Rocky Einzug in unsere Familie gehalten, und der alte Spike wäre an gebrochenem Herzen gestorben.

P.S.: Ruby ist weder fett noch bissig geworden, und am Leben ist sie auch noch. Spikes Gefühle für Ruby sind erkaltet.

P.P.S.: Mit dem Taxi sind wir sicherheitshalber seither nicht mehr gefahren.

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