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C. Tauzher: Die Pubertäterin: "Kind, du musst dich mehr bewegen" - "Von Seitenstechen kann man sterben!"

Sport ist Mord - die Tochter hat das Motto sehr verinnerlicht. Doch ein Minimum an Kondition muss sein. Christiane Tauzher überredet die Pubertierende zum gemeinsamen Joggen. Es werden verdammt lange 500 Meter.

Erschöpfte Läuferin

Konditionell ist bei der Tochter noch Luft nach oben (Symbolbild)

Getty Images

Von den Großeltern, den Freunden der Großeltern, der Schwester der Großmutter, vom Pfarrer, der Lehrerin, von der Nachbarin - kurz gesagt von allen - hörte die Wombi seit jeher, dass sie musisch begabt sei. Früh fand sie heraus, dass von Künstlern, zu denen sie sich offensichtlich bereits zählte, keine körperliche Ertüchtigung erwartet oder verlangt wurde. Ihr Großvater, ein studierter Pianist, warnte sie sogar, dass Sport eine echte Bedrohung für die Hände darstelle, die ja das Werkzeug eines jeden Musikers seien. Er veranschaulichte die Gefahr mit einer Geschichte, die davon handelte, wie er bei einem Urlaub in Afrika vor fünfundzwanzig Jahren beinahe einen Finger verlor. Er ging damals nicht auf Großwildjagd, sondern schwimmen. Es war das erste und einzige Mal, dass ich meinen Vater in einem Gewässer außerhalb der Badewanne sah. Ich wusste nicht einmal, ob er schwimmen konnte und war sehr gespannt. Kaum hatte er den Boden unter den Füßen verloren und zur ersten Schwimmbewegung angesetzt, hielt er die rechte Hand wie einen Fahnenmast aus dem Wasser, auf der ein Seeigel hing. Der Hotelarzt eilte herbei, entfernte den Igel und zog Stachel für Stachel aus der Hand meines Vaters, mit der er sein Geld verdiente. Einer brach dabei ab und der Stachelkopf steckte so tief im Zeigefinger fest, dass ihn der Arzt nicht herausholen konnte. Damit war der Urlaub zu Ende, wir flogen nach Hause, mein Vater klagte über Lähmungserscheinungen in der Hand und schwor, seinen Körper nie wieder in so eine gefährliche Lage zu bringen. Zum Glück verließ seine Finger die Kraft dann doch nicht, und er konnte weiter seinem Brotberuf am Klavier nachgehen. Trotzdem zeigte er der Mücke bei jeder Gelegenheit den kleinen schwarzen Punkt auf seinem Finger, der angeblich noch ein Fragment des Stachels war.

"Pass immer gut auf", sagte er zu ihr, "damit es dir nicht so ergeht wie mir damals."

Die Wombi nahm den Opi beim Wort und passte auf, sich aus Sicherheitsgründen so wenig wie möglich zu bewegen. Meine Versuche, eine passende Sportart für sie zu finden, scheiterten. Sogar vor dem Spaziergang mit dem Hund versuchte sie sich jeden Tag zu drücken. Erst wenn ich die letzte Karte, den Handyentzug, ausspielte, kroch sie aus dem Bett, schminkte sie sich sorgfältig, verließ mürrisch das Haus, marschierte bis zum Ende der Straße und setzte sich dort, wo das Bächlein vorbeifloss, auf eine öffentliche Bank. Kaum saß sie, begann sie auch schon zu telefonieren, und der Hund lag im Gras zu ihren Füßen. So sah "ein Spaziergang" bei der Wombi aus.

Den Ausschlag, dass sich etwas ändern musste, gab ihre Turnlehrerin, die mir am Sprechtag etwas von schlechter Kondition und fehlender Ausdauer erzählte: "Sie müssen Ihr Kind zur Bewegung motivieren. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran."

Der Samstag war verregnet, und die Wombi holte noch einen Tag Aufschub heraus. Mit den Worten "heuten gehen wir es an" weckte ich sie am Sonntag. Als Stärkung hatte ich ein Müsli mit Früchten vorbereitet, auf das sie keine Lust hatte.

"Wenn du vor dem Laufen nichts isst, wirst du schneller müde", sagte ich. Genau das war der Plan. Kaum hatten wir das Haus verlassen, klagte sie über kalte Füße.

"Das vergeht schon wieder, wenn du dich ein bisschen bewegst", sagte ich fröhlich und gab eine gemütliche Aufwärm-Geschwindigkeit vor.

"Ich muss mir das Schuhband neu binden", sagte sie nach etwa fünfzig Metern und blieb stehen. Zur Sicherheit band sie sich auch das zweite noch einmal.

"Total bescheuert und übertrieben"

"Weiter geht's", rief ich, als sich die Wombi wieder aufgerichtet hatte. Ich trippelte hochmotiviert, um ein gutes Vorbild abzugeben, auf der Stelle, was die Mücke "total bescheuert und übertrieben" fand. "Ich kühle sonst aus", erklärte ich ihr.

Sie verdrehte die Augen und fiel in einen schwerfälligen Trab, als hätte sie Gewichte an den Füßen. Nach weiteren fünfzig Metern hatten wir den Bach unterhalb unseres Hauses erreicht und passierten DIE Bank. Die Wombi hielt an und ließ sich nieder: "Ich brauche eine Pause."

"Weiter!", sagte ich nur und zog sie an der Hand hinter mir her. Stöhnend setzte sie sich wieder in Gang, als wären bereits alle Kräfte verbraucht.

"Schau", rief sie plötzlich und stoppte erneut, "da drüben schwimmt eine Mandarin-Ente. Die sieht man nur urselten."

Ich lief einfach weiter, denn die seltenen Mandarin-Enten sahen wir jeden Tag.

"Oh, Gott!", rief die Wombi plötzlich, "die Ente ist verletzt! Sie blutet. Komm schnell."

Ich lief zurück, um der Ente Erste Hilfe zu leisten. Die Verletzung erwies sich bei genauerer Betrachtung als rote Feder.

Hundertfünfzig Meter gelaufen.

"Mir ist heiß", klagte die Wombi nach zweihundertfünfzig Metern.

Ich nahm ihre Weste an mich. Hundert Meter weiter auch ihre Haube und den Loop. Es kam uns ein Pudel entgegengelaufen.

"Moi, ist der süß", sagte die Wombi, ging vor dem Hündchen in die Knie und smalltalkte angeregt mit der Pudelfrau.

Ich war schon weit voraus, als die Mücke endlich unter Ächzen und Fluchen aufschloss: "Ich habe Seitenstechen. Hast du etwas zu trinken oder zu essen mit?"

Ich verneinte. Unter diesen widrigen Umständen, erklärte mir die Wombi, sehe sie sich außer Stande weiterzulaufen. Außerdem habe ihr der Opi erzählt, dass man von Seitenstechen sterben könnte. Mittlerweile hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben, und die Wombi fröstelte. Nachdem sie alles wieder angezogen, was sie zuvor ausgezogen hatte, bekam sie unerwartet "Schmerzen in der Kniescheibe."

Ich gab auf. Gehend traten wir den Heimweg an.

Geändert hat sich trotzdem etwas: Wombis Spaziergänge mit dem Hund sind ausgedehnter als früher. Denn "irgendein Spießer" (Zitat Wombi) hatte sich bei der Polizei darüber beschwert, dass die Bank am Fluss ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche sei, die hier rauchen, trinken und laut sein würden. Der Spießer hatte sogar Bierflaschen unter die Bank gestellt und Kippen verteilt, bevor er Beweisfotos machte. "Und die Polizei glaubt den Mist", echauffierte sich die Wombi.

Sachen gibt's. . . Die Bank gibt es auf jeden Fall nicht mehr. Abmontiert.

P.S.: Dass ich Kippen fremder Leute einsammeln würde, um meinem Kind zu mehr Bewegung zu verhelfen, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

P.P.S.: Spießerin, ich.

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